Soll man mit sechs schon wählen?

    21. Jänner 2019, 16:20
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    Warum die Forderung des britischen Politologen David Runciman ein Plädoyer für die Fantasie ist

    Den Ruf nach Reformen erhebt zumeist derjenige, der Verhältnisse, an die sich die Mehrheit gewöhnt hat, für unhaltbar erachtet. Seine britische Heimat versank längst im tiefsten Brexit-Schlamassel, als der angesehene Cambridge-Politologe David Runciman gegen Ende 2018 eine wahrhaft revolutionäre Forderung erhob.

    Der Guardian-Autor, Verfasser von How Democracy Ends, hält die Zeit für gekommen, vehement an den Stellschrauben der Demokratie zu drehen. Seine Empfehlung: Das Alter, ab dem Untertanen Ihrer Majestät der Königin an die Wahlurnen schreiten, soll massiv gesenkt werden. Zum jetzigen Zeitpunkt müssen Briten 18 Lenze zählen, um an Wahlen zum Unterhaus teilnehmen zu dürfen.

    Die Unterzahl

    Runciman (51) kann sich allen Ernstes vorstellen, bereits Sechsjährige an die Wahlurnen zu bitten. Die Argumente, die der Weise aus Cambridge vorbringt, sind zunächst demografischer Natur. Jugendliche würden in einer Gesellschaft, die in einen massiven Überalterungsprozess eingetreten ist, in die Unterzahl gedrängt.

    Unsere Demokratien würden "aus der Balance geworfen". Runciman merkt an, dass Menschen auch mit Absolvierung des 75. Lebensjahres ihre Wahlberechtigung behielten: "Du kannst wählen gehen bis an dein Lebensende und musst dich keinen Eignungstests unterziehen. Du darfst sogar dement sein, wenn du deine Stimme abgibst. Jugendliche sind hier ganz klar die Verlierer!"

    Stimmzettel für jeden

    Runciman brachte auf Befragen des Guardian für seine Initiative eine ganze Reihe von politologischen Begründungen vor. Anpassungen, die das konstatierte Ungleichgewicht beheben sollen, lehnt der Professor ab. Mehrere Stimmzettel für jeden jungen Staatsbürger? "Man darf niemals das Urprinzip infrage stellen: pro Person eine Stimmabgabe. Umgekehrt darfst du Personen niemals das Wahlrecht wegnehmen."

    Mit der Radikalisierung des ursprünglichen Vorschlags brachte Runciman auch wohlmeinende Zeitgenossen auf die Polit-Palme. Warum sollen nicht schon Sechsjährige wählen (dürfen)? "Was soll schon Schlimmes passieren", schmunzelte der britische Nachfahre von Jean-Jacques Rousseau. Dieser, ein aufrechter Mann, plädierte einst für ein Menschenbild aus dem Geist der Authentizität.

    Die Willensbildung

    Runciman sagt: Die Demokratie braucht von Zeit zu Zeit Reformen, die sie aufrütteln und ihre Teilhaber aus der Lethargie reißen. Deren böse Geschwister sind Argwohn und Chauvinismus. Gemeint ist somit der unaufhaltsame Ausbau von Inklusion: Menschen, die in die Grundbegriffe des Schreibens und des Lesens eingewiesen sind, sollten auch imstande sein, sich an der Willensbildung zu beteiligen. Immerhin ist eine wachsende Zahl von Stimmbürgern massiv unglücklich mit den Resultaten des eigenen (Nicht-)Handelns.

    Bis dato glaub(t)en viele, Runciman habe lediglich einen dämlichen Witz gerissen. Weit gefehlt: Der Mann aus Cambridge erwartet sich eine Flutung der Demokratie mit Fantasie. Politiker, die in den Schulen auf Stimmenfang gingen, wären gezwungen, sich über ihre Argumente auf völlig neuartige Weise Gedanken zu machen. Sie müssten Skrupel entwickeln. Brächten sie gegenüber den Abc-Schützen schlechte Argumente vor, würden sie im Gegenzug mit Goodwill beschenkt.

    Wahrhaft frei

    Vielleicht enthielte die Wahlrechtsidee für Sechsjährige auch ein Versprechen von Freiheit. Im frühen 19. Jahrhundert wurde klar, dass die großen Errungenschaften der Französischen Revolution mühsam miteinander synchronisiert werden müssen. Die Freiheit des Einzelnen besteht nicht bloß in der Verwirklichung seiner Egoismen. Wahrhaft frei und gleich sind Menschen, wenn sie kooperieren. Nimmt man Kinder in die Schulpflicht, so hat man etwas an sie zurückzugeben. Und sei es, dass man ihren Forderungen auf politisch verbindliche Weise Gehör schenkt.


    Reaktionen: Was denken Kinder über Politik?

    "Ich will, dass die keinen Krieg führen. Ich finde, es sollte nicht so viele Autos geben, und dass nicht so viele Sachen genutzt werden, wo Rauch rauskommt, der die Erde kaputtmacht und macht, dass man ständig den Stephansdom putzen muss." Matthieu (8)

    "Es soll nicht mehr so viele Arme geben, die auf der Straße leben müssen." Luise (9)

    "In den Schulen sollen viel bessere Dinge gelernt werden!" Elsa (6)

    Aktuelle Kinderstimmen aus England zitiert nach "The Guardian": "Tablets gehören verboten, weil die Leute ununterbrochen auf ihnen herumspielen, und das kann die Augen ruinieren und hält dich davon ab, mit deiner Familie zu sprechen."

    "Sie sollten den Alkohol verbieten, weil manchmal betrinken sich die Leute, dann stechen sie einander ab und kriegen einen Kater, was irgendwas wie Krankheit ist."

    "Die Regierung sollte Buggies in den Schulen verbieten, weil Babies und Kleinkinder gefälligst selber gehen lernen sollen."

    "Die ganze Zeit über den Brexit zu streiten ist nicht gut. Die Regierung hat gefälligst zusammenzustehen. Kinder sollten wählen, aber sie sollten nicht herumstreiten wie Theresa May."

    (Ronald Pohl, 21.1.2019)

    • Achtung! Die Wahlrechtsidee für Sechsjährige ist im Kommen.
      foto: ullstein bild via getty images

      Achtung! Die Wahlrechtsidee für Sechsjährige ist im Kommen.

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