Prozess um Tintifax' Stacheln und Ellbogen-Checks gegen Frauen

    22. Jänner 2019, 07:00
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    Ein 36-Jähriger soll grundlos Frauen attackiert haben. Er sagt, er wollte sich nur Platz verschaffen, da die Opfer ihn provoziert hätten

    Wien – Angeklagter Sharif I. bietet Richterin Nina Steindl im Laufe seines Verfahrens um versuchte Körperverletzung und gefährliche Drohung mehrere Beschreibungen seiner selbst. "Ich bin eher der Mystiker, Zauberer, Schamane und weniger der sexy James Bond", macht der 36-jährige Unbescholtene beispielsweise klar, dass er keine Waffen besitzt. Bei anderer Gelegenheit erweckt er Kindheitserinnerungen: "Ich bin eher so ein Typ wie der Tintifax oder der Habakuk, ich brauche keine sozialen Netzwerke", verweist er mit nicht ganz nachvollziehbaren Argumenten auf seinen Facebook-Boykott.

    Die magisch-spirituelle Entwicklung des gebürtigen Österreichers war nicht von Anfang an klar: Nachdem er seinen Abschluss als Softwareingenieur gemacht hatte, arbeitete I. in der IT-Branche, ehe er zum Aussteiger wurde und jetzt als Selbstständiger 600 Euro im Monat verdient. Der psychiatrische Sachverständige Peter Hofmann vermutet daher in seinem Gutachten, dass der Angeklagte "nicht immer so war", derzeit weise er aber "ein durchwegs sehr auffälliges Verhalten auf"; sei wohl in einer "hypomanen Phase", aber uneinsichtig, dass er ein Problem habe.

    Zwei Attacken im öffentlichen Raum

    Ein Problem, das sich im vergangenen Jänner zweimal so geäußert hat, dass I. zwei Frauen im öffentlichen Raum unmotiviert mit dem Ellbogen gegen die Schläfe schlug und ihnen anschließend drohte. Er selbst sieht sich als Opfer: Der Ellbogencheck gegen eine Pensionistin an der Supermarktkassa sei eine notwendige Abwehrreaktion gewesen. "Ich habe gemerkt, dass sie mir zu nahe kommen will, da habe ich für Abstand gesorgt, wie ein Igel seine Stacheln aufstellt", beschreibt er.

    Bei der Polizei hatte er es noch drastischer formuliert: Alte Frauen im Supermarkt würden ihm öfters auf die Nerven gehen, seien "Scheißhausfliegen", und daher sei eine "erzieherische Maßnahme" notwendig gewesen. Verletzungsabsichten habe er aber nie gehabt, beteuert er vor Steindl: "Ich bin nicht so ein Versager, dass ich jemanden nicht verletze, wenn ich es will."

    I. könnte aber ein Problem mit Frauen unabhängig vom Alter haben, wie sich rund zwei Wochen später zeigte. Die 26-jährige Frau A. schildert als Zeugin, wie an diesem Tag auf der Straße ein Mann – der Angeklagte – direkt auf sie zusteuerte. "Ich habe mir noch gedacht, dass er ausweicht, plötzlich hat er mir mit dem Ellbogen gegen die Schläfe geschlagen."

    Drohungen an der Supermarktkassa

    Sie sei schockiert gewesen, dann aber doch einkaufen gegangen, als sie dem Angreifer im Supermarkt erneut begegnete. "Er sah mich und fing zu fluchen an. Ich bin gleich zur Kassa gerannt, dort hat er sich eine Person hinter mir angestellt, mich ständig bös angestarrt und kurze Schlagbewegungen mit der Faust gemacht. Ich bin in Tränen ausgebrochen und habe einen Mitarbeiter um Hilfe gebeten", erinnert sich das Opfer, für das Privatbeteiligtenvertreterin Alida Harrich 200 Euro will.

    I. hat auch in diesem Fall eine andere Erklärung: "Das passiert mir oft, dass Leute mich provozieren, um vor Gericht dann ein Extrageld zu verdienen", ist er überzeugt. "Damals sind mir Leute häufiger absichtlich in den Weg gelaufen, wenn ich im Stress war", erinnert er sich an das Vorjahr. Da habe er sich eben Platz machen müssen. Bei Frau A. ist er überzeugt, die habe seine Route absichtlich blockiert, "um mir ihre Schönheit zu demonstrieren", danach sei sie ihm "zum Supermarkt nachgelaufen, um mir Schuldgefühle einzureden".

    Hofmanns Gutachten macht deutlich, wie schwierig sich die Justiz mit Menschen tut, die eine psychische Störung nicht wahrhaben wollen. I. sei zu den Tatzeitpunkten zurechnungsfähig gewesen, ist der Psychiater überzeugt. Aber auch die Möglichkeit einer Einweisung wegen besonderer Gefährlichkeit sieht Hofmann nicht, da es keine Hinweise für das Risiko wirklich schwerer Straftaten durch den Angeklagten gäbe.

    "Nicht der klassische Psycho"

    Verteidiger Arno Klecan greift das in seinem Schlussplädoyer dankbar auf. "Die Damen haben sich zu Recht bedroht gefühlt", gibt er zwar zu, aber sein Mandant "sei sicher nicht der klassische Psycho". Steindl verurteilt den Angeklagten schlussendlich nicht rechtskräftig zu vier Monaten bedingt, die 200 Euro muss er zahlen. "Das nächste Mal, wenn Sie wer stört, weichen Sie aus", gibt sie I. noch mit auf den Weg. "Ich habe auch andere Möglichkeiten", lautet die kryptische Replik. (Michael Möseneder, 22.1.2019)

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