Juden im Visier

Kolumne28. Jänner 2019, 16:36
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Die wachsende Angst der europäischen Juden sollen die Nichtjuden im eigenen Interesse ernst nehmen

In denkwürdiger Atmosphäre beging man am Sonntag den Holocaust-Gedenktag, den 74. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Zu Recht erklärte die katholische Gemeinschaft Saint'Egidio in Rom, der Gedenktag sei kein leeres Ritual, sondern ein Aufruf an Institutionen und Bürger, wachsamer zu sein, angesichts fortlaufender antisemitischer und rassistischer Vorurteile besonders bei Jugendlichen. Auch UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet warnte vor der steigenden Flut von Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und der "Normalisierung des Hasses." Der Holocaust habe nicht mit den Gaskammern begonnen. Der Hass entwickelte sich allmählich aus Worten, Stereotypen und Vorurteilen – durch rechtliche Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalteskalation.

Eine repräsentative Umfrage in zwölf EU-Staaten unter 16.000 Jüdinnen und Juden durch die EU ergab erschütternde Zahlen: 90 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass der Antisemitismus in ihren Ländern zunimmt, und fast 30 Prozent sind belästigt worden. Ein Drittel beschäftigte sich mit dem Gedanken an Auswanderung. Eine Umfrage des US-Senders CNN in sieben EU-Staaten, darunter Österreich, bestätigt bei einem Fünftel beziehungsweise einem Drittel der Befragten die Vorurteile über "zu viel Einfluss" der Juden in Medien und Politik sowie in der Finanz. Zwei Drittel haben weltweit die Zahl der Juden maßlos überschätzt. Jeder vierte Ungar glaubt, dass Juden 20 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen; jeder fünfte Brite und Pole ist der gleichen Meinung. Seit der Ermordung von sechs Millionen Juden durch die Nazis sind sie nur 0,2 Prozent der Menschheit.

Angriffe gegen die Menschenrechte

Besonders aufschlussreich sind die Daten über die Ignoranz: Jeder dritte Europäer wusste überhaupt nichts oder nur sehr wenig über die Shoah. In Frankreich hat jede fünfte junge Person zwischen 18 und 32 Jahren, in Österreich zwölf Prozent, noch nie etwas vom Holocaust gehört. Vor diesem düsteren Hintergrund muss man die Warnungen, auch hierzulande, vor Angriffen gegen die Menschenrechte und pauschalen Schuldzuweisungen, Hassrhetorik, ethnozentrischem Populismus und der Hetze in den sozialen Medien beachten.

Natürlich war der Antisemitismus nie ganz weg. In der deutschen Publizistik diskutiert man, ob "er wieder da ist" oder ob "er noch immer" im Untergrund brodelt. Fest steht, dass ein Großteil der antijüdischen Attacken in deutschen Schulen oder in der U-Bahn von muslimischen Tätern stammt. Jacques Schuster spricht in der "Welt" von einem "dreifachen Judenhass" in Deutschland: durch die breite Schicht feindlicher muslimischer Mitbürger, durch den "alten" Antisemitismus in beiden Teilen Deutschlands und durch die drastische Israel-Feindschaft.

Man muss die lügnerische Heuchelei der Sprecher von antisemitischen Burschenschaften und rechtsextremen Parteien entlarven und zurückweisen, die nur dann gegen den Judenhass sind, wenn er von muslimischer Seite kommt. Die wachsende Angst der europäischen Juden sollen die Nichtjuden im eigenen Interesse ernst nehmen. Sie sind das historisch unfehlbare Barometer dafür, ob und wann die Demokratie in Gefahr ist. (Paul Lendvai, 28.1.2019)

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