Die Sucht ist im Filmdrama "Beautiful Boy" übermächtiger Gegner

    24. Jänner 2019, 19:00
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    Jungstar Timothée Chalamet und Steve Carell spielen in "Beautiful Boy" Vater und Sohn. Zwischen ihnen stehen die Drogen

    Um sich den nächsten Schuss zu finanzieren, bricht der Junkie mit seiner Freundin in ein Haus ein. Man kennt vergleichbare Szenen aus Drogendramen. Der Unterschied von Beautiful Boy liegt darin, dass es sich um die Landvilla von Nics (Timothée Chalamet) eigener Familie handelt. Am Schreibtisch entdeckt er dann ein Manuskript, in dem sein Vater David Sheff (Steve Carell), ein Journalist, sich die Qualen von der Seele schrieb, sein Kind an einen übermächtigen Gegner verloren zu haben.

    Felix van Groeningen interessiert sich in seiner ersten internationalen Produktion nicht für den einseitigen Verlauf einer solchen Abhängigkeit, vielmehr legt er den Fokus auf diese schwer geprüfte Vater-Sohn-Beziehung. Er will den Leidensdruck aufspüren, das zermürbende Zusammenspiel aus Hoffnung und Enttäuschung zeigen und die Erosion des Vertrauens vermessen, unter der das Verhältnis beinahe zerbricht.

    foto: françois duhamel / amazon / filmladen
    Felix van Groeningens "Beautiful Boy" konzentriert sich auf Nic (Timothée Chalamet) und seinen Vater.

    Wesentlich für den auf einem realen Fall basierenden Film – Sheff hat ein Buch über seinen Kampf geschrieben – ist zudem, dass er in einem behüteten bürgerlichen Milieu spielt. Die Crystal-Meth-Sucht braucht in Beautiful Boy kein Initialereignis, sie reißt Nic einfach fort. Seine Not wird mithin nicht auf soziale Hintergründe heruntergebrochen. Van Groeningen geht es darum, zu zeigen, wie sich die Abhängigkeit zwischen Menschen drängt. Das verständnisvolle Verhalten des Vaters empfindet der ins Strudeln geratene Sohn als Druck, die Scham spült ihn nur weiter weg.

    Wie schon im Familienmelo The Broken Circle, mit dem der belgische Regisseur bekannt wurde, setzt er auch in Beautiful Boy auf eine elliptische Form, um seine Perspektive auf dieses Verhältnis zu festigen. Er springt zwischen den Zeiten, bis die Chronologie verschwimmt. Er sucht emblematische Szenen aus dem Familienalltag, die dennoch beiläufig wirken sollen. Dank der nuancierten Darsteller gelingen ihm dabei Szenen, die das Auseinanderdriften gut zum Ausdruck bringen. Chalamet zeigt nach Call Me By Your Name einmal mehr sein Talent für Schattierungen, Carell spielt so verhalten wie bewegend.

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    Dennoch wirkt die sprunghafte Montage insgesamt mehr diffus als pointiert. Van Groeningen forciert gerne Stimmungen, statt die Bilder einfach wirken zu lassen. Immer wieder muss er sich mit Popsongs behelfen, um Nachdruck zu erzeugen – am stärksten ist der Film, wenn er sich auf seine Darsteller verlässt. (Dominik Kamalzadeh, 25.1.2019)

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