Rom sieht statt Rezession einen Boom

20. Jänner 2019, 18:58
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Die italienische Regierung stellt erstmals seit Jahrzehnten die von der Zentralbank attestierte Rezession infrage

Rezession oder nicht Rezession? Diese Frage wird nicht nur in Deutschland hitzig diskutiert, seit das Statistische Bundesamt nur "ein kleines Plus" beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) und damit ein "knapp vorbeigeschrammt an der Rezession" attestiert hat. Auch in Italien sorgt die lahmende Wirtschaft für Streit. Erstmals seit Jahrzehnten stellt eine Regierung in Rom die Prognosen der Zentralbank infrage.

Die Volkswirte der Banca d'Italia attestierten im letzten Quartal 2018 einen Rückgang des BIPs, nachdem die Industrieproduktion im November um 2,6 Prozent im Jahresvergleich gesunken war. Mit Ausnahme von Nahrungsmittel- und Pharmaindustrie waren alle Branchen im Minus. In der Kfz-Industrie fiel der Rückgang mit 19,4 Prozent besonders drastisch aus. Da es sich um den zweiten Quartalsrückgang in Folge handle, sei eine "technische Rezession gegeben", so die Notenbank-Experten, die auch die Wachstumsaussicht für 2019 von ein auf 0,6 Prozent korrigierten. Laut Banca d'Italia gingen im Schlussquartal 2018 auch Investitionen und privater Konsum zurück. Und: Der Ausblick ist nicht optimistisch, Investitionen dürften zurückgehen.

Zweckoptimismus

Industrieminister und Vizepräsident Luigi di Maio ficht das nicht an. Er rechnet mit einem "Miniboom" und besteht auf der von der Regierung getrommelten Ein-Prozent-Wachstumsprognose. Der Zweckoptimismus der Regierung scheint keine Grenzen zu kennen, obwohl das Vertrauensklima von Verbrauchern und Unternehmern im Dezember gesunken ist.

IWF, OECD, Banca d'Italia und EU-Kommission schraubten ihre Prognosen für Italien nach unten. Das Wirtschaftsforschungsinstitut Prometeia prognostiziert 0,5 Prozent, und der Ökonom Carlo Cottarelli hält selbst dies für kaum erreichbar. Notenbank-Experten halten einen Nachtragshaushalt mit bis zu sieben Milliarden für unvermeidbar. Doch Wirtschaftsminister Giovanni Tria ist überzeugt, das Defizit auf 2,04 Prozent halten zu können. Die EU-Defizit-Regeln seien zu streng, ließen keine Flexibilität zu. Investitionen sollten bei der Berechnung des Defizits herausgerechnet werden. (Thesy Kness-Bastaroli aus Mailand, 20.1.2019)

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