Ebola, Schüsse und verbotene Nähe im Kongo

    Reportage22. Jänner 2019, 09:00
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    Mehr als 400 Menschen sind schon an dem Virus gestorben. Den Helfern machen Milizen zu schaffen – und kongolesische Rituale

    Dafür, dass vor seinen Augen soeben ein Kind starb, ist Christian Kleine überraschend gefasst. "Ich habe schon so viele Menschen sterben gesehen", sagt der Arzt aus Würzburg, der sich zu seinem dritten Seucheneinsatz in Afrika aufhält: "Ich kann nicht jedes Mal die Fassung verlieren." Die emotionale Distanz des 42-jährigen Epidemiologen hängt womöglich auch mit dem Umstand zusammen, dass er von dem sterbenden Buben durch eine zwei Meter breite Barriere getrennt war: der Abstand zwischen Arzt und Patient, der in der Aufnahme des provisorischen medizinischen Zentrums am Rand der nordostkongolesischen Stadt Beni vorschriftsmäßig zu herrschen hat. Denn Nähe kann in Zeiten von Ebola tödlich sein. Jetzt liegt der Bub in einen virendichten Sack verpackt im Leichenzelt in der hintersten Ecke des Zentrums. Seine Familie wird ihn nie wieder zu Gesicht bekommen.

    Die Mutter brach angesichts des Todes ihres Kindes laut schreiend zusammen. Sie musste von den Pflegekräften in ihren extraterrestrisch anmutenden Schutzanzügen davon abgehalten werden, sich von ihrem Sohn mit Umarmungen, Liebkosungen und Küssen zu verabschieden. Der afrikanische Brauch, der eisigen Kälte des Todes mit größtmöglicher körperlicher Nähe zu begegnen, ist einer der Gründe, dem der Ebola-Erreger seinen verhängnisvollen Erfolg verdankt. Der jüngsten von bisher zehn Epidemien in der Demokratischen Republik Kongo fielen bereits mehr als 400 Menschen zum Opfer, wie die Behörden vor wenigen Tagen bekanntgaben.

    foto: ap photo/al-hadji kudra maliro
    Dieser Bub wird im Ebola-Zentrum in Beni in einen Untersuchungsraum geführt. Er könnte wie derzeit viele andere Kinder auch an dem Virus erkrankt sein.

    Neue Ebolaherde

    Es ist der zweitschlimmste Ausbruch, seit das Virus vor 43 Jahren entdeckt wurde: Nur in West afrika starben 2014 mit mehr als 11.000 Menschen wesentlich mehr. Die derzeitige Epidemie ist allerdings noch längst nicht unter Kontrolle gebracht: Immer wieder flammen neue Herde auf – auch an Orten, "wo wir sie niemals vermutet hätten", sagt Michel Yao, Einsatzleiter der 280-köpfigen Mission der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

    Täglich fährt vor der Aufnahme des Ebola-Zentrums rund 25-mal eine Ambulanz vor, um einen fiebrigen Patienten abzuliefern, berichtet Kleine: Mindestens jeder Zehnte erweise sich nach zwei maligen Tests im Abstand von 48 Stunden als positiv. Die Wartezeit müssen die ansonsten an Malaria oder anderen Infektionen Erkrankten hier im Transitional Ebola Centre von Ärzte ohne Grenzen verbringen. "Wir versuchen, ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen", sagt der deutsche Arzt.

    reuters/goran tomasevic
    Einer der Helfer wird dekontaminiert, nachdem er ein Baby getragen hat, das vielleicht an Ebola erkrankt ist.

    Keine "Konzentrationslager" mehr

    Die Hilfsorganisation hat aus ihrer Erfahrung in Westafrika offen sichtlich Konsequenzen gezogen. Dort waren die abgeschotteten Zentren als "Konzentrationslager" gefürchtet, aus denen es kein Entrinnen mehr gab. Dagegen ist die Einrichtung in Beni in stabile Zeltabschnitte mit Dusche und Klo sowie einen Besuchstrakt unterteilt: Hier können Familienangehörige ihren erkrankten Verwandten zumindest bis auf zwei Meter nahekommen.

    Unter den Infizierten befinde sich ein hoher Prozentsatz an Kindern, sagt Kleine: Mehr als ein Drittel aller Ebola-Erkrankten sind unter 18 Jahre alt. "Sie von ihren Müttern zu trennen", zeigt der Seuchenarzt schließlich doch Gefühl, "bricht einem das Herz." Dass sich so viele Kinder angesteckt haben, erklärt die WHO unter anderem mit dem Umstand, dass unter Einjährige sowie stillende und werdende Mütter nicht geimpft werden dürfen.

    Immun gegen das Virus

    Chantal Mwaminti sitzt hinter einer der unzähligen Absper rungen des Ebola-Zentrums mit einem knapp einjährigen Mädchen auf dem Arm. Anders als ihre Kollegen steckt die 38-jährige Krankenschwester nicht in einem der knallgelben Ganzkörperan züge. Stattdessen trägt sie einen blauen Kittel und einen Gesichtsschirm aus Plexiglas, der sogar etwas Haut zu erkennen gibt. Dass sich Mwaminti so wenig Schutz leisten kann, ist einem tragischen Umstand zu verdanken: Sie hatte sich in ihrem Spital bei der Bluttransfusion für einen Neunjährigen mit dem Virus angesteckt. Der Bub starb, sie selbst rang mehrere Tage lang mit dem Tod.

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    Höchste Sicherheitsvorkehrungen auch bei Begräbnissen.

    Dass sie den Erreger schließlich besiegte, ist gewiss auch den neuen Medikamenten zuzuschreiben, die – während der westafrikanischen Ebola-Epidemie entwickelt – in Beni auf ihre Bewährungs probe stoßen. Sie haben Chantal Mwaminti womöglich das Leben gerettet und Ärzte ohne Grenzen eine einzigartige Chance eröffnet.

    Weil sie im Verlauf ihrer Erkrankung genügend Abwehrkräfte entwickelten, müssen die Überlebenden keine Neuansteckung befürchten. "Für uns sind sie ein Geschenk des Himmels", sagt Karin Huster, Leiterin des Ärzte-ohne-Grenzen-Einsatzes in Beni. Mittlerweile kümmert sich ein knappes Dutzend Überlebender im Schichtdienst um die Patientenkinder: "Sie sind ein lebendes Beispiel, dass das Virus nicht tödlich sein muss", sagt Huster.

    Weitere Gefahr Milizen

    Um ein Gebäude in der Mitte des Zentrums aufgeschichtete Sandsäcke machen unterdessen deutlich, dass sich die in- und ausländischen Helfer noch anderen Gefahren als dem Virus ausgesetzt sehen. Sie schützen einen Raum, in den sich die Helfer im Fall eines Angriffs zurückziehen können. Ein Trupp bewaffneter Milizionäre habe ihnen bereits einen Besuch abgestattet, erzählt Huster. Nach einer kurzen Inspektion verschwanden die sogenannten Mayi-Mayi-Kämpfer allerdings wieder. Fast jede Nacht seien Schüsse zu hören, fügt Kleine hinzu. Die Unruhen machen diese Epidemie zu einer der "kompliziertesten Herausforderungen im öffentlichen Gesundheitswesen der Zeitgeschichte", heißt es in WHO-Kreisen.

    reuters/goran tomasevic
    Warten auf die Testergebnisse im Ebola-Zentrum in Beni

    Nachts zieht sich die Bevölkerung aus Angst vor Überfällen aus den Außenbezirken in die Stadt zurück. Auch die in Beni stationierten Blauhelmsoldaten können nicht verhindern, dass es in der Umgebung immer wieder zu Blutbädern kommt. Mal sterben sechs, mal zwölf oder mehr als 20 Zivilisten. Die Gräueltaten, die in den vergangenen vier Jahren weit über 2000 Menschenleben kosteten, werden einer mysteriösen Rebellentruppe, den Allied Democratic Forces (ADF) zugeschrieben, deren Motive sowohl den ausländischen Beobachtern wie der Bevölkerung rätselhaft sind. Selbst Soldaten der Armee seien beteiligt, wird in Beni geklagt. Zumindest sorge die Regierung nicht für Sicherheit, heißt es.

    Glück beim Welternährungsprogramm

    Gezielte Angriffe auf Hilfseinrichtungen wurden bislang nicht gemeldet, außer dass eine Granate mal auf dem Dach eines Büros des Welternährungsprogramms (WFP) landete – glücklicherweise, ohne zu explodieren. Allerdings werde die Arbeit der Hilfsorganisationen immer wieder gestört, berichtet Kleine. Vor allem, wenn ihre Teams aus Sicherheitsgründen nicht in Gegenden vordringen könnten, aus denen neue Infektionsfälle gemeldet wurden. Beim Kampf gegen das Virus komme es darauf an, so schnell wie möglich sämtliche Kontakte eines Erkrankten zu eruieren, gefährdeten Personen den neuen Impfstoff zu injizieren und Tote auf sichere Weise zu bestatten.

    Winnie Kavira sitzt mit ihren fünf Kindern in einer kleinen Lehmhütte in Benis Stadtteil Ndindi – über ihr ein Foto ihres Ehemannes, auf dem "Adieu Kambala Innocent" steht. Der 32-jährige Krankenpfleger hatte sich bei einer Nachbarin angesteckt, die Anfang September schwer erkrankt war. Die Bewohner zeigten sich überzeugt davon, dass die Frau vergiftet worden war.

    reuters/goran tomasevic
    Die Schutzkleidung muss regelmäßig dekontaminiert werden.

    Als die Nachbarin schließlich starb und ihr Leichnam von Mitgliedern des Roten Kreuzes zur vorschriftsmäßigen Beerdigung in einen virendichten Sack verpackt wurde, kam es zum Aufstand. Mit Steinen bewaffnete Jugendliche jagten die Krankenhelfer aus dem Viertel, zerrten den toten Körper der Frau aus der Plastikhülle und beerdigten ihn nach ihren herkömmlichen Riten. Die Folge: fünf angesteckte Jugendliche, die einer nach dem anderen starben.

    Kein Vertrauen mehr

    In Ndindi sei das Gerücht umgegangen, der Frau sollten vor der Beerdigung ihre Organe entnommen werden, erzählt Winnie Kavira: Außerdem habe man sich vergewissern wollen, dass der richtige Leichnam auf die richtige Weise bestattet wurde. "Die Leute trauen hier überhaupt keinem mehr", sagt die 30-jährige Witwe, "am wenigsten Vertretern der Regierung." Als schließlich auch ihr Mann erkrankte, habe sie ihre Nachbarn davon überzeugen müssen, keine Steine auf die Ambulanz zu werfen: Seine Einlieferung ins Ebola-Behandlungszentrum kam trotzdem zu spät.

    Abbé Aurélien, die rechte Hand des Erzbischofs von Butembo, einer rund 70 Kilometer südlich von Beni gelegenen Millionenstadt, in der sich das Virus derzeit am schnellsten ausbreitet, wehrt sich entschieden gegen die Vorstellung, die Seuche könne eine Strafe Gottes sein. Doch dass hinter den ständigen Gewalttaten "finstere Kräfte" stehen, die die erdölhaltige Region zur besseren Ausbeutung des schwarzen Goldes zu entvölkern suchen, hält der katholische Priester für durchaus denkbar. Ein Kandidat bei den am 30. Dezember durchgeführten Parlaments- und Präsidentenwahlen machte in Butembo unumwunden die Regierung für den Ebola-Ausbruch verantwortlich. Auf diese Weise solle die oppositionelle Hochburg geschleift werden, mutmaßte er.

    Neuer Impfstoff wirkt

    Mehr als 60.000 Menschen hat das kongolesische Gesundheitsministerium bereits impfen lassen. Ohne die gezielte Abwehrkampagne wäre die Zahl der Todesopfer bereits um ein Vielfaches höher, sagt WHO-Mann Yao. Der ebenfalls schon während der westafrikanischen Epidemie entwickelte Impfstoff erweist sich im Kongo als höchst effektiv.

    Vielleicht ist das auch ein Mitgrund, dass Anzeichen der Panik – wie einst in Westafrika – diesmal kaum auszumachen sind. Schulkinder gehen Hand in Hand die Straße entlang, auf den allgegenwärtigen Motorradtaxis quetschen sich bis zu vier Pas sagiere, die Fieberkontrolle am Stadtrand von Beni entfällt heute wegen Regens. (Johannes Dieterich aus Beni, 22.1.2019)

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