Rundschau: Vom Heftroman zum guten Buch

    Ansichtssache16. März 2019, 10:00
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    Neue Formate für Perry Rhodan und John Sinclair, dazu Romane von Ben Winters, Frank Hebben und James Cambias

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    foto: begedia

    Frank W. Haubold: "Gesänge der Nacht"

    Gebundene Ausgabe, 208 Seiten, € 20,50, Begedia 2018

    Immer mal wieder kommt mir in einer Anthologie eine Kurzgeschichte unter, bei der ich mir denke: Da steckt das Potenzial für eine größere Erzählung drin, vielleicht sogar für eine Saga. Schön, wenn man das mal rückwärts nachvollziehen kann. "Das ewige Lied" – eine der acht Erzählungen aus den Jahren 2000 bis 2018, die Frank W. Haubold hier versammelt hat – ist erstmals 2005 erschienen. Und war offensichtlich die Urzelle der im Jahrzehnt darauf folgenden "Götterdämmerung"-Trilogie, die klassische Science Fiction mit dem Metaphysischen verband.

    Die letzte Antwort

    Neben dieser Erzählung, in der es um Weltraumrekruten vor der Schlacht geht, stammen noch zwei weitere Geschichten in "Gesänge der Nacht" aus diesem Universum. In "Am Ende der Reise" hat Raumkapitän Daniel den Rand des bekannten Weltraums erreicht und ist Gast oder Gefangener eines seltsamen Phänomens, das längst verstorbene Menschen, die in seinem Leben eine Rolle gespielt haben, an Bord manifestiert. Dass die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits durchlässig werden, ist übrigens ein Grundmotiv, das sich durch diesen Band zieht.

    Während in "Am Ende der Reise" die Frage, ob der Tod wirklich das Ende bedeutet, offen bleibt, wird sie in der abschließenden Geschichte "Die letzte Frage" nicht nur explizit gestellt – eine Super-KI übernimmt hier gewissermaßen die Adressatenrolle von Gott –, sondern sogar verbindlich beantwortet, zumindest für dieses spezielle Universum. Ich weiß nicht, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn die Antwort ausgeblieben wäre – wenn schon nicht für den Fragesteller Viktor, dann wenigstens für uns Leser. Immerhin lassen die meisten Geschichten in dieser Sammlung fast alles offen und fahren sehr gut damit. Aber vielleicht wollte Haubold wenigstens eine Gewissheit als Schlusspunkt setzen.

    Im Zwischenreich

    Maximale Offenheit zeigen zwei Geschichten im vorderen Teil des Bands, die nicht unter Science Fiction fallen, sondern scheinbar in unserer Realität ablaufen – eine Vermutung, die sich aber sukzessive auflöst. So gerät "Die Stadt am Fluss" zu einem surrealen Trip ins Land der Erinnerung, wenn Protagonist Robert nach 30 Jahren in seine einstige Heimatstadt zurückkehrt, die nun aber fast menschenleer ist und seltsame Anzeichen von Verfall zeigt. Wie ein einzelnes Farbbild in einem Schwarzweißfilm kommt Robert hier seine einstige Jugendliebe entgegen – offenbar ohne seitdem auch nur einen Tag gealtert zu sein. Es bleibt völlig offen, wo hier die Grenzen zwischen Erinnerung, Wunschvorstellung und Vision verlaufen.

    Ähnliches gilt für "A flor dos sonhos", einer insgesamt der "Stadt am Fluss" sehr ähnlichen Erzählung, in der Vergangenheit und Gegenwart zu einem kaum durchschaubaren Zwischenreich verschmelzen. Mit einem Rummelplatz, der in Abwesenheit von Menschen von alleine munter weiterläuft, als würdigem Schauplatz.

    Stimmung sticht Genre

    Vergleichsweise konventionell ist die Schauergeschichte "Der Wunderbaum" gehalten, in der Hauptfigur Gabriel zu jenem Ort in den Bergen zurückkehrt, an dem (wieder) vor 30 Jahren etwas Tragisches geschehen ist. Gabriel ist übrigens Schriftsteller, was Haubold Gelegenheit für ein paar neckische Selbstreferenzen gibt. Vor allem aber ist er typisch für die Protagonisten fast aller Geschichten hier: Es sind mit wenigen Ausnahmen Männer in reiferen Jahren, die einen Verlust erlitten haben und von einer tiefen Unruhe erfüllt sind, Getriebene.

    Wirklich jung ist nur Marian in "Der Garten der Persephone". Er gehört zu einer Gruppe von Raumfahrern, die von einer vergeblichen interstellaren Expedition zur Erde zurückkehren und diese als Geisterwelt vorfinden – buchstäblich. Der Tod ist in all diesen Geschichten omnipräsent, doch lauert er zumeist nicht, sondern wartet geduldig auf die Menschen, die sich ihm früher oder später bereitwillig hingeben. Es liegt eine an James Tiptree Jr. erinnernde Stimmung über den "Gesängen der Nacht".

    Am meisten beeindruckt war ich allerdings vom kompromisslosen "Der hinter den Reihen geht". Die Geschichte beginnt mit einem geradezu klassischen Motiv apokalyptischer Erzählungen: Der Protagonist, Morten mit Namen, erwacht allein an einem abgeschiedenen Ort (in dem Fall die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Anstalt) und hat offenbar den Weltuntergang verpasst. Doch Morten hört Trommeln in seinem Kopf, und die treiben ihn an – denn er hat noch eine Aufgabe zu erfüllen. Eine Erklärung wird nicht geliefert und braucht es auch nicht. Stark.

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