Hilfe für alle Opfer statt für alle Täter

    23. Jänner 2019, 11:00
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    Regierung und Opposition sehen Handlungsbedarf bei der Täterarbeit. Rosa Logar von der Interventionsstelle gegen Gewalt unterstützt diesen Fokus nicht

    Es war eine der vielen Gewalttaten gegen Frauen, die in den letzten Wochen bekannt wurden. Ein Mann attackierte Ende Dezember eine Frau mit einer Eisenstange und verletzte sie schwer. Nun konnte dem 41-Jährigen eine weitere Gewalttat zugeordnet werden: Nur eine Nacht nach dem Angriff auf die 25-Jährige schlug er einer anderen Frau mit einem Hammer auf den Hinterkopf. Trotz der Verletzungen konnte die Frau flüchten und schaffte es in ein Krankenhaus. Er habe sich von den "Blicken der Frauen" provoziert gefühlt, sagte der Angreifer bei seiner Vernehmung. Dieses Tatmotiv lässt die Exekutive nicht ausschließen, dass es noch ähnliche Straftaten des Mannes geben könnte. Die beiden Opfer konnten aufgrund der schweren Verletzungen noch nicht vernommen werden.

    Investitionen in Täterarbeit

    Allein in diesem Jahr starben fünf Frauen nach brutalen Angriffen. Der jüngste Mord an einer Frau fand Montagnachmittag in Tulln auf dem Parkplatz eines Supermarktes statt. Die 32-jährige Frau erlag den Verletzungen durch einen Dolch, mit dem ihr Ehemann auf sie eingestochen hatte. Inzwischen hat er ein umfassendes Geständnis abgelegt.

    Wie die meisten Morde an Frauen, war auch dieser eine sogenannte Beziehungstat. Im Zuge der gehäuften Frauenmorde wurde zuletzt die Frage nach entsprechenden Maßnahmen auch mit einer verstärkten Täterarbeit beantwortet.

    Die Regierung kündigte Investitionen in Täterarbeit an, und auch die Opposition sieht hier Handlungsbedarf. SPÖ-Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek forderte neben zwei Millionen an Sofortmaßnahmen für Frauenberatungseinrichtungen auch eine Million für Männerberatung und Täterarbeit.

    Fünf Stunden für Opfer

    Rosa Logar, Leiterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie, sieht in den aktuellen Debatten allerdings einen "einseitigen Fokus" auf die Täterarbeit – vor allem, solange die Opferarbeit dermaßen unterdotiert ist. "Opfer haben ein gesetzliches Recht auf Unterstützung, weil ihre körperliche und seelische Unversehrtheit verletzt wurde", so Logar, "trotzdem können wir meist nur kurzfristige Hilfe anbieten."

    Pro Opfer stehen im Jahr durchschnittlich nicht mehr als fünf Stunden zur Verfügung. "Mittel- und langfristige Unterstützung ist aber notwendig, um sich aus Gewaltverhältnissen zu befreien", weiß Logar. Sie kritisiert auch die Forderung des Vereins Männerberatung, dass Gewalttäter automatisch nach einer Wegweisung psychosoziale Beratung erhalten sollten: "Man muss sich das in erster Linie aus der Perspektive des Opfers ansehen, denn Täterarbeit kann zu dem Zeitpunkt auch ein Sicherheitsrisiko sein."

    Hohe Einstellungsrate

    Während die polizeilichen Ermittlungen und die Beweissicherung laufen, sei es für psychosoziale Interventionen noch zu früh. Stattdessen sollte Täterarbeit im Rahmen von Verpflichtungen eines Strafverfahrens und durch ein Pflegschaftsgericht stattfinden – als Bedingung, um Elternrechte weiter ausüben zu dürfen. Diese Möglichkeiten gebe es schon, "sie werden aber viel zu wenig angewendet", kritisiert Logar.

    Die Interventionsstelle hat auch ein Projekt mit dem Verein Neustart initiiert, bei dem Gewalttäter als gelinderes Mittel zur Untersuchungshaft vorläufige Bewährungshilfe erhalten statt nur "auf freiem Fuß" angezeigt zu werden. Neustart betreut die Täter, die Interventionsstelle gegen Gewalt parallel die Opfer. Dieses Projekt zur Rückfallprävention von sehr gefährlichen Gewalttätern wird mit den bestehenden Mitteln von Neustart und der Interventionsstelle gestemmt, sagt Logar. Doch obwohl es keine zusätzlichen Kosten verursacht, wird das Projekt von der Justiz kaum in Anspruch genommen. "Es gibt also bereits bestehende Strukturen, die allerdings nicht genützt werden", kritisiert die Expertin.

    Logar sieht den größten Handlungsbedarf ohnehin ganz woanders: dass Gewalttäter überhaupt zur Verantwortung gezogen werden. Nur zehn bis 20 Prozent der angezeigten Gewalt gegen Frauen und in der Familie führen zu einer Verurteilung. Die hohen Einstellungsraten würden härtere Strafen für Täter, wie sie die Bundesregierung ankündigte, nutzlos machen. "Härtere Strafen nützen wenig, wenn es zu gar keiner Bestrafung kommt", so Logar. Auch heute noch müsse Gewalt gegen Frauen massiv sein, damit sie nicht als Streiterei abgetan wird.

    Patriarchale Muster

    Logar widerspricht auch der These, dass Täter meist aus dem Affekt Gewalt ausüben, wie kürzlich Nikolaus Tsekas, der Leiter des Wiener Neustart-Büros, im STANDARD meinte. Dass ihnen die "Sicherungen durchgebrannt sind", so würden sich auch die Täter verteidigen. "Es sind meist keine Affekthandlungen, weil sie ja oft wiederholt werden", sagt Logar. Hinzu komme, dass die Gewalttat häufig angekündigt wird. "Wenn jemand mit 'Ich bring dich um' droht, hat das nichts mit einem Affekt zu tun." Vielmehr gehe es um Machterhalt innerhalb der Familie. Logar: "Das sind lang eingeübte patriarchale Muster, die leider noch immer bei einem Teil der männlichen Bevölkerung vorhanden sind." (Beate Hausbichler, 23.1.2019)

    • Auf diesem Parkplatz eines Supermarkts in Tulln wurde am Montag eine 32-jährige Frau getötet.
      foto: apa/herbert pfarrhofer

      Auf diesem Parkplatz eines Supermarkts in Tulln wurde am Montag eine 32-jährige Frau getötet.

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      foto: apa
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