Junge Männer sehen sich noch immer als künftige Haupternährer

    25. Jänner 2019, 07:25
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    Traditionell und modern: Eine Schweizer Studie zeigt, dass viele paradoxe Vorstellungen von ihrem späteren Familienleben haben

    Basel – Selbst junge Erwachsene, die noch keine Kinder haben, sind durch traditionelle Familienbilder geprägt. Andererseits haben sie aber auch moderne Ansichten von Gleichberechtigung, beruflichem Engagement und Kinderbetreuung. Das bringt nicht nur die jungen Frauen, sondern auch die jungen Männer früh in eine Zwickmühle, wie eine Studie der Universität Basel zeigt.

    Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für viele noch immer ein aufreibender Balanceakt. Bislang hat die Forschung dabei vor allem auf Frauen fokussiert, die bereits Kinder haben. Wie sich hingegen kinderlose Erwachsene ihre berufliche Zukunft und ihr späteres Familienleben vorstellen, ist noch wenig untersucht. Ein Team unter der Leitung von Andrea Maihofer, Soziologin und Professorin für Geschlechterforschung, führte 48 qualitative Interviews mit jungen Erwachsenen bis Anfang 30 durch, ausgewählt aus einer Längsschnittstudie mit 6.000 Personen.

    Haupternährer Mann

    Die Befunde der Analyse zeigen, dass sich noch immer Männer als zukünftige Haupternährer der Familie sehen. Gleichzeitig wollen sie bereits ab Geburt für ihre Kinder präsent sein. Frauen gehen hingehen nicht davon aus, später die finanzielle Hauptverantwortung für die Familie tragen zu müssen. Obwohl sie sich immer stärker über das berufliche Engagement definieren, betrachten sie die Aufgabe der Kinderbetreuung aber vor allem als ihre Sache.

    Beide Geschlechter geraten also, bereits bevor sie Kinder haben, in ein Dilemma. Trotzdem sehen sie in einer Veränderung gesellschaftlicher Strukturen keinen Hebel, um diese widersprüchlichen Erwartungen aufzuheben: Die befragten jungen Männer und Frauen betrachten die Aufteilung von Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung als Angelegenheit, die jedes Elternpaar individuell zu regeln hat – ohne Unterstützung durch die Gesellschaft.

    Die Entwicklung hin zu einer frühen präsenten Vaterschaft sei neu, sagen die ForscherInnen. Fast alle wünschen sich heute eine Arbeitsreduktion auf 80 Prozent. "Dabei ist häufig nur bei einer Vollzeitbeschäftigung eine berufliche Entwicklung möglich, welche die jungen Männer noch immer anstreben", sagt Andrea Maihofer. Die kinderlosen Männer schätzen ihr berufliches Umfeld bezüglich Teilzeit und Vereinbarkeit als sehr unflexibel bis ablehnend ein. Trotzdem setzen sie sich nicht für Veränderungen ein, zum Beispiel durch politisches Engagement.

    Berufliche Identität

    Widersprüche gibt es auch in den Vorstellungen der jungen Frauen: Ihnen ist es heute wichtiger, dass sie ihre berufliche Identität trotz Kindern behalten. Sie sorgen sich einerseits, durch Mutterschaft ihre Eigenständigkeit zu verlieren, andererseits gehen sie nicht davon aus, die ökonomische Verantwortung für die Familie übernehmen zu müssen. Wie die jungen Männer erleben auch sie die strukturellen Bedingungen der Arbeitswelt als starr und hinderlich. So sprechen sie in den Interviews oft davon, dass sie "Glück haben müssten" – zum Beispiel einen verständnisvollen Chef –, um Familie und Beruf zufriedenstellend vereinbaren zu können. Trotz der noch wirksamen stereotypen Rollenbilder glauben die kinderlosen Erwachsenen nicht an eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern.

    Kaum Vorbilder

    Die ForscherInnen betonen, dass die jungen Männer und Frauen die gleichzeitig existierenden traditionellen und neuen Vorstellungen erst mühsam erproben müssten, da sie kaum auf neue Vorbilder zugreifen könnten. Die jungen Erwachsenen gingen davon aus, dass die spätere Aufteilung von Berufs- und Familienengagement stark vom jeweiligen "Typ" Vater und Mutter abhänge und vom Paar individuell geregelt werden müsse.

    "Die Annahme von der individuellen Einzigartigkeit der Mütter und Väter lässt den jungen Erwachsenen die gleichberechtigte Gestaltung ihres Familien- und Berufslebens als ihr alleiniges Problem erscheinen", sagt Maihofer. Sie sieht darin die Gefahr, dass das "den Blick auf die Verantwortung von Staat und Gesellschaft verstellt". Ein Problem, das sie durch die in Politik und Gesellschaft beliebte Rede von der Eigenverantwortung noch verstärkt sieht. (red, 25.1.2019)

    • Das kann sich nur in der Fantasie ausgehen: Haupternährer und gleichzeitig von Anbeginn für das Kind da.
      foto: getty images/fotostorm

      Das kann sich nur in der Fantasie ausgehen: Haupternährer und gleichzeitig von Anbeginn für das Kind da.

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