Mehr Bahn, weniger Fleisch: So überwinden Sie den Klima-Schweinehund

    29. Jänner 2019, 09:40
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    Österreichs Pro-Kopf-Emissionen steigen seit Jahren, Mobilität und Ernährung fallen besonders schwer ins Gewicht. Dabei können kleine Verhaltensänderungen maßgeblich zu einer positiveren Klimabilanz beitragen

    Sie kauft ab und zu Biolebensmittel, fährt bei Schönwetter mit dem Rad in die Arbeit und nimmt ein Stoffsackerl mit in den Supermarkt. Sie, die jede halbwegs umweltbewusste Frau in Österreich sein könnte, fliegt außerdem für einen Kurzurlaub nach Hamburg – und verschlechtert ihre eigene Klimabilanz damit deutlich.

    "Fliegen ist ein absolutes Desaster, was den Umweltschutz betrifft", sagt Mobilitätsexperte Werner Pölz vom Umweltbundesamt. Der Ausflug der Dame nach Hamburg verursacht mit dem Flugzeug mehr als siebenmal so viele Treibhausgasemissionen wie eine Anreise mit der Bahn (siehe Grafik). Kostenwahrheit gebe es bei den unterschiedlichen Anreisen keine, meint Pölz. So ist die Anreise per Flugzeug zumeist günstiger als mit Bahn oder Bus.

    Langstreckenflüge fallen noch drastischer ins Gewicht: Ein einfacher Flug von Wien nach New York verursacht beispielsweise rund 1,5 Tonnen CO2 pro Person. Zum Vergleich: Der durchschnittliche Treibhausgasausstoß pro Kopf und Jahr beträgt in Österreich 9,4 Tonnen CO2-Äquivalent. 1960 emittierten Österreicher noch um die Hälfte weniger. Aktuelle Zahlen zur österreichischen Treibhausgasbilanz werden am Dienstag präsentiert.

    Insgesamt sind die Pro-Kopf-Emissionen seit 1990 zwar gesunken, in den vergangenen Jahren ist der Wert jedoch wieder leicht angestiegen. Dabei spielen Faktoren wie Bevölkerungswachstum, Konjunktur sowie Witterung – und der entsprechende Heizaufwand – eine Rolle. Werden diese Faktoren ausgeblendet, stagnieren Österreichs Pro-Kopf-Werte gegenüber 1990 im Mehrjahresmittel. Die Republik zähle dabei zu den Ausnahmen in der EU, sagt Klimaexperte Gottfried Kirchengast vom Grazer Wegener Center. In fast allen anderen Ländern sind die Werte gesunken. Doch um die Ziele der Pariser Klimakonvention zu erreichen, müsste jeder Österreicher den Verbrauch halbieren.

    Angst vor dem Klimawandel

    In Umfragen wird Erderwärmung regelmäßig als dringliches Thema genannt, 60 Prozent der Österreicher haben Angst vor dem Klimawandel. 15- bis 25-Jährige sehen darin sogar das größte Problem unseres Jahrhunderts, wie eine Umfrage aus dem Vorjahr zeigt. Doch wie lassen sich Emissionen im Alltag reduzieren? In Haushalten fallen vor allem Wohnen, Reisegewohnheiten und Konsum schwer ins Gewicht. In puncto Mobilität sind Österreicher besonders schlecht unterwegs: Die Zahl der gefahrenen Kilometer im Personenverkehr ist seit 1990 um rund zwei Drittel gestiegen, wie aus Berechnungen des Wirtschaftsforschungsinstituts hervorgeht. Seit 2005 hat sich die Anzahl neu gekaufter SUVs – die oft einen weitaus höheren CO2-Ausstoß als herkömmliche Pkws haben – vervierfacht.

    Nach Angaben der Statistik Austria lenken mehr als ein Drittel der Österreicher täglich ein Auto. Doch gerade bei kurzen Wegen gebe es viel Einsparungspotenzial, sagt Pölz: "Sich zu überlegen, ob eine Fahrt notwendig ist oder nicht, ist der Schlüssel." Wer eine Strecke zu Fuß oder mit dem Rad zurücklegt, statt in das Auto zu steigen, könne dadurch deutlich Emissionen einsparen. Natürlich seien Pkw-Fahrten in ländlichen Regionen schwerer zu vermeiden, sagt der Mobilitätsexperte.

    Tatsächlich verwenden mehr als 40 Prozent der Österreicher, die in Gemeinden mit weniger als 20.000 Einwohnern leben, täglich ihr Auto. In Wien sind es nur 15 Prozent. Auch hier sieht Pölz einen einfachen Lösungsweg: "Menschen müssen miteinander reden und Wegstrecken teilen."

    Lassen sich CO2-intensive Reisen gar nicht vermeiden, so rät der Mobilitätsexperte dazu, die verursachten Emissionen durch entsprechende Projekte woanders zu kompensieren. "Das sollte aber die letzte Maßnahme sein", sagt Pölz. "Man kann nicht auf Teufel komm raus reisen und dann kompensieren." Konsumenten sollten beim Online-Kompensieren auf jeden Fall auf das Qualitätssiegel "Gold-Standard" achten.

    foto: der standard/deutsches ökoinstitut
    Wie viel Kilogramm CO2-Äquivalent pro Kilogramm Lebensmittel im Durchschnitt verursacht werden. (Zum Vergrößern anklicken)

    Im EU-Vergleich haben Österreicher einen höheren ökologischen Fußabdruck als der Durchschnitt. Das liegt nicht zuletzt an unseren Ernährungsgewohnheiten: Zwar greifen zwei Drittel der Österreicher gelegentlich bis häufig zu Bioprodukten, die – soweit regional und saisonal – einen geringeren Fußabdruck als konventionell angebaute Lebensmittel haben. Doch Schnitzel, Schweinsbraten und Co lassen die Klimabilanz in die Höhe schnellen. Österreicher essen viel Fleisch – im Durchschnitt 63,4 Kilogramm pro Jahr. Dabei haben tierische Produkte eine besonders schlechte Treibhausgasbilanz: Um ein Kilogramm Rindfleisch zu produzieren, werden im Durchschnitt 15,5 Kilogramm CO2-Äquivalent verursacht. Käse – davon essen Österreicher immerhin 22,3 Kilogramm pro Jahr – fällt mit rund acht Kilo CO2 ähnlich schwer ins Gewicht.

    Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch vegan leben muss. Insgesamt sollten wir aber wesentlich weniger Fleisch essen, wie eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigt: Ein Forscherteam aus 16 Ländern hat darin die ideale "planetary health diet" entworfen – die sowohl für den Planeten als auch für den Körper gut ist. Demnach sollte jeder Mensch pro Tag nicht mehr als 43 Gramm Fleisch essen. Das entspricht 15,7 Kilo pro Jahr – und damit nur einem Bruchteil dessen, was Österreicher zu sich nehmen. Pflanzliche Lebensmittel haben im Durchschnitt nur ein Zehntel des Treibhausgaspotenzials tierischer Lebensmittel.

    Wesentlich umweltfreundlichere Eiweißalternativen sind etwa Bohnen und Linsen, die in Österreich angebaut werden. Eine US-Studie aus dem Jahr 2017 hat festgestellt, dass die USA rund die Hälfte ihrer CO2-Ziele bis 2020 erreichen könnten, würde der Konsum von Rindfleisch sowohl in Kalorien- als auch Eiweißgehalt durch Bohnen ersetzt werden.

    Auch außerhalb der Ernährung besteht im Konsumbereich – von Strom bis zu technischen Geräten – reichlich Einsparpotenzial. Immerhin machen Privathaushalte knapp ein Viertel des energetischen Endverbrauchs aus. Tendenziell steigt der Gesamtenergieverbrauch mit der Höhe des Einkommens und dem formalen Bildungsgrad stark an.

    Auf Ökolabel achten

    Was können Privatpersonen in diesem Bereich tun? Das komme auf die Situation an, sagt Klaus Kraigher von der österreichischen Energieagentur. In Einfamilienhäusern ist es leichter, das Heizsystem und die thermische Sanierung ökologischer zu gestalten: "Für eine Privatperson in einer Wiener Wohnung geht das nur schwer." Er rät Konsumenten, beim Kauf von Elektrogeräten auf Ökolabel zu achten. Auch beim Heizen spare jeder zusätzliche Grad ungefähr sechs Prozent Heizenergie ein. Schritte wie diese seien für den Einzelnen klein, meint Kraigher, "aber in Summe macht es ordentlich was aus".

    Insgesamt mache jene Gruppe von Menschen, die sich aktiv in Klimabelangen engagieren, nur zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung aus, sagt Klimaexperte Kirchengast. Er erklärt sich die mangelnde Motivation auch durch Aussagen in der Politik, die Verwirrung stiften: "Es verunsichert Leute, wenn von politischer Seite widersprüchliche Aussagen kommen." Um größere Gruppen zu erreichen, sei eine zielgerichtete Klimapolitik gefragt. "Deshalb ist es besonders wichtig, sich zivilgesellschaftlich zu Wort zu melden." (Nora Laufer, 29.1.2019)

    • Demonstranten fordern bei einer Kundgebung in Brüssel: "Rette die Erde, rette dich selbst."
      foto: reuters

      Demonstranten fordern bei einer Kundgebung in Brüssel: "Rette die Erde, rette dich selbst."

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