Sind wir Millennials die Generation Burnout?

    20. Jänner 2019, 08:00
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    Das "Millennial-Burnout" gilt als großes Thema. Doch befindet sich tatsächlich eine ganze Generation im Erschöpfungszustand? Ein Millennial auf Spurensuche

    Es ist Dienstag, der 15. Jänner 2019, und ich bin müde. Ich hab seit zehn Tagen in keiner Nacht mehr als sechs Stunden geschlafen. Kurz bevor ich ins Bett gegangen bin, habe ich noch meine Mails gecheckt. Am Wochenende habe ich am Samstag und Sonntag jeweils ein paar Stunden gearbeitet und es davor lange vor mir hergeschoben. Über Weihnachten habe ich einen Text überarbeitet und einen weiteren so halb geschrieben, damit ich ihn nach Neujahr mit Verspätung abgeben konnte. Nach allen diesen Aufgaben konnte ich einen Punkt auf meiner To-do-Liste durchstreichen. Ich mag meine Arbeit. Ich bin nicht unglücklich, halt nur ein wenig müde.

    Anfang Jänner erschien auf der US-Website Buzzfeed ein Essay von Anne Helen Petersen mit dem Titel "How Millennials Became The Burnout Generation". Die Reporterin gestand sich darin ein, an "Millennial-Burnout" zu leiden. Sie beschrieb, wie der ständige Drang zu arbeiten, die fortlaufende Erosion zwischen Arbeit und Freizeit sie in einen stetig ausgebrannten Status versetzt haben. Einen Status, der es ihr und ihren Freunden ermögliche, im Groben zu funktionieren. Aber sie daran hindere, die kleinen, alltäglichen Aufgaben zu erledigen, die man mit dem Erwachsensein verbinde: den Gang zur Post, die Steuer, den Besuch beim Arzt. Petersen nennt das "errand paralysis". Der Begriff lässt sich nur unzureichend übersetzen ("errand" heißt so viel wie "Botengang", also eine kleinere Aufgabe), das Gefühl glaubt man aber zu kennen.

    illustration: felix maria grütsch

    Petersen traf einen Nerv. Der Essay ging durch die Decke, die englischsprachigen Medien sind seither voll mit dem Thema Millennial-Burnout. Auf Twitter, Facebook, sogar auf Instagram war dem Text kaum zu entkommen. Mein Millennial-Freundeskreis kriegte sich vielfach vor Begeisterung kaum ein: Endlich schreibt das mal jemand. Ich war skeptisch. Ich bin kein großer Freund von Generationenporträts. Mir waren der Text und seine Thesen ein bisschen zu schön und ein bisschen zu einfach.

    In den darauffolgenden Tagen musste ich notgedrungen mehrfach über Petersens Text reden. Beim Essen, an der Bar, auf Whatsapp. Und mit jedem Gespräch wuchsen die Zweifel an meinen Zweifeln. Zu viele Leute fühlten sich ertappt, zu viele Geschichten passten in Petersens Schema, um es einfach abzutun.

    Nicht geschafft

    Nehmen wir zum Beispiel eine Freundin – nennen wir sie Sophia, auch wenn sie nicht so heißt. Sophia hat jahrelang neben ihrem regulären Job Honorarnoten gestellt und das Thema Steuer und Sozialversicherung aufgeschoben. Warum, weiß sie nicht so richtig, sie hat das Geld überwiegend nicht einmal ausgegeben. Jetzt ist sie gerade dabei, die Sache mit der SVA endlich ins Reine zu bringen.

    Oder Lisa, die eigentlich auch anders heißt. Die Mails ihrer Familie tagelang nicht beantwortet und zahlreiche ungewollte Kleidungsstücke von Onlineshops besitzt, weil sie es nie geschafft hat, sie zurückzuschicken.

    Oder Jonas, den wir Jonas nennen können, weil er auch so heißt. Auf dem Tisch neben dem Laptop, auf dem dieser Text hier geschrieben wird, liegt ein Stapel Bücher, der eigentlich seit Tagen wieder in der Bibliothek sein sollte. Meine Miete für diesen Monat hab ich noch nicht überwiesen, obwohl die Überweisung zwei Minuten dauert und ich mir seit zwei Jahren einen Dauerauftrag einrichten wollte. Auf meiner To-do-Liste gibt es zwei Kategorien: "Dringend" und "Sollte gemacht werden". Die Liste unter der zweiten Kategorie wird nie kürzer.

    Es scheint also irgendetwas dran zu sein an dieser Sache mit dem Millennial-Burnout. Nur wie viel?

    Milieus, nicht Generationen

    Ich bin ein Millennial, weil mein Geburtsjahr so sagt. Die grobe Definition lautet meist: Menschen, die zwischen 1984 und 1999 geboren wurden, heute also 18 bis 34 Jahre alt sind. Das umspannt ein großes Raster. Die Mitglieder dieser Alterskohorte haben aber ein paar Dinge gemeinsam: eine analoge Kindheit, die in eine digitale Adoleszenz überging; einen Berufseinstieg in einer Krisenzeit; Unsicherheitserfahrungen durch globalen Terror.

    Diese Definition hat aber auch ihre Tücken. Wie alle Generationenporträts ist sie eine grobe Vereinfachung, bearbeitet ein kompliziertes soziologisches Phänomen mit der Brechstange. Das Schlimme daran ist noch nicht einmal, dass Brüche zu den Generationen danach und davor konstruiert werden, wo eigentlich sanfte Übergänge herrschen. Das größere Problem ist, dass sie aus der Sicht von Soziologen und Journalisten geschrieben ist. Also urbanen, gut gebildeten Mitgliedern der Mittelschicht. Das gaukelt Uniformität vor, wo keine ist. Generationenporträts beschreiben meist ein Milieu, keine Generation. Alle meine Freunde sind auf Tinder, niemand schaut mehr lineares Fernsehen, und niemand kann sich eine Wohnung leisten. Das verengt den Blick. Wäre ich Handwerker in Oberösterreich, würde das vielleicht anders ausschauen. Die schreiben aber für gewöhnlich keine Generationenporträts.

    Versucht man die Frage nach dem Millennial-Burnout nicht mit Gesprächen im Freundeskreis, sondern mit Statistiken zu beantworten, wird es kompliziert. Es gibt nicht die eine Studie über Millennials, und man muss aufpassen, die verschiedenen, teilweise gegenläufigen Antworten nicht zu sehr über einen Kamm zu scheren. Aber eine Sache zieht sich durch: Millennials blicken vergleichsweise pessimistisch in die Zukunft. Als die Beratungsfirma Deloitte 2017 Millennials befragte, ob sie glauben, dass es ihnen einmal finanziell besser gehen werde als ihren Eltern, antwortete nur ein Drittel mit Ja. Die exakten Zahlen unterscheiden sich stark nach Ländern und Fragestellung (in Österreich blickten unlängst immerhin 45 Prozent positiv in die ganz persönliche Zukunft), die Grundstimmung ist aber ähnlich: 18- bis 34-Jährige sind tendenziell verunsichert.

    Schlechte Zahlen

    Es ist verlockend, Millennials als Menschen mit hohen Ansprüchen zu verspotten, die lieber herumjammern als anzupacken. Es ist genauso verlockend, alles auf individuelle Entscheidungen herunterzubrechen. Denn natürlich spielt es eine Rolle, welche Prioritäten ich setze. In dem Alter, in dem ich bis morgens durch die Clubs zog, verdiente meine Mutter schon Geld als Volksschullehrerin. Aber ganz so einfach ist es dann leider doch nicht. Hinter dem Gefühl stehen Zahlen, die über Einzelschicksale hinausgehen und die man nicht einfach wegdiskutieren kann.

    Laut Berechnungen des Internationalen Währungsfonds besitzen Millennials 40 Prozent weniger Vermögen als ihre Eltern im selben Alter. Millennials haben eine geringere finanzielle Sicherheit und weniger Gewissheit, Karriere zu machen. In Deutschland ist mittlerweile jede zweite sozialversicherungspflichtige Stelle nur noch befristet ausgeschrieben. Natürlich macht das etwas mit Menschen, der Pessimismus kommt nicht aus dem Nichts.

    Millennials haben ein tiefes Misstrauen gegen die Finanzwelt und die Wirtschaft. Weniger als die Hälfte der Millennials unterschrieb in der Deloitte-Studie die Aussage, dass Unternehmen Gutes für die Gesellschaft tun. Das ist wenig verwunderlich: Das erste Mal, dass viele in meiner Generation bewusst mit so etwas wie Wirtschaft in Verbindung gekommen sind, war zur Zeit der Finanzkrise und der Bankenrettung. Dass es ohne diese Bankenrettung vielleicht viel schlimmer gekommen wäre, mag ein legitimes Argument sein, ist aber eben auch eine Kopfantwort auf ein Bauchgefühl.

    Weniger Sex

    Die düstere Sicht auf die persönliche Zukunft hat Auswirkungen auf höchstpersönliche Lebensbereiche. Millennials denken mehr an ihren Job als ihre Eltern. Und sie haben weniger Sex: In einer Umfrage der BBC gaben 45 Prozent der Erwachsenen an, dass Stress einen negativen Effekt auf ihr Sexualleben habe. Millennials sind im Durchschnitt gestresster als die Generation X und die Babyboomer. Das sind die Fakten.

    Die These, dass die verschwimmenden Grenzen zwischen Job und Privatleben mit dem wachsenden Stress zu tun haben, ist zumindest plausibel. Fast jeder, den ich kenne, schreibt Mails nach 18 Uhr oder am Wochenende. Viele meiner Freunde trafen die Entscheidung, ihren letzten Job zu kündigen, während des ersten längeren Urlaubs, den sie nach langer Zeit hatten. Weil sie vorher zu tief drinsteckten, um überhaupt auf die Idee zu kommen. Es wird oft geschrieben, dass für Millennials die Work-Life-Balance sehr wichtig ist, aber es ist, glaube ich, ein wenig komplizierter. Der Begriff Work-Life-Balance trifft auf das Leben, wie ich es kenne, eigentlich nicht zu. Das Bild einer Waage, auf der sich zwei getrennte Sphären ausbalancieren, bedarf eben einer Trennung dieser Sphären. Die Wahrheit ist aber, dass viele Millennials immer im Arbeitsmodus sind. Und wenn sie es nicht sind, fühlen sie sich so, als sollten sie es sein.

    Selbst besser werden

    Die Frage, wie Millennials mit dieser Situation umgehen, spielt in Petersens Text eine zentrale Rolle. Ihre These ist: durch Selbstoptimierung. "Wir haben nicht versucht, das System zu brechen, weil wir so nicht erzogen wurden. Wir wollten innerhalb des Systems gewinnen", lautet einer der Kernsätze. Und trotzdem fühle sich das Gewinnen an wie Verlieren.

    Das sind, wie so oft, natürlich völlig vereinfachte Antworten. Millennials stellten den Löwenanteil der Menschen hinter Occupy Wall Street, dem Erfolg von Bernie Sanders und den Protestbewegungen in Südeuropa. Und doch gelten sie wohl zu Recht als Generation von Selbstoptimierern. Als Menschen, die auf erhöhten Druck von außen mit erhöhtem Druck nach innen reagieren. Die sich selbst einreden, Schwitz-Yoga sei entspannend, und die Bücher von Jordan B. Peterson und Marie Kondo kaufen, weil sie sogar Psychologie und Aufräumen als Projekt zur Selbstverbesserung sehen.

    Es gibt die These, dass Millennials bereits von ihren Eltern als Projekt aufgezogen wurden, in das man nur genug Energie stecken muss, um einen bestimmten Output zu erreichen. Als die Ersten von ihnen rund um die Jahrtausendwende auf die Unis strömten, wurde in den USA der Begriff "helicopter parents" populär: Eltern, die ständig über dem Leben ihrer Kinder schwebten und bereit waren, bei Schwierigkeiten hinabzustoßen und zu helfen. Als singuläres Erklärungsmuster überzeugt das eher nicht. Wahrscheinlich ist, dass eine Vielzahl von Faktoren zusammenspielt. Millennials sind eine Alterskohorte, die von Menschen aufgezogen wurde, bei denen der Begriff Arbeit positiv besetzt ist; die früh realisiert hat, tendenziell in einer Abstiegsgesellschaft zu leben; und deren Alltag von technischen Neuerungen bestimmt wird, die Abgrenzungen zwischen den verschiedenen Sphären des Lebens schwierig machen.

    Generation Burnout?

    Sind wir Millennials die Generation Burnout? Die Frage ist so zu einfach gestellt. Innerhalb der Millennials gibt es viele unterschiedliche Milieus mit unterschiedlichen Vorstellungen vom Job, einem unterschiedlichen Level an Pragmatismus und unterschiedlichen Strategien, mit der Situation umzugehen. Und nicht zuletzt auch mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Ressourcen: Das Nachdenken über das eigene Ausbrennen muss man sich auch erst einmal leisten können, und das geht besser, wenn zumindest einmal die Miete verdient ist.

    Und doch ist das Millennial-Burnout kein völliges Hirngespinst. In einer großen Studie von Gallup gaben 28 Prozent der Millennials an, in ihren Jobs konstant ausgebrannt zu sein, in anderen Alterskohorten waren es 21 Prozent. Sieben von zehn Millennials verspüren zumindest gelegentlich das Gefühl von Burnout. Das Arbeitsleben und die Generation, die heute den größten Anteil der arbeitenden Bevölkerung stellt, sie scheinen noch ihre Probleme miteinander zu haben. Man wird Wege finden müssen, damit umzugehen. Wenn nicht freiwillig, dann notgedrungen.

    Es ist Dienstag, der 15. Jänner 2019, und mittlerweile 21.33 Uhr. Mich erreicht eine Mail einer Redakteurin, ebenfalls ein Millennial. Darin eine Nachfrage und der Satz "Sorry, ich hab's nicht geschafft, dir diese eine blöde Zeile noch vor Weihnachten zu schicken". Kein Problem, ich verstehe das. Wieder ein Haken weniger auf der To-do-Liste. (Jonas Vogt, 19.1.2019)

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