Wir werden trotz Klimakrise nie aufhören zu fliegen – ein Reaktor könnte helfen

    Interview3. Februar 2019, 14:00
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    Flugzeuge stoßen viel CO2 aus. Forscher arbeiten an einer Alternative. Ist in der Klimakrise Rettung in Sicht?

    Deutsche Forscher arbeiten an einem Puzzlestück zur Lösung der Klimakrise. Fliegen soll CO2-neutral werden. Technologien dazu sind bereits weit entwickelt, eine Reduktion unserer Flugkilometer sei aber trotzdem "unumgänglich", so Maximilian Pfennig vom Fraunhofer-Institut für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in Kassel.

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    foto: apa/dpa/christoph schmidt
    Ein Flug in die USA reicht, um den ökologischen Fußbabdruck eines Menschen für den Rest des Jahres zu zerstören. Muss das so sein?

    STANDARD: Forscher wollen das Fliegen nachhaltiger gestalten – wie soll das gehen?

    Pfennig: Flugzeuge werden heute mit flüssigen Kraftstoffen betrieben, mit Kerosin. Das ist für das Klima schädlich, weil dabei CO2 ausgestoßen wird. Die Zahl der Flüge steigt weiter, letzten Sommer wurden Tickets um Preise von drei Euro angeboten! Das ist bedenklich. Gerade in einem Jahr, in dem der Klimawandel durch den extremen Sommer für uns so spürbar war.

    STANDARD: Nachhaltiges Kerosin – wie macht man das?

    Pfennig: Ein Start-up aus Karlsruhe hat beispielsweise einen Reaktor entwickelt, der es ermöglicht, synthetische Kraftstoffe aus Wasserstoff und CO2 herzustellen. Ein mögliches Erzeugnis wäre dann synthetisches Kerosin. Wir brauchen neben Wasser und Kohlenstoffdioxid vor allem Energie, die zum Beispiel aus Sonne oder Wind erzeugt werden kann.

    STANDARD: Und woher das CO2?

    Pfennig: Das benötigte CO2 kann aus verschiedenen Quellen stammen, bestenfalls aus nachhaltigen Quellen. CO2 kommt etwa in der Atmosphäre vor, es gibt verschiedene Techniken, um es zu absorbieren. Da hat eine Schweizer Firma viel Vorarbeit geleistet. Mit Ventilatoren, Filtern und dem Einsatz von elektrischer und thermischer Energie kann man CO2 aus der Luft binden.

    STANDARD: Es wird also CO2 aus der Luft geholt, aus dem Kerosin wird. Das wird dann wieder verbrannt, am Ende bleibt das CO2-Niveau ident, CO2-Neutralität.

    Pfennig: Genau. Das CO2 wird in der Produktion in Kohlenmonoxid umgewandelt, mit Wasserstoff zu einer Reaktion gebracht, und daraus entsteht dann synthetisches Kerosin.

    STANDARD: Wie ausgegoren ist das?

    Pfennig: Es funktioniert, das zeigt etwa eine Pilotanlage in Dresden. Am Tag werden derzeit aber lediglich ein paar Tonnen Kraftstoff hergestellt. Im Flugverkehr brauchen wir im Jahr aber Millionen Tonnen.

    foto: ap / charlie riedel
    Synthetische Kraftstoffe statt schmutzigem Öl – eine Alternative?

    STANDARD: Der nächste Schritt?

    Pfennig: Die Kommerzialisierung dieser Anlagen. Es sind große Investitionen nötig. Dazu braucht es Subventionen, die anderweitig schon erfolgreich eingesetzt werden. Noch ist das synthetische Kerosin im Vergleich viel zu teuer. Ein Liter Kerosin kostet am Markt etwa 45 Cent. Bei synthetischer Herstellung stehen wir bei etwa zwei Euro. Die Technologie muss weiterentwickelt, effizienter werden. Aber solange fossile Kraftstoffe so günstig sind, wird es schwierig für die synthetischen, sich am Markt zu etablieren.

    STANDARD: In Österreich ist Kerosin von der Mineralölsteuer befreit.

    Pfennig: In Deutschland auch. Ganz allgemein gesagt müsste der Ausstoß von CO2 teurer werden.

    STANDARD: Sie sagen, der Staat muss investieren. Wo, wie?

    Pfennig: Die Kraftstoffe werden international verbraucht, also muss auch international produziert werden. Unsere Simulationen haben ergeben, dass Regionen mit viel Sonne und Wind wie etwa Marokko um ein Drittel günstiger produzieren könnten als Europa. Da entstehen auch Jobs. Die Anlagen, die es in der Produktion braucht, haben hohe Investitionskosten. Je mehr sie gefördert und je größer sie werden, desto effizienter und billiger werden sie.

    STANDARD: Wenn die Fertigung hochgefahren wird und billiger ist, können wir dann so viel fliegen, wie wir möchten?

    Pfennig: Nein. Die Reduktion der internationalen Flugkilometer ist unumgänglich. Die Mengen, die hergestellt werden müssten, wären enorm. Den Bedarf des Luftverkehrs mit synthetischen Kraftstoffen zu decken ist eine große Herausforderung. Wie viel hergestellt werden kann, wird noch erforscht. Es ist nicht allein durch gute Ingenieurarbeit getan. Es muss jeder mitmachen.

    foto: privat
    "Der Klimawandel lässt sich nicht durch Ingenieurarbeit allein bremsen. Alle müssen mitmachen", sagt Pfennig.

    STANDARD: Für viele ist das undenkbar.

    Pfennig: In dem Bereich muss sich aber etwas tun. Es existieren im Moment keine Alternativen. Wir können uns nicht mehr das Recht herausnehmen, so günstig zu fliegen. Die Emissionen, die durch das Fliegen entstehen, sollten sich in den Ticketpreisen widerspiegeln. Wir müssen zweimal überlegen, ob der nächste Flug wirklich nötig ist.

    STANDARD: Sie scheinen aber davon auszugehen, dass ein Umdenken allein nicht reicht. Sonst würden Sie dazu nicht forschen, oder?

    Pfennig: Dass wir an CO2-neutralen Alternativen forschen, ändert die Herausforderung nicht. Aber wir werden nicht völlig zu fliegen aufhören können, darum brauchen wir synthetische Kraftstoffe.

    STANDARD: Sie haben den Überblick: Gibt es sonst noch mögliche Innovationen, damit wir doch so viel fliegen können, wie wir wollen?

    Pfennig: Ich war letztes Jahr bei einer internationalen Konferenz für nachhaltiges Fliegen. Dort hat sich gezeigt, dass an synthetischen Kraftstoffen kein Weg vorbeiführt. Für Kleinflugzeuge könnten in zehn bis 15 Jahren Elektroantriebe kommen. Aber für große Passagierflieger ist das derzeit nicht denkbar, die Batterien wären viel zu groß und schwer. Beim momentanen Stand der Wissenschaft ist das in den nächsten Jahrzehnten nicht absehbar.

    foto: ap/markus schreiber
    Greta Thunberg posiert am World Economic Forum in Davos.

    STANDARD: Manche kompensieren ihr CO2 beim Fliegen, spenden also Geld für Ökoprojekte, die CO2 reduzieren. Was halten Sie davon?

    Pfennig: Für Flüge, die unumgänglich sind, ist das eine Möglichkeit, wenn das Geld in ökologisch sinnvolle Projekte investiert wird.

    STANDARD: Journalisten sind oft sehr pessimistisch, wie blickt der Ingenieur auf die Klimakrise?

    Pfennig: Wir arbeiten jeden Tag am Thema und sind der Meinung, dass die Energiewende zu schaffen ist. Wir müssen global denken, alle großen Player müssen mitspielen. Die Technologien sind weit entwickelt, ein Umdenken ist aber nötig, wir Wissenschafter brauchen die Unterstützung der Gesellschaft!

    STANDARD: Die Schülerin und Aktivistin Greta Thunberg sagte in Davos: "Ich will, dass ihr so handelt, als ob euer Haus brennt."

    Pfennig: Genau so ist es. Wir können nicht warten. Wir haben in der Vergangenheit einen Weg eingeschlagen, von dem wir schnell wegmüssen, um den menschengemachten Klimawandel möglichst abzubremsen.

    Wenn Sie das Thema interessiert, registrieren Sie sich oberhalb für den gratis Newsletter. Weitere Berichte dazu werden folgen. (Andreas Sator, 3.2.2019)

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