Gruppentherapie in Rot-Weiß-Rot: "Die Österreicherinnen" in Innsbruck

    20. Jänner 2019, 17:17
    1 Posting

    Uraufführung von Thomas Arzt im Tiroler Landestheater: Tiefe Gräben, an der Oberfläche betrachtet

    Innsbruck – Ein Haarband aus dem Schmuckkästchen Kaiserin Zitas. Der Kaugummi des letzten britischen Besatzungssoldaten, der 1955 Österreich verließ. Die Hundebürste Bruno Kreiskys. Ein Stück Rasen aus Córdoba, eines von der Kitzbüheler Streif und ein weiteres aus der Auslaufzone am Innsbrucker Bergisel, wo immerhin nicht nur Sport-, sondern auch Freiheitskämpfe ausgetragen wurden. Man könnte aber auch ein mit dem "Schweiß bombentraumatisierter Väter ohne Familie" benetztes Körnchen Straßenstaub von einer Flüchtlingsroute samt Handlungsanweisung ("Jetzt bitte weinen!") herzeigen. Oder ein antisemitisches Liederbuch?

    foto: rupert larl
    Ronja Forcher (Babsi), Antje Weiser (Sissi), Marion Fuhs (Franzi), Sara Nunius (Maxi), Janine Wegener (Erni)

    Die schwierige Genese eines Projekts namens Haus der Geschichte Österreich, das vielleicht bald Haus der Republik heißen wird, liefert die Steilvorlage für allerlei sarkastische Spitzen in Richtung historisches Gedächtnis. Sie eignet sich fraglos auch als Metapher für politische Umbauarbeiten: In Die Österreicherinnen soll das Archiv der Republik einem "Re-Launch" (Auftrag von "ganz oben") unterzogen werden. Rumoren tut es aber längst auch ganz unten, an den gesellschaftlichen Grundfesten.

    Die Österreicherinnen entstand als Auftragswerk für das Tiroler Landestheater, das sich in der aktuellen Spielzeit schwerpunktmäßig dem 100-Jahr-Jubiläum der Republik widmet. Der österreichische Dramatiker Thomas Arzt operiert mit Vorliebe an Heimat(begriff) und gesellschaftlicher Verfasstheit. Keine schlechten Voraussetzungen, um das Stück zur Stunde zu liefern. Bei der Uraufführung in den Innsbrucker Kammerspielen stellte sich aber die Frage, ob dessen Halbwertszeit über die aktuelle Stunde hinausreicht. Allzu leicht löst sich mitunter das, was eigentlich nachhaltiges Unbehagen bereiten müsste, in aus Klischees generierten Lachern auf.

    foto: rupert larl
    Ronja Forcher (Babsi), Sara Nunius (Maxi)

    Wobei es eine schöne Idee ist, das Auseinanderdriften der Gesellschaft auf private Beziehungen herunterzubrechen. Die Bruchlinien verlaufen mitunter quer über den Frühstückstisch gutsituierter Paare, die sich plötzlich dies- und jenseits des politischen Spektrums wiederfinden. Oder durch Freundschaften hindurch. Während die "Österreicherinnen" namens Franzi, Sissi, Maxi, Babsi und Erni (Marion Fuhs, Antje Weiser, Sara Nunius, Ronja Forcher und Janine Wegener in einer starken Ensembleleistung) gemeinsam den Gipfel zur düsteren Aussicht erklimmen, zieht der politische Wetterumschwung in Gestalt eines handfesten Sturms auf.

    Da kann der Wertekompass schon einmal durcheinandergeraten. Zumal ein Anruf direkt aus dem Kanzleramt ja auch eine Würdigung darstellt, die man nicht so einfach wegweisen kann. Also macht sich die karrierebewusste Pragmatikerin (Maxi) mit Eifer an den gewünschten Re-Launch, während sich auf der anderen Seite die "linksintellektuelle" Empörung (Franzi) zur Wut steigert und alle anderen sich in ihren typologisch angelegten Rollenbildern – vom mitlaufenden Hascherl bis zur gefallsüchtigen Aufsteigerin – einzurichten versuchen. Fast überflüssig zu sagen, dass die ausgleichende Mitte dabei auf der Strecke bleibt.

    foto: rupert larl
    Blonde Engel singen durchaus deftige Lieder vom Ende der Monarchie
    (Kinderchor des Landestheaters mit Antje Weiser, Sara Nunius, Janine Wegner, Ronja Forcher und Marion Fuhs)

    Im Gebirge aus Europaletten

    Sprachlich ist Die Österreicherinnen eine dichte und rhythmisch mitreißende Angelegenheit, in der das Unausgesprochene in abgerissenen Sätzen lauert. Die Inszenierung des jungen steirischen Regisseurs Felix Hafner greift diesen Rhythmus gekonnt auf, Camilla Hägebarth hat eine abstrakte Gebirgslandschaft aus Europaletten auf die Bühne getürmt und die Protagonistinnen in Rot-Weiß-Rot gekleidet. Die Mitglieder des Kinderchors am Landestheater bestreiten die Chorpassagen mit teils deftigen Liedern vom Ende der Monarchie, von Jubel und Raserei und von der "anderen Gesellschaft". Das letzte Wort hat aber der FPÖ-Wahlkampfsong Immer wieder Österreich. (Ivona Jelcic, 20.1.2019)

    Landestheater Tirol

    Nächste Spieltermine 26., 31.1., 1.2.

    Share if you care.