Patriots und Rams nach Overtime-Thrillern in der Super Bowl

    21. Jänner 2019, 04:18
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    Kapitale Schiedsrichter-Fehlentscheidung rettete Rams, ein Chiefs-Verteidiger die Patriots

    Kansas City / New Orleans – Die Los Angeles Rams und die New England Patriots spielen nach denkwürdigen Conference-Championships in der NFL um die Super Bowl. Die Kalifornier gewannen das Halbfinale zwischen den beiden besten Hauptrundenteams bei den New Orleans Saints mit Starquarterback Drew Brees trotz eines 0:13-Rückstands mit 26:23 nach Verlängerung.

    Auch die Patriots um Tom Brady brauchten bei ihrem 37:31 eine Overtime. Beide Teams wurden im Finish nur durch ein Blackout am Leben gehalten – bei den Rams waren die "Retter" die Schiedsrichter, bei den Patriots ein Gegenspieler.

    Rams starten schwach

    Nach schweren Startschwierigkeiten der bisher so mächtigen Rams-Offense um Quarterback Jared Goff entwickelte sich eine packende Partie, die der angeschlagene Rams-Running-Back Todd Gurley größtenteils von der Seitenlinie verfolgte. Wie so oft vertrat ihn C. J. Anderson ausgezeichnet, die Rams kamen jedoch kaum mit dem 100 Dezibel überschreitenden Lärm im Superdome zurecht.

    foto: reuters/derick e. hingle-usa today sports
    Diesen Mann wollen Sie nicht aufhalten müssen: C. J. Anderson.

    Nach zwei Field Goals und einem Touchdown der Saints endete das erste Viertel mit dem Stand von 13:0, die Rams kamen nur dank eines hochriskanten und mutigen Spielzugs zu ihren ersten Zählern. Punter Johnny Hekker sorgte mit einem Pass bei einem angetäuschten Punt für den ersten nennenswerten Raumgewinn seines Teams, das in Folge langsam ins Laufen kam und vor der Halbzeitpause durch einen der seltenen Gurley-Einsätze auf 10:13 verkürzte.

    Packendes Spiel

    Brees' Touchdownpass auf Taysom Hill beantwortete Jared Goff mit einem kurzen Wurf auf Tyler Higbee, fünf Minuten vor Schluss glich Rams-Kicker Greg "The Leg" Zuerlein erstmals aus. Die Saints starteten einen vermeintlich siegbringenden Drive, Running Back Alvin Kamara war vor allem als Passempfänger im Dauereinsatz. Der entscheidende – und hoch kontroverse – Spielzug kam innerhalb der Two-Minute-Warning.

    Rams-Verteidiger Nickell Robey-Coleman leistete sich bei einem Saints-Pass bei 3&10 ein offensichtliches Regelvergehen und räumte Wide Receiver Tommylee Lewis weg, bevor der Ball noch in Reichweite war. Die Schiedsrichter-Experten im US-Fernsehen waren sich einig: Eine Strafe wäre zu geben gewesen. Zum Unglauben von Saints-Head-Coach Sean Payton warfen die Referees allerdings keine Flag, so bekamen die Gastgeber das fällige First Down nicht und konnten die verbleibende Zeit nicht mehr von der Uhr spielen.

    Hoppala.

    Also blieben den Rams nach Wil Lutz' kurzem Field Goal noch 1:41 Minuten – so lange brauchten sie nicht, um mit neun Plays 45 Yards über das Feld zu marschieren und dank Zuerlein auszugleichen. Es ging also in die Overtime. Die Saints gewannen den Münzwurf und hätten das Spiel mit einem Touchdown entscheiden können, Brees warf aber unter starkem Druck eine Interception.

    Gefangen.

    Auch Goff konnte sein Team im Gegenzug nicht sonderlich weit nach vorne bringen – aber weit genug, denn Zuerlein gelang aus 57 Yards das längste Playoff-Field-Goal der Rams-Geschichte.

    Drin isser.

    "Die Refs haben den Call vergeigt. Er hat den Lauf des Spiels geändert", sagte der frustrierte Saints-Coach Payton. "Es ist schwer zu akzeptieren." Selbst Übeltäter Robey-Coleman gestand nach dem Spiel gegenüber Journalisten, dass die Pass Interference zu geben gewesen wäre. Er habe gedacht, erwischt worden zu sein. "Ich habe nicht auf den Ball geschaut. Als ich gehört habe, wie laut die Fans wurden, dachte ich, dass es eine Flag gibt", sagte der 27-Jährige. "An die Saints-Fans: Sorry, aber die Refs haben gesagt, der Pass war incomplete."

    Regeländerung?

    Der Fehlpfiff wird nicht nur einige Zeit Tagesthema der US-Sportwelt bleiben, er könnte auch eine Regeländerung einleiten: Bereits seit einiger Zeit wird über eine Änderung der Challenge-Regel debattiert. Derzeit können Strafen nicht per Videobeweis überprüft werden, das könnte sich für die nächste Saison ändern – fällige Regeländerungen werden in der NFL oft erst nach einem offensichtlichen Anlass auf großer Bühne durchgebracht.

    Die Sicht der Saints: Man hat ihnen den Sieg gestohlen.
    Das Internet hat seinen Spaß.

    Der erst 32 Jahre alte Rams-Coach Sean McVay ist der jüngste Trainer der NFL-Geschichte, der die Super Bowl erreicht hat. Dem Franchise winkt sein vierter NFL-Triumph, 1945 gewann das Team als Cleveland Rams, 1951 als Los Angeles Rams und 2000 als St. Louis Rams.

    Auch Patriots mit Überstunden

    Gegner im Finale um die 53. Super Bowl sind am 3. Februar (MEZ 4. Februar, 0.30 Uhr, Puls 4 und Dazn) in Atlanta die New England Patriots, die die Kansas City Chiefs mit 37:31 niederrangen.

    Die Chiefs gewannen bei Minusgraden auf heimischem Rasen den Münzwurf, überließen den ersten Ballbesitz aber den Gästen. Und die taten, was die Patriots in einem Playoff-Spiel eben tun. 15 Plays, 80 Yards, ein Touchdown von Running Back Sony Michel.

    Die Chiefs resümierten ihren ersten Drive nach fünf Plays mit minus sechs Yards, das war bezeichnend für die ganze erste Halbzeit, in die bisher so spektakuläre Offense um Quarterback Pat Mahomes nur mickrige 32 Yards Raumgewinn zustandebrachte.

    Interception verhinderte Schlimmeres

    Einziger Lichtblick der Gastgeber war eine Glanzleistung von Linebacker Reggie Ragland, der in der eigenen Endzone einen Pass von Quarterback Tom Brady abfing. Es war Bradys erste Playoff-Interception seit der Super Bowl LI vor zwei Jahren – dazwischen warf er in der Postseason 237 Pässe unfallfrei. Kurz vor der Pause sorgte Brady aber mit einem 29-Yard-Touchdown auf Phillip Dorsett für die 14:0-Führung seiner Patriots.

    Dorsett erhöht.

    Nach der Pause funktionierte die Chiefs-Offense erstmals in gewohnter Manier, Mahomes und Co überquerten das Feld in nur vier Plays, Tight End Travis Kelce fing den Touchdown zum 7:14.

    Kelce schreibt für die Chiefs erstmals an.

    Nach einem Gostkowski-Field-Goal starteten die Chiefs einen langen Drive, der in einen kurzen TD-Pass auf Damien gipfelte. Mit einer 17:14-Führung im Rücken waren wieder die Patriots dran, blieben aber ohne Punkte: Head Coach Bill Belichick ließ an der 25-Yard-Line der Chiefs einen vierten Versuch ausspielen, Rex Burkhead erreichte das benötigte Yard aber nicht und der Ballbesitz ging an die Chiefs. Es war ein kurzes Vergnügen, nach drei Plays für zwei Yards punteten die Chiefs.

    Knappe Entscheidung

    Und dieser Punt brachte die nächste Kontroverse: Julian Edelman ließ den Ball aufspringen und konnte ihn danach nicht fangen, die Chiefs nahmen den Ball auf. Auch aus unzähligen Zeitlupen war kaum zu erkennen, ob die am Feld gegebene Entscheidung eines Turnovers korrekt war – die Referees entschieden, dass Edelman den Ball nie berührt hatte, so bekam New England den Ball zurück. Und wurde ihn alsbald wieder los. Ein Brady-Pass segelte von Edelmans Fingern in die Hände von Chiefs-Safety Daniel Sorensen, dieser Turnover war diskussionslos.

    Sorensen kommt glücklich zur Interception.

    Mahomes brauchte nicht lang für seinen dritten Touchdown des Abends, den größeren Teil der Arbeit leistete Empfänger Damien Williams nach einem Screen-Pass. 7:45 Minuten vor Schluss führten die Chiefs erstmals, Harrison Butker verwandelte den Extrapunkt zum 21:17. Die Patriots ließen sich nicht lange bitten, arbeiteten sich vor und mussten an der Zehn-Yard-Line wieder einen vierten Versuch ausspielen. Statt den nötigen Zentimetern erledigte Running Back Michel diesmal jedoch gleich den ganzen Weg in die Endzone, 24:21 Patriots.

    Schlagabtausch

    Mahomes musste liefern – und er tat es, unterstützt von einigen Regelverstößen der Patriots-Defense. Ein Zwei-Yard-Run von Williams drehte die Partie abermals, der frustrierte Belichick schmiss an der Seitenlinie sein Tablet durch die Gegend. Den Patriots blieben nach einem guten Kickoff-Return von Cordarelle Patterson zwei Minuten, um den siegbringenden Touchdown zu erzielen.

    Brady packte das Skalpell aus. 20 Yards auf Edelman, elf Yards auf Kevin Hogan, Incompletion, Incompletion – und dann rettete ein Blackout von Dee Ford die Patriots. Der Chiefs-Verteidiger stellte sich beim Start des folgenden Spielzugs zu weit vorne auf, so wurde eine spielentscheidende Interception annulliert. Zwei Plays später war Burkhead in der Endzone, 31:28.

    Wichtig für die Patriots.

    Kansas City blieben 38 Sekunden und ein Timeout, das Head Coach Andy Reid früh verheizte. So musste Harrison Butker mit elf Sekunden auf der Uhr ein 39-Yard-Fieldgoal kicken, 31:31. Overtime. Die Patriots gewannen den Münzwurf, überstanden dreimal 3&10 und gewannen die Partie mit einem Touchdown von Burkhead.

    Zum zwölften Mal in seiner Karriere hatte Brady ein Playoff-Spiel im Schlussviertel oder der Overtime nach Rück- oder Gleichstand entschieden, der 41-Jährige hat nun als einziger Quarterback drei Playoff-Spiele nach Verlängerung gewonnen. (schau, sid, 21.1.2019)

    • Patriots-Receiver Julian Edelman war in den entscheidenden Momenten wie gewohnt zur Stelle.
      foto: reuters/mark rebilas-usa today sports

      Patriots-Receiver Julian Edelman war in den entscheidenden Momenten wie gewohnt zur Stelle.

    • Über diese ungeahndete Verteidigungsmethode wird noch länger diskutiert werden.
      foto: reuters/chuck cook-usa today sports

      Über diese ungeahndete Verteidigungsmethode wird noch länger diskutiert werden.

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Den Schlusspunkt in New Orleans setzte Greg Zuerlein.

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