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20. Jänner 2019, 14:00

Immer wieder sieht Elena Popa nervös aus dem Fenster, checkt ihr österreichisches, checkt ihr rumänisches Handy. Wo bleiben ihre zwei Anwälte? Sie weiß nicht, in welchen Gerichtssaal sie muss. Um sie herum karren Gerichtsbedienstete Einkaufswagen voll bunter Aktenbündel über den Fliesenboden, Lieferanten bringen dutzende Sechsertragerl Mineralwasser. Menschen, die ebenfalls um neun Uhr die erste Verhandlung haben, kaufen Automatenkaffee für zwei Lei.

Die 24-Stunden-Betreuerin Elena Popa ist heute im Gerichtsgebäude von Timișoara, weil sie von einer Vermittlungsagentur verklagt worden ist. Dafür, dass sie Dokumente auf Facebook veröffentlicht hat, die ihr andere Betreuerinnen geschickt haben: gefälschte Zertifikate, Verträge mit ausbeuterischen Klauseln und Papiere, die die Missstände der Branche nacherzählen.

Alexandra O. betreibt in Rumänien eine Vermittlungsagentur. Sie beliefert österreichische Partneragenturen mit Betreuerinnen aus dem Osten und sah durch Elena ihren Ruf beschädigt. Sie forderte 45.000 Euro Schmerzensgeld. Die erste Verhandlung verlor Elena, 5.000 Euro soll sie zahlen. Elena hat Einspruch erhoben, heute soll der Prozess neu aufgerollt werden.

Ausbildungen, die nie stattfanden

Im Geschäft der 24-Stunden-Betreuung ist Qualität ein umkämpftes Attribut. Viele Agenturen versprechen sie, wenige lassen sich in die Karten schauen. Um im Wettbewerb zu bestehen, bieten viele Vermittler, darunter Alexandra O., Ausbildungskurse an. So können Partneragenturen auf österreichischen Websites mit qualifiziertem Personal werben – und nebenbei Geld von den Betreuerinnen einnehmen. Sie sagen ihnen, so erzählen es mehrere Betreuerinnen, dass sie diese bräuchten, um in Österreich überhaupt arbeiten zu dürfen. 150 Euro zahlten sie dafür – und das, obwohl einige nie Kursräume von innen gesehen haben. Weil eine Frau nicht bezahlen wollte, erzählt sie, wurde sie mitten auf der Autobahn aus dem Bus geworfen.

Tatsächlich braucht es für das Gewerbe als selbstständige Personenbetreuerin nicht viel: Ein sauberer Leumund und die EU-Staatsangehörigkeit reichen aus.

Alexandra O. steht zu den Zertifikaten ihrer Vermittlungsagentur, zu jenen bunten Papieren, die in Elenas Facebook-Gruppe landeten. Dem STANDARD liegt eine Bescheinigung des rumänischen Arbeits- und Sozialministeriums vor, die besagt, dass diese Zertifikate in der EU weder anerkannt noch gültig sind. O. sagt, sie habe nie behauptet, dass diese amtlich anerkannt seien. Sie versteht sich als private Ausbildnerin. "Wenn das nicht legal wäre, dann wäre ich schon im Gefängnis", sagt sie. Kontrollen habe es viele gegeben.

Ein ehemaliger Mitarbeiter von O. sagt, er selbst habe 20 dieser Zertifikate gefälscht. Und er weiß von hunderten weiteren. Einige Frauen konnten nicht einmal lesen und schreiben, erzählt er, er musste ihre Unterlagen unterschreiben: "Wie sollen die jemals irgendein Lehrbuch gelesen haben?"

foto: philip pramer
Aus dem 3.000-Einwohner-Ort Biled will Elena Popa die Pflegebranche verändern.

In Biled, Elena Popas Heimatdorf im Westen Rumäniens, ist viel passiert seit der ersten Verhandlung, seit DER STANDARD sie das erste Mal vor Gericht begleitet hat. Das Rehkitz, das den Popas zugelaufen war, ist nun wieder aus dem Garten weggelaufen. Dafür haben die Schweine Junge bekommen, 14 wühlen nun in der Erde, die vom Schnee aufgeweicht ist.

Und Elena, die Kämpferin? Die ist müde. Weil sie die Galionsfigur der Betreuerinnen ist, weil sie diejenige ist, die den Mund aufmacht, ist sie die Zielscheibe. "Die Frauen haben Angst, sie haben Kinder", sagt sie, als sie am Tag vor der Verhandlung in einem weichen Lehnstuhl im Wohnzimmer sitzt. Ihre Tochter, sie lebt in Deutschland, hat es letztes Jahr eingerichtet, der Raum, der früher leer war, ist jetzt voll gemütlicher Möbel, auf einem riesigen Fernseher läuft eine rumänische Talkshow.

philip pramer
Immer dabei: Elenas im Sekundentakt bimmelndes Handy.

Fast im Sekundentakt bekommt Elena Nachrichten. Der Facebook-Messenger bimmelt immer zweimal, zuerst leise und dumpf auf ihrem Laptop, dann laut und schrill über ihr Handy. Laufend rufen Kolleginnen an, fragen um Rat oder wünschen Glück. Aber Elena hat nicht nur Fans. Es ist der 3. November 2018, Elena ist gerade in Österreich, als sie von einer rumänischen Computerstimme angerufen wird. "Mach deine Facebook-Gruppe zu", sagt der Computer, "sonst machen wir deinen Mund kaputt." Elena antwortet schlagfertig, wartet höflich, während am anderen Ende der Leitung die Computertasten klappern. Immer wieder sagt sie "Nu îmi este frică" – "Ich habe keine Angst".

Als jemand begann, Pizza zu ihrer "Oma", also der Frau, die Elena in Niederösterreich seit sechs Jahren betreut, zu schicken, war das noch harmlos. Auch das Taxi, das ungefragt kam und sie mitnehmen wollte, nahm Elena nicht ernst. Doch als ihre Gewerbeberechtigung mit einer gefälschten Unterschrift in ihrem Namen gelöscht wurde, wurde ihr mulmig. Nachdem weitere Agenturen und Privatpersonen sie angezeigt hatten, kam die Angst. Einige Wochen nach dem Anruf sperrt Facebook ihre Gruppe mit mehr als 30.000 Mitgliedern – sie soll gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen. Jetzt ist Elenas Mund kaputt.

Schwammige Fördervoraussetzungen

Derzeit kümmern sich gut 60.000 24-Stunden-Betreuerinnen um Österreichs Alte. 550 Euro stehen Personen ab der Pflegestufe drei zu, wenn sich zwei selbstständige Betreuerinnen abwechselnd um sie kümmern, vorausgesetzt, ihr Nettoeinkommen liegt unter 2.500 Euro. Allerdings müssen die Betreuerinnen entweder seit sechs Monaten ihre Arbeit tadellos machen oder eine Ausbildung abgeschlossen haben.

Um diese nachzuweisen, muss dem Förderantrag ein Ausbildungsnachweis beigelegt werden, der im Wesentlichen der einer Heimhilfe entspricht, also mindestens 200 Stunden Unterricht umfasst. Der Nachweis kann ein Zeugnis, ein Diplom, eine Urkunde sein, wie genau er auszusehen hat, da bleibt das Sozialministerium auch bei wiederholtem Nachfragen schwammig.

Robert Pozdena, Obmann der Wirtschaftskammer (WKO) Niederösterreich, sagt: "Das Sozialministerium erkennt teilweise viele Zeugnisse an, wo ich mir als Vertreter der WKO denke, da sollte man genauer kontrollieren." 158 Millionen Euro werden pro Jahr an 25.000 Pflegebedürftige ausgeschüttet, 60 Prozent kommen vom Bund, 40 von den Ländern.

Aktuell arbeite die Wirtschaftskammer gemeinsam mit dem Sozialministerium an einem Gütesiegel für Agenturen, diese sollen sich "strengen Qualitätskriterien unterwerfen". Das Modell der selbstständigen 24-Stunden-Betreuung, wie es in Österreich Usus ist, sei "die einzig leistbare Lösung", sagt Pozdena.

Wenn Elena durch das 3.000-Seelen-Dorf Biled spaziert, dann erkennt sie jeder. Sie ist die Frau, die immer lacht. Die Frau, die vor Gericht steht. Militärarchitekten der Habsburger hatten den Ort auf dem Reißbrett entworfen: 16 mal 16 Kacheln für 254 Häuser, eine Schule und eine Kirche. Ein Muster, das Maria Theresia auf zig weitere Kolonialorte im Banat anwenden ließ. Deutschsprachige Mitteleuropäer besiedelten die Gegend im 18. Jahrhundert.

"Hier wohnt eine Betreuerin", sagt Elena und zeigt auf ein großes Haus mit Glasfront. Zwanzig, vielleicht dreißig der Frauen in Biled fahren sechsmal im Jahr nach Österreich, um dort je vier Wochen lang eine alte Person zu füttern, zu wickeln, für sie zu sorgen. Junge Menschen trifft man beim Spaziergang durch Biled nicht, die gehen nach Deutschland, nach Österreich oder England, um zu studieren. Um die ganz Jungen kümmern sich Väter oder Nachbarn, wenn die Mütter im Westen sind. Und wer kümmert sich um die Alten? "In Rumänien? Niemand", sagt Elena.

Damals Helmut Schmidt, heute Agenturen

Die Deutschen, zumindest die meisten von ihnen, verließen das Dorf 1978. Damals hatten zwei mächtige Politiker ein Problem: Der sozialistische Machthaber Nicolae Ceaușescu brauchte dringend Devisen, der deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt Gastarbeiter. Der Deal: 11.000 Rumäniendeutsche durften pro Jahr nach Deutschland, Ceaușescu kassierte 4.000 Deutsche Mark pro Kopf. Das großteils deutschsprachige Banat entvölkerte sich Richtung Deutschland, darunter 1.500 Bileder.

foto: romanian communism online photo collection
Helmut Schmidt holte 11.000 Rumäniendeutsche.

Helmut Schmidt lockte die Menschen in den Westen, nun tun es die Vermittlungsagenturen, rund 800 davon gibt es derzeit in Österreich. Sie tun es mit dem Versprechen guter Arbeit und fairer Bezahlung. Und profitieren ihrerseits, indem sie das Unwissen der Betreuerinnen ausnutzen.

Einer, der den Prozess aus der Ferne interessiert beobachtet, ist der österreichische Agenturbetreiber Christian E., er ist Geschäftspartner von Alexandra O. Familien wenden sich an E. mit dem gewünschten Anforderungsprofil einer Betreuerin, O. liefert. "Für uns ist es wichtig, dass Betreuerinnen in erster Linie Erfahrung mitbringen", sagt er. Dass manche Zertifikate nicht viel wert sind, das bestreitet er nicht. Immerhin verlangt der Gesetzgeber sie ja auch nicht zur Ausübung des Betreuungsberufs.

Christian E. vertraut seiner Geschäftspartnerin. In Elena Popa sieht er eine Unruhestifterin. "Ich kann für niemanden meine Hand ins Feuer legen, aber wieso sollte Alexandra O. Zertifikate fälschen?", sagt er. Anderen Agenturen traut er nicht. "Es gibt viele schwarze Schafe, die Vollmachten haben und täglich 30 Euro abziehen", sagt er. Auch er stellt die Serviceleistungen, die er anbietet, den Betreuerinnen in Rechnung, das zeigen die Dokumente in Elenas Gruppe. 25 bis 30 Euro zahlen sie pro Woche dafür, das macht immerhin 120 Euro pro vierwöchigem Turnus.

Doch in einem Land wie Österreich, das mit überfüllten Pflegeheimen kämpft, sind viele bereit, für hochwertige Betreuungskräfte tief in die Tasche zu greifen – ohne zu wissen, dass oft nur ein kleiner Teil bei der Betreuungskraft ankommt. Wird das 24-Stunden-Modell auch in ein paar Jahren noch tragfähig sein? In 30 Jahren wird über eine Million Menschen in Österreich über 80 sein – doppelt so viele wie jetzt. Wie viele Frauen, die sie pflegen, kann Rumänien noch entbehren?

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Norbert Hofer kritisierte in der "ZiB 2 am Sonntag" Agenturen, die 24-Stunden-Pflegerinnen vermitteln.

Im türkis-blauen Regierungsprogramm kommt die 24-Stunden-Betreuung nur in einem einzigen Punkt vor: Reformiert soll sie werden, "um den Bereich Pflegeheime zu entlasten", steht dort. Im Dezember kündigte die Regierung den "Masterplan Pflege" an, Konkretes gibt es noch nicht. Nur das Motto steht schon fest: "Daheim statt Heim". Seit der Pflegeregress abgeschafft wurde, muss der Staat für den Platz im Pflege- oder Altersheim aufkommen – und das kostet. Mehr als die Frauen aus dem Osten, die für wenig Geld unsere Alten pflegen. Wie in einer Branche, die auf schlecht bezahlten Arbeiterinnen aus dem Ausland baut, Ausbeutung verhindert werden kann, darüber spricht niemand. Auch Norbert Hofers Kritik an den Vermittlungsagenturen in der "ZiB 2" am vergangenen Sonntag verhallte.

Ein Anwalt macht Urlaub

Im ersten Stock des Gerichtsgebäudes in Timișoara soll die Verhandlung stattfinden, aus dem offenen, hellen Stiegenhaus voller Palmen rein in einen dunklen Seitengang, rechtsrum zu Zimmer 171. Elenas Anwälte eilen vor, sie selbst und eine Handvoll Begleiter, die teils Stunden angereist sind, um ihr beizustehen, eilen ihnen nach. Als sich die Zuseher auf die engen, dunklen Holzbänke quetschen, bricht Hektik aus. Die Richterin blafft die neu eingetroffenen auf Rumänisch an, verweist sie des Saales. Der Anwalt der Klägerin sagte gerade eben die Verhandlungsrunde ab. In Rumänien geht das. "Ich werde auf Urlaub fahren", sagt er wenige Minuten darauf im Stiegenhaus, bevor er hinaus ins verschneite Timișoara eilt.

Wieder zu Hause in ihrem weichen Lehnsessel, schließt Elena die Augen, sie hält eine Zigarette in der einer Hand, ein Feuerzeug in der anderen. "Ich verstehe das Gericht einfach nicht", sagt sie. Sie glaubt, die Klägerin wolle die Verhandlung rauszögern. Weil sie still sein sollte, solange Verfahren laufen. "Alles, was ich poste, kopieren die, und dann kommt es vor Gericht. Und dann können die Firmen alles machen, was sie wollen", sagt Elena und schweigt einige Minuten. Durch das große Fenster scheint die Sonne ins Wohnzimmer, direkt in Elenas Gesicht. "Ich brauche eine neue Strategie", sagt sie und zündet die Zigarette an. (Philip Pramer, Elisa Tomaselli, Gabriele Scherndl, 20.1.2019)

Was bisher geschah

Die Rumänin Elena Popa arbeitet als 24-Stunden-Betreuerin in Österreich. Vor fast genau vier Jahren gründete sie die Facebook-Gruppe "Feriti-va de intermediari tepari" (Bleibt fern von betrügerischen Vermittlern). Dort tauschten sich 30.000 Betreuerinnen über ihren Job aus. Manche von ihnen schickten Popa Unterlagen, die die Vermittlungsagenturen belasten, darunter gefälschte Ausbildungszertifikate.

Eine rumänische Agentur verklagte Popa auf Schadensersatz, weil sie die Unterlagen öffentlich postete. Am 1. November 2017 war die erste Verhandlungsrunde, DER STANDARD begleitete sie. Seitdem zieht sich ein zäher Kampf zwischen Popa und den Agenturbetreibern, mittlerweile laufen mehrere Anzeigen. Die Facebook-Gruppe wurde am 23. Dezember 2018 geschlossen, weil sie gegen die Gemeinschaftsstandards verstoßen würde. Anfang dieser Woche hätte die erste Runde der Einspruchsverhandlung stattfinden sollen.

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