Nach zwei Jahren Donald Trump dreht sich noch immer alles um ihn

    Analyse20. Jänner 2019, 08:00
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    Am 20. Jänner 2017 trat Immobilienmilliardär und Society-Löwe Donald Trump sein Amt als 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika an – und sitzt bis heute fest im Sattel. Vieles deutet darauf hin, dass das "System Trump" auch dann noch politisch relevant sein wird, wenn er nicht mehr Präsident ist

    Halbzeit. Am Sonntag ist es zwei Jahre her, dass Donald Trump auf dem Westbalkon des Kapitols zu Washington einen Eid ablegte und in einer düsteren Antrittsrede als 45. Präsident der USA von der amerikanischen Verwüstung sprach, die seine Vorgänger hinterlassen hätten. Hinterher behauptete er, die Zuschauerzahl auf der National Mall in Washington habe alle Rekorde bei Amtseinführungen amerikanischer Präsidenten gebrochen, was sich bekanntlich als Unsinn entpuppte.

    Damals glaubten Optimisten, Würde und Bürde des Amts würden Trump mit der Zeit zur Mäßigung bringen, zum Verzicht auf "alternative Fakten". 24 Monate später ist klar: So nonchalant und systematisch wie er hat noch nie ein US-Präsident die Wahrheit verbogen.

    foto: reuters / carlo allegri
    Trump hier, Trump da, Trump überall: Die Präsidenten-Show kennt nur Gewinner und Verlierer und die ständige Konfrontation mit dem Rest der Welt.

    Neulich war er in New Orleans, wo er zu Farmern sprach. Da sitze er nun in dieser tollen Limousine, das "Biest" genannt, und versuche, die Preisschilder der Tankstellen zu lesen. "Ich sage: 'Fahrt mal langsamer, Leute. Ich kann nichts erkennen.' Und dann sehe ich, dass eine Gallone 1,75 Dollar kostet. Das ist nicht durch Zufall passiert, Leute. Glaubt ihr, Hillary Clinton hätte das hinbekommen?"

    Typisch Trump: Im Oktober – Benzin war teurer geworden, nicht zuletzt wegen der Aussicht auf schärfere Wirtschaftssanktionen gegen den Iran – waren andere schuld. Ähnlich verhielt es sich mit den Börsenkursen. Schon die Ankündigung massiver Steuersenkungen trug wesentlich dazu bei, ein Kursfeuerwerk an der Wall Street zu zünden – und Trump konnte sich gar nicht oft genug damit brüsten. Später drückten Zollschranken und die Aussicht auf Handelskriege auf die Stimmung. Nun machte der Präsident Jerome Powell, den Chef der amerikanischen Notenbank, verantwortlich für flauere Zeiten.

    Getöse mit Methode

    Sich selber ins rechte Licht rücken, anderen den schwarzen Peter zuschieben, sie niedermachen, wenn sie widersprechen, schon aus nichtigem Anlass: Das Getöse hat Methode, führt es doch dazu, dass sich alles immer nur um Trump dreht – als wäre es eine Seifenoper mit wochentäglichen Fortsetzungen, während die Substanz seines Handelns viel zu kurz kommt.

    Die Substanz also. Bisher hatte er Glück, der Quereinsteiger, der im Alter von 70 Jahren erstmals in ein öffentliches Amt gewählt wurde. Weder wurden die USA in einen neuen Krieg verwickelt, noch hatten sie einen schweren Terroranschlag zu erleiden. Die Wirtschaft ist nicht in die Rezession geschlittert, die Arbeitslosigkeit ist auf historisch niedrige 3,9 Prozent gesunken, der Wegfall von Auflagen steigert Trumps Popularität in der Unternehmenswelt. Noch brummt der Motor. Im Übrigen hat der Präsident Ergebnisse vorzuweisen, die ihm selbst Kritiker in weniger aufgeladener Atmosphäre positiv anrechnen würden.

    Kurz vor Weihnachten setzte er seine Unterschrift unter die Reform des Strafrechts, das steht bei aller gebotenen Skepsis für den Beginn einer Trendwende: weg von bisweilen bizarr drakonischen Strafen, die die Zahl der Gefängnisinsassen auf über zwei Millionen anschwellen ließen.

    Die Trump-Show

    Und versucht Trump, die Schieflage im Handel mit China zu korrigieren, kann er sich auf die stillschweigende Unterstützung etlicher Demokraten verlassen, die eine Korrektur gleichfalls für überfällig halten. Doch er polarisiert derart gründlich, dass sich kaum einer aus den Reihen der Opposition aus dem Fenster lehnt, um ihn dafür zu loben.

    Nüchternes Bilanzieren ist im öffentlichen Diskurs auf der Strecke geblieben. Während seine Gegner nichts als eine endlose Kette von Fehlleistungen sehen, hat er in den Augen seiner Anhänger alles richtig gemacht. Die Trump-Show kennt nur Gewinner und Verlierer. Donald Trump, der sich schon als Firmenerbe seines Vaters Fred nach Aufmerksamkeit sehnte, genießt es, nunmehr die ganze Welt in Bann zu halten.

    Und weil sich alles nur um ihn dreht, mag dies Europäer zu der Annahme verleiten, dem "Ausrutscher Trump" werde unter dessen Nachfolger (oder Nachfolgerin) die baldige Rückkehr zur "Normalität" folgen. Eine Illusion. "Was immer das Gros der Amerikaner an Verständnis für die globale Rolle der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg aufbrachte, begann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion nachzulassen, bis es mit den Kriegen im Irak und in Afghanistan und der Finanzkrise endgültig zerbrach", schrieben Antony Blinken und Robert Kagan vor wenigen Tagen in der Washington Post.

    Der Trend war schon da

    Blinken zählte zum engeren Kreis der strikt realpolitisch gesinnten Berater um Präsident Barack Obama, Kagan war einer der Vordenker der Neokonservativen. "Wer auch immer 2020 die Wahl gewinnt", prophezeien beide in bemerkenswerter Einigkeit, "wird es schwer haben, sich einem Trend zu widersetzen, den es schon vor Trump gab und der Trump wahrscheinlich überleben wird."

    Trump'sche Politik wird eben nicht als Rückzug in die weltpolitische Bescheidenheit wahrgenommen – was sie in der Sache durchaus ist -, sondern als das genaue Gegenteil: als ununterbrochene Konfrontation mit dem Rest der Welt. Falls es so etwas wie eine Trump-Doktrin gibt, scheint sie im ständigen Wandeln am Abgrund zu bestehen.

    Jim VandeHei, Gründer von Axios, einer für Washington-Insider unverzichtbaren Online-Plattform, spricht vom permanenten Ausreizen von Grenzen. Trump neige dazu, wilde Ideen in die Debatte zu werfen und sie hartnäckig zu wiederholen, ehe er, besonders bei Gegenwehr, entweder von selbst zur Vernunft komme oder von anderen überredet werde, "nicht zu springen": den Iran bombardieren, Nordkorea mit Feuer und Zorn überziehen, aus der Nato austreten, die Welthandelsorganisation WTO verlassen oder Robert Mueller feuern, den Sonderermittler der Russlandakte. Es sind nur einige Beispiele für die rhetorische Brechstange eines Mannes, der sich seiner Basis als Sprengsatz im Gebäude herkömmlicher Politik verkauft hat – und nun eisern daran festhält.

    Er sei stolz, wenn er die Regierung wegen der Grenzsicherheit schließe, polterte er vor Wochen im Senat. Nun, da der Shutdown in die sechste Woche geht, hat er Mühe, wieder von der Palme herunterzuklettern . (Frank Herrmann aus Washington, 19.1.2019)

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