Gewaltschutzexpertin: "Hemmschwelle wird immer niedriger"

    Interview16. Jänner 2019, 07:00
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    Maria Rösslhumer sieht im Kampf gegen Gewalt an Frauen dringenden Handlungsbedarf bei althergebrachten Männerbildern

    STANDARD: Die Gewalt gegen Frauen steigt, das zeigte schon 2018 – woher kommt diese Gewalt?

    Rösslhumer: Ja, der Trend setzt sich fort – und es scheint sogar noch schlimmer zu werden. 41 Frauen starben 2018. Im Vergleich zu 2014 ist es eine Verdoppelung, damals waren es 19 Morde. Wir haben einerseits Beziehungsmorde und auf der anderen Seite Gewalt aufgrund von "Frust", wie etwa bei dem Angriff auf eine junge Frau mit der Eisenstange. Es scheint so, dass die Hemmschwelle immer niedriger wird. Die Formen, wie Frauenhass ausagiert wird, werden immer brutaler.

    STANDARD: Welche gesellschaftlichen Entwicklungen leisten dem Vorschub?

    Rösslhumer: Steigender sozialer Druck spielt sicher eine Rolle, Unsicherheit und soziale Unzufriedenheit, die auch politisch geschürt wird. Auch ist eine Verrohung zu beobachten, das zeigt sich in den sozialen Medien. Verbale Übergriffe werden salonfähiger – meist ohne Konsequenzen. Ich bin auch überzeugt, dass der Weg von verbaler Gewalt zu körperlicher Gewalt nicht weit ist. Viele Männer kämpfen mit einer Identitätssuche, sie wissen nicht, wie sie Bestätigung bekommen sollen, sie wissen nicht, wie sie mit Frauen umgehen sollen – und bei Ablehnung reagieren sie unter diesen Umständen noch heftiger. Das ist eine Vorstellung von Männlichkeit, die sie selbst in den Mittelpunkt stellt. Wer Gewalt verübt, wird dann zwar im negativen Sinne als Mann gesehen, aber wenigstens das.

    STANDARD: Sie sehen also vor allem Handlungsbedarf bei den Männerbildern?

    Rösslhumer: Ja, es geht viel um Projektionen, auch um die auf Flüchtlinge als Verbrecher, das macht etwas mit dem Menschen. Bei der Männerarbeit gibt es wirklich noch Handlungsbedarf. Auch müssen wir viel mehr mit Täterstrategien in die Öffentlichkeit gehen.

    STANDARD: Wie sehen diese aus?

    Rösslhumer: Es ist eine Strategie, Frauen zu erklären, wie die Welt läuft, oder wenn Männer meinen, ein Recht zu haben, über Frauen zu bestimmen. Viele Frauen sehen zwar die Aggression, wir müssen aber noch viel mehr über diese Warnzeichen reden. Es geht um eine Einschätzung, was noch normal ist und was nicht: Ist es normal, wenn er mich kontrolliert, wenn er mir auflauert? Gehört das noch zu einer Beziehung? Oder ist das schon abnormal? Es geht also um die Frage, wie man den Beginn von Gewalt erkennt, etwa wenn er die Meinung seiner Partnerin nicht akzeptiert und jedes Mal ausrastet. Bei der Frauen-Helpline gehen viele Anfragen ein, die sich um die Einschätzung von möglichen Gefahren drehen.

    STANDARD: Also weg vom häufigen Fokus darauf, was Frauen tun oder nicht tun?

    Rösslhumer: Ja, man hört immer noch: Die Frauen haben dies oder jenes gemacht. Aber wir müssen jetzt bei den Männern ansetzen. Wir müssen uns viel mehr mit der Frage beschäftigen, was heißt Männlichkeit? (Beate Hausbichler, 16.1.2019)

    Maria Rösslhumer (58) ist Geschäftsführerin des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) und stellvertretende Vorsitzende des Österreichischen Frauenrings.

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    • "Wir müssen viel mehr über die Warnzeichen reden", fordert Maria Rösslhumer.
      foto: regine hendrich

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