"Capernaum" von Regisseurin Nadine Labaki zeigt Elend in Beirut

    17. Jänner 2019, 16:33
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    Der mit Laiendarstellern gedrehte Film erzählt von Armut, Misshandlung, Menschenhandel, illegaler Einwanderung, Rassismus und patriarchalen Strukturen

    Zain (Zain al Rafeea) ist mindestens zwölf, vielleicht 13, weder er noch seine Eltern wissen es genau – offiziell existiert er gar nicht. Auf die Frage, wie viele Geschwister er habe, antwortet er nur: "Viele." Wo man auch hinschaut in Nadine Labakis Elendsfilm Capernaum: Überall begegnen einem Unübersichtlichkeit, Verfall, Tohuwabohu und ein himmelschreiendes Viel-zu-viel.

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    Die Luftaufnahmen der Armenviertel Beiruts sehen aus wie halbzertrümmerte Mosaike. In den kaputten Gebäuden spielen die Kinder Krieg. Und der Superheldendarsteller im Vergnügungspark ist nicht nur uralt und zahnlos. Statt einer Spinne prangt auf seiner Brust ein ekliges Ungeziefer: Er ist "Kakerlaken-Man". In Zains bettelarmem Elternhaus wiederum herrscht ameisenhaftes Gewusel. Selbst wenn die Kinder neben und halb übereinander auf der Matratze zusammenliegen – die Eltern, nur durch ein Stück Stoff abgetrennt, sind gerade damit beschäftigt, ein neues Baby zu zeugen – ist es unmöglich, sie zu zählen.

    Zain, der Junge mit den dünnen Beinchen, verbüßt eine Strafe in der Jugendhaftanstalt in Beirut. Er hat den "Hurensohn" niedergestochen, der seine elfjährige Schwester für ein paar Hühner kaufte und tödlich schwängerte. Im Gerichtssaal sind es jedoch seine Eltern, die er anklagt: "weil sie mich auf die Welt gebracht haben".

    Armut, Misshandlung, Rassismus

    In Rückblenden entfaltet die libanesische Regisseurin (Caramel) eine dramatische Geschichte, die wenig auslässt. Es geht um Armut, Misshandlung von Kindern, um Menschenhandel, illegale Einwanderung, Rassismus und patriarchale Strukturen. Bald kreuzt sich Zains Lebensweg mit dem von Rahil, einer papierlosen äthiopischen Migrantin und Mutter eines kleinen Babys. Sie beherbergt den von zu Hause weggelaufenen Jungen mütterlich in ihrem Quartier in den Slums. Doch Rahil wird verhaftet, und Zain muss schauen, wie er mit dem kleinen Yonah allein überlebt. Aus einem geklauten Skateboard und einem Kochtopf bastelt er einen Kinderwagen, geduscht wird in der Autowerkstatt, ein Spiegel ermöglicht sogar wenig Fernsehen. Doch trotz seines Erfindungsreichtums – er gibt sich als syrischer Flüchtling aus, um an Lebensmittel zu kommen – ist er am Ende zu drastischen Entscheidungen gezwungen.

    Labaki, die den in Cannes ausgezeichneten Film (Preis der Jury) mit Laiendarstellern inszenierte, geht es in ihrem fast schon maßlos naiven Plädoyer für Geburtenkontrolle um größtmögliche Wirkung. Größtmöglich heißt in Capernaum: Nahezu jedes mit wehklagenden Streicherklängen frisiertes Bild schreit vor Betroffenheit und Anklage. "Ich möchte, dass die Erwachsenen endlich aufhören, Kinder zu kriegen, wenn sie sich nicht um sie kümmern können", erklärt Zain. Der Film "belohnt" seine Tortur am Ende mit einem amtlichen Ausweis. Und auch die Betrachterin soll wohl getätschelt werden: mit einem Kinderlächeln. (Esther Buss, 17.1.2019)

    Ab Freitag

    • Nadine Labakis Elendsfilm "Capernaum".
      foto: alamode film

      Nadine Labakis Elendsfilm "Capernaum".

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