Gläserne Leberkässemmel: Was Transparenz kostet

25. Jänner 2019, 12:05
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Lebensmittelhersteller wehren sich gegen mehr Transparenz – und ernten Kritik aus eigenen Reihen. Wie es Bauern auf die Wurstverpackung schaffen

Wo wuchs das Schwein für Leberkäs und Würstl auf, welcher Bauer liefert das Kalb fürs Original Wiener Schnitzerl? VP-Landwirtschaftsministerin Elisabeth Köstinger will, dass die Industrie künftig die Herkunft der Hauptzutat aller verarbeiteten Produkte für Konsumenten klar ersichtlich macht. Die EU legt darauf wenig Wert. Österreich muss für einen Alleingang daher Daten liefern, die von breiter Zustimmung für den Mehraufwand zeugen. Was ein zähes Unterfangen wird, denn für Lebensmittelhersteller ist die Herkunftskennzeichnung ein rotes Tuch. Nun hagelt es jedoch zusehends aus den eigenen Reihen harsche Kritik am Widerstand der Industrie.

"Frage des Wollens"

"Konsumenten wollen wissen, woher das Fleisch in den Produkten kommt", sagt Fritz Floimayr, "und das lässt sich genau zurückverfolgen. Es ist keine Frage des Könnens, sondern das Wollens."

Der Oberösterreicher, der vor seinem Einstieg ins Lebensmittelgeschäft zwei internationale Unternehmen rund um Abwassertechnologie und Autozubehör aufbaute, sieht den Widerwillen der Produzenten gegen mehr Transparenz nicht in der Angst vor hohen Kosten begründet. Ziel sei es vielmehr, österreichische Herkunft zu suggerieren. "Wer schreibt schon gern auf seine Würstel, dass die Schweine dafür aus einem dänischen Mastbetrieb stammen?"

Floimayr erwarb nahe Grieskirchen eine kleine, kriselnde Metzgerei und beschloss – sofern er es schaffe, sie am Leben zu erhalten -, damit eigene Wege zu gehen. Er schloss Direktverträge mit Landwirten, denen er strenge Kriterien für die Fütterung und Haltung der Schweine und Rinder vorschrieb: hohes Tierwohl etwa, gentechnikfreies Futter aus eigenem Getreide, glyphosatfreie Felder und Verzicht auf Antibiotika als Prophylaxe. 190 Bauern liefern ihm nun zu, 100 reihen sich in die Warteliste.

Um wenige Cent teurer

Floimayr verarbeitet ihren Rohstoff unter der Marke Gourmetfein und versorgt damit österreichweit Tankstellen, Gastronomen, selbstständige Händler von Nah & Frisch und Spar. Innerhalb von 15 Jahren wuchs sein Umsatz von einer auf mehr als 25 Millionen Euro – bei gesunden Gewinnen, wie er betont.

Was ihn von allen übrigen Produzenten unterscheidet: Auf jeder Packung, ob für Frankfurter oder Leberkäs, ist der Name des Landwirts abzulesen, von dessen Hof das Fleisch stammt. Eine Investition in spezielle Software und genaue Kennzeichnung des Fleisches bis hin zu den Packstationen machten die lückenlose Überprüfung der Herkunft möglich. Diese schlage sich auf den Preis einer Leberkässemmel für den Konsumenten lediglich mit einem halben Cent nieder, sagt Floimayr. Ein Schnitzel koste im Handel ein Cent mehr. Beim Wirten verteuere es sich um allein 20 Cent. "Es lässt sich damit sehr wohl Geld verdienen. Es geht sich bei mir aus – und es würde sich finanziell auch bei jedem großen Industriebetrieb ausgehen."

"Fehlende Ehrlichkeit"

Floimayr fehlt es an Ehrlichkeit in der Lebensmittelbranche. "Warum sagen Betriebe nicht: Das ist eine teurere Wurst, dafür stammt sie aus Österreich. Die hier ist billiger, das Fleisch dafür kommt aus dem Ausland." Entsprechendes Engagement vermisst er auch im Handel. Gourmetfein habe die Zusammenarbeit mit großen Supermärkten im Vorjahr aufgrund des hohen Preisdrucks aus eigenen Stücken beendet. "Der Handel geht mit Nahrungsmitteln um wie mit Seife oder Waschmittel. Doch es stehen Landwirte dahinter, Tiere, Grund und Boden."

Floimayr erinnert an riesige deutsche Mastbetriebe, die das Grundwasser verseuchten. "Und würden einem Hund nur zehn Prozent des Leides angetan, dem dort die Schweine ausgesetzt sind, es gäbe einen Aufschrei." Europa importiere für sie im großen Stil Soja, ihr Fleisch wiederum werde bis hin nach China exportiert. "Wo liegt der Sinn darin?"

"Versagen der EU"

Dass Köstinger eine strengere Herkunftskennzeichnung in der EU voranbringt, bezweifelt Floimayr. "Ich bin glühender Europäer. Aber in diesem Bereich hat die EU völlig versagt." Ihre Gesetze dienten vor allem großen Industrie- und Handelskonzernen.

Österreichs jüngstes Fairnessabkommen, das der Lebensmittelhandel seinen kleinen Lieferanten zusicherte, bezeichnet er als reinen Marketinggag auf Kosten der Ministerin. Den Supermärkten selbst verlange die freiwillige Selbstverpflichtung nichts ab. "Es ist, als ob Autofahrer genau so schnell fahren dürfen wie immer." Die einzige neue Botschaft an sie: "Sie sollen sich dabei künftig eben nicht mehr erwischen lassen." (Verena Kainrath, 25.1.2019)

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