Der steinige Weg von Breitfuss Kammerlander von Bolivien auf die Streif

    23. Jänner 2019, 17:50
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    Der gebürtige Tiroler bestreitet seine dritte Saison im Weltcup für Bolivien. Heuer gibt sich der Sportstudent und Doppelstaatsbürger erstmals die klassische Hahnenkamm-Abfahrt

    Der entscheidende Funke sprang vor vielen Jahren bei einem Straßenfest in Bolivien über, als Simon Breitfuss Kammerlander aus St. Leonhard im Pitztal zufällig mit Vertretern des dortigen Skiverbandes ins Gespräch kam. Der Tiroler, von seinem als Skitrainer arbeitenden Vater bereits mit acht Jahren zum ersten Mal und später regelmäßig im Sommer nach Südamerika mitgenommen, entdeckte gewissermaßen den Traum seines Vaters und die Liebe zu dem Land mit sämtlichen Klimazonen für sich. Er überlegte nicht lange und beschloss, für Bolivien an den Start zu gehen. Bürokratische Hürden wegen der Staatsbürgerschaft verzögerten den Plan zwar um sechs Jahre, in denen er kaum auf Skiern stand, dann aber konnte er endlich das Abenteuer starten.

    Debüt

    Der 26-Jährige studiert in Boliviens drittgrößter Stadt La Paz Sport, 2016 gab er in Sölden sein Debüt im Weltcup, er fährt nun seine dritte Saison und wartet immer noch auf die erste Qualifikation für die Entscheidung in einem technischen Bewerb. Nach seinem Speed-Debüt 2018 in Kitzbühel im Super G, in dem er Letzter wurde, gibt er sich heuer erstmals die Abfahrt auf der Streif. "Cool" sei es gewesen, die komplette Strecke runterzufahren, sagt das Ein-Mann-Team aus Bolivien nach dem Training für den Höhepunkt der 79. Hahnenkamm-Rennen. Der Respekt sei bei der Besichtigung gewachsen, weil sich die Piste relativ unruhig präsentierte.

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    Los Olimpicos!

    Als er mit Nummer 69 als Letzter startete, waren bereits viele Stellen im Schatten. Für die Premiere suboptimal. "Beim Start bist du nur mehr voll drauf. Spätestens bei der Mausefalle bist du wach, dann geht es richtig los. Es war heftig, schlagig, eisig." Mit 10,78 Sekunden Rückstand auf Matthias Mayer, den Schnellsten, schwang er als 55. und Vorletzter ab. "Von der Zeit her okay, ich habe bei einigen Stellen absichtlich rausgenommen."

    Die Trainingsbedingungen in Bolivien sind mit jenen in Europa nicht zu vergleichen. Auf dem 5395 Meter hohen Chacaltaya in den Anden, wo ein Österreicher einst mit einem VW-Motor einen Lift baute, geht seit Jahren nichts mehr, "weil der Gletscher abgeschmolzen ist".

    Ohne Lift auf 6000 Meter

    Früher seien dort oft an einem Wochenende tausende Leute Ski fahren gewesen, auch nationale Meisterschaften seien dort, rund 45 Autominuten von La Paz entfernt, ausgetragen worden. Auf dem gegenüberliegenden Gletscher geht es auf 6000 m hinauf, dort gilt es aber ohne technische Hilfsmittel bis zu 800 m aufzusteigen, um abfahren und trainieren zu können. Selbst Skidoos würden da oben in der dünnen Luft nicht funktionieren, berichtet Breitfuss Kammerlander. Pistenpräparierung brauche es nicht, die Kombination aus Wärme, Kälte, Wind und Luftfeuchte sorge für "harten Firnschnee", der gut zu befahren sei. Wer auf mehr als 3500 m Höhe in La Paz wohnt, dem geht auch so weit oben nicht so schnell die Luft aus. Es sei aber schon vorgekommen, dass jemand kreidebleich aus dem Auto ausgestiegen ist und schnell hinuntergebracht werden musste.

    Breitfuss Kammerlander ist ein Allrounder, er startet in allen Disziplinen. "Mir macht alles Spaß, die Abwechslung ist sehr reizvoll." Vater Rainer, der früher Profirennen in Südamerika und Japan fuhr und nun Manager, Trainer und Servicetechniker in Personalunion ist, versucht mit seinem Sohn, einen anderen Weg zu gehen: "Alle spezialisieren sich immer mehr auf ein Ding. Wir versuchen es nach unseren Vorstellungen. Wie es der Rest der Welt macht, ist uns ziemlich gleich."

    Fahnenträger

    Boliviens Fahnenträger bei der Eröffnungsfeier für die WM in St. Moritz und Olympia-Teilnehmer in Pyeongchang hat bislang kaum Abfahrt trainiert, war aber diese Saison schon in Bormio und Wengen dabei. In Kitzbühel will er in Super-G, Abfahrt und Slalom starten. Den Slalom am Ganslern gibt er sich heuer zum dritten Mal.

    In Sachen finanzielle Unterstützung gebe es Luft nach oben. Ein, zwei weitere Sponsoren würde sich der Tiroler wünschen, "damit die Basis abgedeckt, der Rückhalt gegeben ist und ich mich auf das Wesentliche konzentrieren kann." Seit dieser Saison wird Breitfuss Kammerlander zumindest materialtechnisch von der Skifirma Völkl gut versorgt. Ziel sind die Top 30. "Ansonsten volles Programm, immer vorwärts." (Thomas Hirner, 24.1.2019)

    • Mit acht Jahren reiste Simon Breitfuss Kammerlander erstmals mit seinem Vater nach Südamerika.
      foto: apa/afp/lionel bonaventure

      Mit acht Jahren reiste Simon Breitfuss Kammerlander erstmals mit seinem Vater nach Südamerika.

    • Zum Rennsport kam der heute 26-Jährige zufällig.
      foto: privat

      Zum Rennsport kam der heute 26-Jährige zufällig.

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