Womöglich 28 Babys in Graz an Masern erkrankt

    29. Jänner 2019, 12:48
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    Vor drei Wochen wurde der erste Masernfall in diesem Jahr bekannt. Einem Medienbericht zufolge sind nun möglicherweise 28 Babys infiziert

    Am 11. Jänner gab es den ersten Masernfall dieses Jahres in Österreich: Bei einem 15-Jährigen wurde in der Kinderklinik am LKH Graz die Infektion mit den hochansteckenden Viren diagnostiziert. In der Spitalsambulanz habe der Jugendliche weitere acht Kinder angesteckt, sagte am 26. Jänner Andrea Grisold, Vorsitzende des österreichischen Masernkomitees. Alle acht Kinder, die in den vergangenen Tagen an Masern erkrankt sind, seien an jenem Tag in der Klinik gewesen, an dem der 15-Jährige mit Masern – ohne davon zu wissen – die Ambulanz aufgesucht hatte.

    Laut einem Bericht der "Kleinen Zeitung" ist nun von möglicherweise 28 infizierten Babys die Rede. Demnach war ein im LKH Graz infiziertes Kind "höchstwahrscheinlich" in einer steirischen Kinderarztpraxis, wo es wiederum mehrere Personen angesteckt haben dürfte. Das Kind hatte Kontakt mit mindestens 22 Babys und anderen Kindern – insgesamt müssen dem Bericht zufolge derzeit 28 Babys an der Kinderklinik vorsorglich behandelt werden.

    Säuglinge mit Immunglobuline behandelt

    Bei der Landessanitätsdirektion lagen Dienstagmittag 13 gemeldete und großteils bestätigte Fälle auf, sagt Fachbereichsleiterin Marianne Wassermann-Neuhold. Weitere seien zu erwarten. Denn statistisch gesehen steckt ein Masernerkrankter rund 18 Personen an. Beim Grippevirus sind es im Schnitt vier Personen. Wer nicht gegen Masern geimpft ist, kann das binnen 72 Stunden nach Kontakt mit einem Erkrankten noch tun. Die Inkubationszeit – also die Zeit, bis die Krankheit dann ausbricht – liegt zwischen acht und maximal 21 Tagen. Laut Andrea Grisold rechne man deshalb in den nächsten Tagen und Wochen mit weiteren Fällen.

    Erst am Montag waren sechs dazugekommen, am Dienstag konnten so rund ein Dutzend Infektionsfälle bestätigt werden. Noch nicht eingerechnet sind jene Fälle, die möglicherweise in Kinderarztpraxen übertragen wurden. Das könne passiert sein, da Eltern zunächst ja nichts von der Ansteckung ihrer Kleinen wussten. Tatsächlich seien manche mit ihren offenbar bereits infizierten Kindern in anderen Ordinationen gewesen, bestätigt Wassermann-Neuhold.

    Da bei Säuglingen keine Impfungen vorgenommen werden können, müssen nun eine Reihe von Babys vorsorglich mit Immunglobulinen – der sogenannte passiven Impfung – in der Kinderklinik behandelt werden. Wie viele deswegen stationär aufgenommen wurden, konnte das LKH am Dienstag nicht beziffern, da man auch wegen der anlaufenden Grippewelle und Krankenständen alle Hände voll zu tun habe.

    Krankheitsfall in Tirol

    Eine Frau aus dem Bezirk Kufstein ist an Masern erkrankt. Das teilte das Land Tirol am Dienstag in einer Aussendung mit. "Die Patientin befindet sich am Bezirkskrankenhaus Kufstein unter Quarantäne in ärztlicher Betreuung", sagte Bezirkshauptmann Christoph Platzgummer. Im Raum Wörgl wird zudem eine zweite, davon unabhängige Masernerkrankung eines Mannes vermutet.

    Es seien umgehend alle Vorkehrungen getroffen und notwendige Abklärungsmaßnahmen eingeleitet worden, um eine weitere Verbreitung der Krankheit zu verhindern, hieß es. Der zweite Verdachtsfall sei durch entsprechende Laborbefunde jedoch noch zu bestätigen. Möglicherweise gefährdete Personen, die mit den beiden Patienten zuletzt in Kontakt standen, wurden informiert.

    Hochansteckende Krankheit

    Die Krankheit wird über beim Sprechen, Husten oder Niesen ausgestoßene Tröpfchen übertragen und gilt als hochansteckend. Im Vorstadium treten Fieber, Schnupfen, trockener Husten und Bindehautentzündung auf. Am zweiten bis dritten Krankheitstag kommt es zu einer Rötung des Gaumens und typischen weißen Flecken an der Wangenschleimhaut, danach zu einem Abfall des Fiebers und ab etwa dem vierten Krankheitstag zum Auftreten des charakteristischen roten, fleckigen Hautausschlags. Dieser breitet sich vom Gesicht über den ganzen Körper aus und geht nach etwa einer Woche unter Bildung von Schuppen wieder zurück.

    Sobald sich erste Krankheitszeichen zeigen, sollten die betroffenen Personen zu Hause bleiben und den Kontakt mit anderen nicht geschützten Menschen, insbesondere mit Schwangeren, Säuglingen und abwehrgeschwächten Personen meiden. Vor Masern geschützt sind Personen, die bereits eine Maserninfektion durchgemacht haben oder zweimal mit dem entsprechenden Impfstoff geimpft wurden.

    Nur Impfen bietet Schutz

    Für eine ausreichende Herdenimmunität wäre eine Durchimpfungsrate von 95 Prozent mit zwei Dosen erforderlich. Das heißt, 19 von 20 Personen müssen zwei Dosen einer Masern-Mumps-Röteln-Kombinationsimpfung erhalten. Damit könnte das Virus ausgerottet werden. Die Daten für 2017 zeigen jedoch, dass in der Gruppe der Zwei- bis Fünfjährigen die Durchimpfungsrate mit der zweiten Dosis nur bei etwa 81 Prozent liegt. Konkret heißt das, dass 48.000 Kinder in dieser Altersgruppe eine zweite Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln erhalten sollten.

    Bei den Sechs- bis Neunjährigen liegt der Wert für die zweite Dosis bei 89 Prozent. In dieser Altersgruppe sollten fast 27.000 Kinder eine zweite MMR-Impfung erhalten. Bei den 15- bis 30-Jährigen verfügen nur knapp 70 Prozent über einen kompletten Impfschutz. Demnach fehlt fast einer halben Million Menschen zwischen 15 und 30 Jahren die zweite Dosis der Vakzine gegen Masern.

    Wassermann-Neuhold appelliert an Eltern, sich selbst und auch ihre Kinder impfen zu lassen – gerade weil damit Ansteckungen bei Säuglingen vermieden werden können. Sollte es zu einem Masernverdacht kommen, sollen Patienten keinesfalls volle Ambulanzen und Ordinationen aufsuchen, sondern vorher anrufen und sich erkundigen. (red, APA, 29.1.2019)

    Wissenswertes über Masern:

    Masern sind eine weltweit verbreitete Infektionskrankheit, die durch das Masernvirus (Morbilli-Virus, ein Paramyxovirus) übertragen wird. Es handelt sich um eine der ansteckendsten Erkrankungen überhaupt: Praktisch jeder nichtimmune Mensch, der Kontakt mit einem Masernkranken hat, steckt sich mit dem Erreger an.

    Masern sind alles andere als eine harmlose Kinderkrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat erst Ende 2018 vor der rasant steigenden Zahl der Infektionen gewarnt. 2017 sind weltweit um 30 Prozent mehr Fälle gemeldet worden als im Jahr davor, berichtete die UNO-Organisation. Demnach sind 2017 weltweit 110.000 Menschen daran gestorben, die meisten davon Kinder. Auch in Österreich kommt es immer wieder zu Masernfällen, obwohl dies durch konsequentes Impfen zu vermeiden wäre.

    Durch die Infektion mit den Viren wird das menschliche Immunsystem stark geschwächt. Bei etwa jedem zehnten Erkrankten kommt es zu einer Mittelohrentzündung (Otitis media), die meist durch Bakterien hervorgerufen wird (sogenannte bakterielle Superinfektion). Bei etwa jedem zwanzigsten Masernfall kommt es zu einer Bronchitis oder Lungenentzündung (Pneumonie), die durch das Virus selbst oder durch eine bakterielle Superinfektion ausgelöst wird.

    Eine besonders gefürchtete Komplikation ist die sogenannte Masernenzephalitis, also eine Entzündung des Gehirns, die bei etwa einer von 1.000 bis 2.000 Erkrankungen auftritt und in etwa zehn bis 40 Prozent der Fälle tödlich verläuft. In weiteren 20 bis 40 Prozent der Fälle kommt es zu bleibenden Folgeschäden. In extrem seltenen Fällen kann als Spätfolge eine sogenannte subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE) auftreten, eine langsam verlaufende Gehirnerkrankung, die tödlich endet. Darüber hinaus besteht während einer Infektion mit Masern ein erhöhtes Risiko, an Diphtherie, Keuchhusten oder Tuberkulose zu erkranken.

    Konsequenzen eines unzureichenden Impfschutzes:

    Wenn eine Person an Masern erkrankt ist, sind die zuständigen Behörden dazu verpflichtet, jede einzelne Kontaktperson zu identifizieren, zu kontaktieren, aufzuklären, den Impfstatus zu erheben, gegebenenfalls zu impfen oder entsprechenden Einschränkungen zu unterziehen.

    Wer nicht ausreichend gegen Masern geschützt ist, kann im Falle eines Kontakts mit einem Masernpatienten bis zu 21 Tage von der zuständigen Behörde vom Besuch von öffentlichen Einrichtungen ausgeschlossen werden. Das betrifft beispielsweise den Arbeitsplatz, Kindergarten, Schule oder Hort.

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    • Masern könnten schon längst der Vergangenheit angehören: Vorausgesetzt, 95 Prozent der Bevölkerung sind geimpft.
      foto: apa/dpa/lukas schulze

      Masern könnten schon längst der Vergangenheit angehören: Vorausgesetzt, 95 Prozent der Bevölkerung sind geimpft.

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