Bei langen Raumflügen bricht das Immunsystem zusammen

    25. Jänner 2019, 06:00
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    Forscher untersuchten, wie sich die Bedingungen im All auf Killerzellen des Abwehrsystems auswirken. Das Ergebnis ist ernüchternd

    foto: apa/afp/kirill kudryavtsev
    Start eines russischen Sojus-Raumschiffs zur Internationalen Raumstation im Dezember 2018.

    Krebserkrankungen, Hirnschäden, Muskelschwund, abnehmende Knochendichte, Sehverlust, Depressionen: Die Liste der Gefahren, denen Menschen auf langen Raumflügen wie etwa zum Mars ausgesetzt wären, ist lang. Als wäre das nicht schon genug, stoßen Wissenschafter laufend auf neue Risiken für Raumfahrer. Wie ein Team um Richard Simpson von der University of Arizona nun berichtet, sind auch die Auswirkungen auf das Immunsystem ein großes Problem.

    Dass Mikrogravitation, kosmische Strahlung und Stress bei Weltraummissionen der körpereigenen Abwehr schaden können, wird schon lange diskutiert. Die Forscher um Simpson haben nun für ihre Studie "Journal of Applied Physiology" untersucht, wie sich die Bedingungen im All auf spezifische Zellen des angeborenen Immunsystems auswirken: auf sogenannte natürliche Killerzellen (NK-Zellen).

    foto: apa/afp/kirill kudryavtsev
    Die Nasa-Astronautin Anne McClain kurz vor ihrem Start ins All.

    Kostbare Killerzellen

    Die zu den Lymphozyten zählenden NK-Zellen sind in der Lage, Tumorzellen oder von Viren infizierte Zellen zu identifizieren und abzutöten. "Krebs ist aufgrund der hohen Strahlungsdosen eine große Gefahr für Astronauten auf langen Raumflügen", unterstreicht Simpson die Bedeutung dieser Tumorkiller. Trotz der sterilen Bedingungen in Raumfahrzeugen sei aber auch die Virenabwehr wichtig: "Man wird sich dort zwar kaum Erkältungsviren oder Grippeviren einfangen, das Problem sind aber die Erreger, die sich bereits im Körper befinden und immer dann aktiv werden, wenn man geschwächt ist."

    Für ihre Studie analysierten die Wissenschafter NK-Zellen aus Blutproben von acht Raumfahrern, die die Internationale Raumstation ISS für mindestens sechs Monate besucht hatten: Den Teilnehmern wurde vor, während und nach ihrer Weltraummission Blut entnommen und untersucht. In einem weiteren Schritt verglichen die Forscher den Zustand der jeweiligen Abwehrzellen mit Proben gesunder Menschen, die nicht im All gewesen waren.

    foto: nasa
    Die Kosmonauten Oleg Kononenko und Sergei Prokopjew bei Außenarbeiten an der ISS im vergangenen Dezember.

    Neulinge im All stärker betroffen

    Das Ergebnis: Die Funktion der NK-Zellen war während der Aufenthalte im All deutlich beeinträchtigt. Ab dem 90. Tag auf der ISS war die Fähigkeit der Killerzellen, Leukämiezellen zu schädigen, gar um 50 Prozent vermindert, schreiben die Wissenschafter.

    Allerdings entdeckten die Forscher einen Unterschied zwischen Raumfahrern, die ihre erste Mission absolvierten, und erfahreneren Kollegen: Der Effekt auf die NK-Zellen war bei den Neulingen im All stärker ausgeprägt. Simpson spekuliert, dass das Stresslevel für Erstreisende höher ist als für Weltraumveteranen und sich dieser Umstand auf das Abwehrsystem niederschlägt – doch das müssen erst weitere Studien bestätigen. (David Rennert, 25.1.2019)

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