Weg mit den gestrigen Fragen an Bewerber

    Gastkommentar28. Jänner 2019, 12:04
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    Wenn sich alles in der Jobwelt ändert, dann passen Fragen wie vor 30 Jahren nicht mehr

    Die ersten Wochen im neuen Jahr sind für viele auch die Zeit, ihre Beschäftigungsverhältnisse zu reflektieren, "Will ich wirklich so weitermachen? Macht mich mein Job glücklich oder kaputt?" Oder: "Wie stelle ich mir meinen zukünftigen Job vor? Was ist mir wirklich wichtig?" Diese Fragen sind vergleichsweise neu und zugleich ein Symptom des Wandels in der Arbeitswelt. Es passiert gerade sehr viel, ich glaube sogar, dass sich ein Paradigmenwechsel unaufhaltsam seinen Weg bahnt.

    Viele Unternehmen stellen fest, dass die Mechanismen, mit denen sie in der Vergangenheit sehr erfolgreich waren, schon heute nicht mehr funktionieren. Wie genau sieht die neue Arbeitswelt aus?

    Wir haben alle keine Kristallkugel, einige Tendenzen sind aber deutlich sichtbar: Immer mehr sind nicht mehr bereit, Karriere um jeden Preis zu machen. Immer öfter kommt der Wunsch nach einer sinnstiftenden Tätigkeit ins Spiel. Immer häufiger geht es um das Zusammenpassen der eigenen Werte und der Unternehmenskultur.

    Mit Gestrigem ins Morgen?

    Wieso also rekrutieren Unternehmen ihre Mitarbeiter heute noch so wie vor 30 Jahren, wenn doch alles anders wird? Abgesehen von ein paar technischen "Errungenschaften" wie E-Recruiting-Tools, Algorithmen oder Gesichts- und Sprachanalysesoftware hat sich in dem Prozess der Personalsuche nichts Wesentliches geändert. Ein striktes Anforderungsprofil – Ausbildung, Berufserfahrung genau in der eigenen Branche, eine ausgeklügelte Liste von Wünschen des Unternehmens an den zukünftigen "Stelleninhaber". Wird das in Zukunft auch funktionieren? Ziemlich sicher nicht.

    Warum fragen, wenn sich die Jobs, ihre Inhalte und Anforderungen so schnell ändern, Unternehmen ihre Bewerber dann nach wie vor "Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?" oder "Welche Ihrer bisherigen Erfahrungen machen Sie besonders geeignet für diesen Job?"? Warum fragen Unternehmen nicht "Wofür brennen Sie?", "Was können Sie wirklich gut?" oder "Was sind Ihre Werte?"?

    Unternehmen, die wieder den Menschen in den Mittelpunkt stellen, die auf Vertrauen setzen statt auf Kontrolle, die ihre Mitarbeiter ehrlich einbeziehen und sie um ihre Meinung fragen, ihnen Freiheit und Verantwortung zutrauen, die Mitarbeiter haben, die mutig sind und auch einmal eine falsche Entscheidung treffen dürfen, um daran zu wachsen, werden jene Unternehmen sein, in denen die Mitarbeiter mit Freude Höchstleistungen erbringen. (Helene Czanba, 28.1.2019)

    Helene Czanba hat viele Jahre das Career-Center der Technischen Universität Wien geleitet. Sie ist aktuell Trainerin und Mentorin bei Akzent – Institut für Qualifizierungsmaßnahmen für arbeitssuchende Akademiker.

    • Warum fragen Unternehmen nicht "Wofür brennen Sie?", fragt Helene Czanba.
      foto: getty images

      Warum fragen Unternehmen nicht "Wofür brennen Sie?", fragt Helene Czanba.

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