Transfusionsmedizinerin: "Blut ist ein sehr wertvolles Medikament"

User-Diskussion30. Jänner 2019, 09:00
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Ursula Kreil, Fachärztin für Transfusionsmedizin, beantwortet Fragen der STANDARD-User rund um das Thema Stammzellspende

Mit einer Stammzellspende kann Leukämie-Patienten geholfen werden. Mithilfe von Blut- oder Knochenmarkspenden werden Stammzellen gewonnen. Die Wahrscheinlichkeit, einen passenden Spender zu finden, liegt bei 1:500.000. 2017 gab es rund 200 Stammzellspenden von Fremdspendern für Patienten in Österreich. Insgesamt kamen 15 Stammzellspenden von in Österreich registrierten Spendern.

Die Fachärztin für Transfusionsmedizin Ursula Kreil beantwortet Fragen der User über die Gewinnung von Stammzellen, Wundinfektionsrisiken und die Angst vor Nadeln.

STANDARD: Ist die Gewinnung von Stammzellen aus Blutkonserven möglich?

Kreil: Nein, das ist nicht möglich. In Blutkonserven sind nur vereinzelt bis keine Stammzellen zu finden – viel zu wenige, um daraus eine Transplantation für Patienten durchführen zu können. Stammzellen befinden sich im Knochenmark. Damit diese bei einer Spende aus dem Blut gefiltert werden können, ist die Verabreichung eines Medikamentes nötig.

STANDARD: Poster "Thomas6767" hat einige Fragen zur Stammzellspende.

Kreil: Zur Gewinnung von Stammzellen gibt es zwei Möglichkeiten. In den allermeisten Fällen können die Stammzellen aus dem Blut gewonnen werden. Viel seltener ist die Knochenmarkspende. Generell sind beide Arten für den Spender gut verträglich. Der behandelnde Arzt entscheidet je nach Patient und Erkrankung, welche Methode eingesetzt wird. Für Kinder ist oft eine Knochenmarkspende nötig. Über zwei kleine Hautschnitte wird dazu der Beckenknochen punktiert. Dieser kleine Eingriff wird unter Vollnarkose durchgeführt und ist somit völlig schmerzlos. Leichte Schmerzen im Bereich der Punktionsstelle können einige Tage danach bestehen. Innerhalb von drei Wochen haben sich alle entnommenen Zellen nachgebildet.

Bei der Gewinnung der Stammzellen aus dem Blut sorgt das vorab verabreichte Medikament dafür, dass die Stammzellen im Knochenmark sich teilen und in den Blutkreislauf kommen. Das ist ein natürlicher Vorgang, unser Körper produziert diesen Stoff auch bei Infektionen. Daher kann es während der Einnahme zu milden grippeähnlichen Symptomen kommen, zum Beispiel Gliederschmerzen oder Kopfweh, die sofort nach der Stammzellspende wieder verschwinden.

STANDARD: Gibt es eine Altersbegrenzung bei der Stammzellspende? Wie alt darf man für die Registrierung maximal sein? Und wie alt dürfen Spender maximal sein?

Kreil: Eine Stammzellspende ist bis zum 55. Lebensjahr möglich. Das hat medizinische Gründe: Im Alter nimmt die Teilungsrate der Blutzellen im Knochenmark ab. Das bedeutet, dass die Stammzellen jüngerer Menschen beim Empfänger besser helfen können. Da zwischen der Registrierung zur Stammzellspende und einer Spende viel Zeit vergehen kann, kann man sich in Österreich nur bis zum 45. Lebensjahr registrieren.

STANDARD: Wie sieht es mit Autoimmunerkrankungen und Blutspenden aus?

Kreil: Wer Blut- oder Stammzellen spenden darf, ist in Österreich gesetzlich festgelegt. Ein Ausschluss dient immer dem Schutz des Spenders und des Patienten. Eine Autoimmunerkrankung ist nicht immer ein Ausschlussgrund. Das hängt davon ab, ob sie eine schwere Gesundheitsbeeinträchtigung hervorruft. Das entscheidet der Arzt. Generell richten sich bei einer Autoimmunerkrankung Abwehrzellen gegen den eigenen Körper und können diesen schädigen. Diese Abwehrzellen würden bei einer Transplantation auf den Patienten übertragen.

STANDARD: Besteht ein erhöhtes Wundinfektionsrisiko durch Fremdblut? Und wie lange ist Eigenblut haltbar? Was hat es mit PBM auf sich, und findet man das auch in Österreich? Was antworten Sie Kritikern, die meinen, dass Blutprodukte viel zu häufig verwendet werden – und das zum Nachteil der Patienten, wie bei User "xy13". Und was sagen Sie User "der eiserne Besen", der wissen will, ob Blut an die Pharmaindustrie verkauft wird?

Kreil: Blut ist ein sehr wertvolles Medikament, das nur begrenzt vorhanden ist. Grundsätzlich sind Blutkonserven – unabhängig davon, ob Eigenblut oder nicht – 42 Tage haltbar. Bluttransfusionen sind generell gut für Patienten verträglich. Es besteht kein erhöhtes Wundinfektionsrisiko, das zeigen alle neueren Studien. Früher waren in Blutkonserven weiße Blutkörperchen enthalten, die dieses Problem auslösen konnten, heute ist das nicht mehr der Fall.

"Patient Blood Management" bedeutet, den gezielten und verantwortungsvollen Umgang mit Blutprodukten im Hinblick auf die bestmögliche Behandlung des Patienten in den Vordergrund zu stellen. Dieser Ansatz wird auch in Österreich verfolgt. Ob eine Bluttransfusion benötigt wird, entscheidet immer der behandelnde Arzt.

Das Rote Kreuz ist eine humanitäre Organisation, die nicht auf Gewinn ausgerichtet ist. Die Rotkreuz-Blutspendedienste arbeiten gemeinnützig. Jede Blutspende kommt kranken Menschen zugute. Bei jeder Blutspende entsteht Plasma als Nebenprodukt. Dieses wird zum größten Teil von Spitälern für die Behandlung von Patienten gebraucht. Was übrig bleibt, wird für die Herstellung von lebenswichtigen Medikamenten verwendet – wie zum Beispiel für Immunpräparate für Kinder oder Gerinnungspräparate für Bluter.

STANDARD: Wie kann Menschen geholfen werden, die vor Nadeln und Blut so viel Angst haben, dass sie Blutspenden ganz lassen? Was wird beim Roten Kreuz gemacht, wenn ein Angstpatient Blut spenden will, um diese Angst zu verringern?

Kreil: Jede Blutspende kann Leben retten. Daher versuchen wir, so viele Menschen wie möglich dazu zu ermutigen. Jeden Tag werden rund 1.000 Blutkonserven in Österreichs Krankenhäusern benötigt. Unsere Mitarbeiter sind darin geschult, Spendern ihre Angst zu nehmen, zum Beispiel durch Ablenkung. Was vielen hilft, ist zu wissen, dass sie die Abnahme jederzeit abbrechen können. Oft legt sich die Angst mit der Zeit. Klappt es beim ersten Versuch nicht, raten wir dazu, es mit genügend Abstand nochmal zu versuchen. (haju, 30.1.2019)

Ursula Kreil ist Fachärztin für Transfusionsmedizin beim Roten Kreuz.

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  • "In den allermeisten Fällen können die Stammzellen aus dem Blut gewonnen werden. Viel seltener ist die Knochenmarkspende", sagt die Transfusionsmedizinerin Ursula Kreil.
    foto: apa/dpa/christian charisius

    "In den allermeisten Fällen können die Stammzellen aus dem Blut gewonnen werden. Viel seltener ist die Knochenmarkspende", sagt die Transfusionsmedizinerin Ursula Kreil.

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