Wohnbau in Wien: Leben in der gesellschaftlichen Fabrik

    19. Jänner 2019, 18:00
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    Wien ist immer noch Welthauptstadt des öffentlichen Wohnbaus. Es fehlt aber an Mut, sich auf Experimente einzulassen

    Wien gilt zu Recht als Welthauptstadt des öffentlichen und öffentlich geförderten Wohnbaus. Ein Wohnbau, dessen Ziele eine gerechte Ressourcenverteilung und qualitativ hochwertiger Wohnraum für alle sind. Demgegenüber steht seit jeher der Wohnungsbau des privaten Sektors, der sich durch Renditenmaximierung für die Investoren auszeichnet.

    In seiner 100-jährigen Geschichte entwickelte sich das Wiener Wohnungswesen jedoch von einem emanzipatorischen Projekt des Proletariats hin zu einem durchökonomisierten Unternehmen, in dem öffentlicher und privater Wohnbau zunehmend ununterscheidbar werden und damit auch die Errungenschaften für ein gutes und sozial gerecht verteiltes Zusammenleben in der Stadt in Gefahr geraten.

    Der Wohnbau ist heute zielgruppenorientiert individualisiert, thematisch gebranded und "partizipativ" geplant. Zynisch mutet dabei die heute omnipräsente Diskussion über das Minimum an, das man für das Leben der Menschen als angemessen erachtet und das seit 2012 als Smart-Wohnbauprogramm verkauft wird. Hier nähern sich die Grundrissgrößen den winzigen Wohnungen des Zwischenkriegswohnbaus an, müssen jedoch allen derzeit geltenden Standards und Normen entsprechen.

    Die von Bürgermeister Michael Ludwig 2015 ins Leben gerufene Internationale Bauausstellung (IBA Wien 2022) will im Jahr 2022 eine Reihe von Projekten eröffnen, die neue Impulse für die Stadt und den Wohnbau darstellen. Eine IBA wäre als international bewährtes Instrument der Stadtplanung geeignet, Innovationen zu fördern. Sie wäre eine Chance, räumlich-architektonische Experimente zu ermöglichen, die sich jenseits der rein ökonomischen Diskussion über Leistbarkeit als soziales Engagement verstehen und damit dem öffentlichen Wohnbau wieder Kontur verleihen können.

    Unnötige Architekten?

    Die derzeitigen Projekte der IBA Wien, die sich das Leitbild "Neues soziales Wohnen" an ihre Fahne geheftet hat, bleiben jedoch den normativen Vorstellungen von dem, was Wohnen ist, sowie den Vorgaben der Wohnbauindustrie und -politik verpflichtet. Es entsteht der Eindruck, dass ohnehin geplante Projekte mit einem hübschen Mascherl versehen werden und Innovation sich auf rhetorische Gesten beschränkt.

    Die Disziplin der Architektur, ihre Kompetenzen und ihr Input werden dabei als unnötiges Wissen im Diskurs marginalisiert. In dieser Stadt hat das leider System. Bezeichnend ist, dass der Chronist moderner Architektur, Sigfried Giedion, in seinem Standardwerk Raum, Zeit, Architektur die Architektur des Roten Wien nicht erwähnt.

    Auch Vienna Rossa, die fundierte Kritik des italienischen Architekturtheoretikers Manfredo Tafuri, immerhin das Standardwerk der Rezeption des Wiener Wohnbaus in Italien, Frankreich, Spanien und Südamerika, wurde nie auf Deutsch publiziert. Dies sind nur zwei historische Hinweise für eine geringe Wertschätzung von Architektur und ihres kritisch-konstruktiven Potenzials für das Wiener Wohnbaumodell, die sich bis heute fortsetzt.

    Geschichte des Wohnens

    Gerade aber eine Auseinandersetzung, die sich jenseits ökonomischer Interessen ansiedelt und sich insbesondere der räumlichen Qualitäten der Organisation von Menschen in der Stadt bewusst ist, kann helfen, eine positive Vision einer lebenswerten Stadt für alle zu entwerfen. Dies heißt nicht, die Ökonomie zu vergessen oder die Anstrengungen der derzeitigen Stadtregierung kleinzureden, leistbaren Wohnraum mithilfe der Instrumente der Raumordnung und der Bauordnung zu garantieren. Leistbarkeit ist jedoch kein Qualitätskriterium für nachhaltigen und zukunftsfähigen Wohn- und Stadtraum, sondern eine rein ökonomische Größe.

    Ein Hinweis darauf, was zukunftsfähig sein kann, findet sich in der Geschichte des Wohnens. Der Wohnungsbau hat sich erst mit der ersten industriellen Revolution als Gegenüber zur Fabrik herausgebildet. Das Wohnen, wie wir es heute kennen, wurde über zwei Jahrhunderte hinweg eingelernt. Spätestens seit den 1970er-Jahren erleben wir jedoch eine radikale Reorganisierung unserer Ökonomie.

    Die Erwerbsarbeit wird zunehmend vom Selbstunternehmertum abgelöst, die Kreativindustrie und die Wissensarbeit gewinnen an Bedeutung, und die schmutzige Industrie wird in ferne Länder ausgelagert. Der italienische Philosoph Mario Tronti hat uns mit dem Begriff der "gesellschaftlichen Fabrik" ein probates Mittel an die Hand gegeben, die Veränderung auf einer städtebaulichen, räumlichen Ebene zu verstehen. Die Grenzen der Fabrik verschwinden. Die ganze Stadt, die ganze Gesellschaft wird zur Fabrik.

    Überkommene Ideale

    Dies bedeutet, dass sich der Grund, warum der Wohnungsbau ursprünglich entstanden ist, nämlich die Fabrik und ihr Regime, radikal verändert hat. So mutet es anachronistisch an, dass wir heute noch Wohnungen und Stadtquartiere errichten, deren Organisation den überkommenen Idealen einer komplett anderen Ökonomie und Gesellschaft verpflichtet ist und deren Wohngrundrisse bestenfalls den Industriestandards angepasst wurden.

    Wir brauchen heute Lösungen, die auf die offensichtlichen Realitäten der Gesellschaft reagieren: etwa das Verschwinden der Erwerbsarbeit und die Fragmentierung von Familien. Solche Lösungen entwerfen dabei nicht nur neue Formen des städtischen Zusammenlebens, sondern werden die gängigen Geschäftsmodelle der Wohnbauindustrie infrage stellen.

    Es wäre naiv zu glauben, dass die über 200 Jahre eingeübten Formen und Organisationen des Wohnens von heute auf morgen verlernt werden können. Die gezielte Öffnung des Diskurses, was denn der öffentliche Wohnbau jenseits der Anbiederung an liberale Ideen, wie die Individualisierung, sowie der Unterwerfung unter eine ohnehin konstruierte ökonomische Knappheit heute sein kann, und daran anschließende räumlich-organisatorische Experimente wären erste, unbedingt notwendige Schritte, dem Wiener Wohnmodell eine neue Kontur und Zukunft zu geben. Insbesondere die junge Generation von Architekten wäre dafür prädestiniert.

    Konkret könnte das heißen, fünf Prozent der Neubauleistung, also circa 500 Wohnungen im Jahr, im öffentlich geförderten Wohnbau zweckgebunden für Experimente zu reservieren, die bestimmte Normen oder Vorstellungen, wie Wohnen auszusehen hat, außer Kraft setzen. Derartige Projekte wäre dazu angetan, alternative Formen und Organisationen des Zusammenlebens auszuloten. Gleichzeitig würden sie durch ihren Innovationscharakter die Grenze zwischen öffentlich-gefördertem und privatem Wohnungsbau wieder schärfen. Dann hätte das "neue soziale Wohnen" seinen Namen verdient. (Andreas Rumpfhuber, 19.1.2019)

    Andreas Rumpfhuber ist Architekt und Architekturtheoretiker. Autor u. a. von "Wunschmaschine Wohnanlage" (2016), Lehr- und Vortragstätigkeit u. a. an der Architectural Association London, der ETH Zürich. Gastprofessuren u. a. an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart und an der TU Wien.

    • Luxus für alle", Fotomontage des imaginären Architektenkollektivs __ [Blankspace] aus dem Buch "Modelling Vienna, Real Fictions in Social Housing".
      foto: expanded design, michael klein

      Luxus für alle", Fotomontage des imaginären Architektenkollektivs __ [Blankspace] aus dem Buch "Modelling Vienna, Real Fictions in Social Housing".

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