Jeremy Corbyn, die Geheimwaffe der Brexiteers

    15. Jänner 2019, 21:08
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    Großbritannien droht an Theresa Mays Brexit-Politik zu zerbrechen. Auch der Labour-Chef will sich nicht die Hände schmutzig machen

    Vergangene Woche fuhr Jeremy Corbyn ins nordenglische Wakefield. Die Spindoktoren des britischen Oppositionsführers hatten eine programmatische Rede angekündigt – sicher kein übereilter Schritt angesichts der Unklarheit, die in London über die Haltung der Labour-Partei zum geplanten EU-Austritt herrscht. Denn am Dienstagabend sollte das Unterhaus über das Verhandlungspaket von Premierministerin Theresa May entscheiden. Doch so viel stand fest: So wie große Teile der konservativen Regierungsfraktion wollte auch Labour den Austrittsvertrag und die politische Zukunftserklärung ablehnen. Aber was dann?

    Seit der Wahl Corbyns zum Parteichef 2015 hat die alte Arbeiterpartei einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Sie konnte die Mitgliederzahl verdreifachen und darf sich mit dem Titel der größten Partei Westeuropas schmücken. Wie die überwiegend jungen Corbyn-Enthusiasten denken, hat jüngst ein Forschungsprojekt von Professor Tim Bale an der Londoner Queen-Mary-Universität ermittelt: 72 Prozent möchten mittels eines zweiten Referendums das Ergebnis der Volksabstimmung vom Juni 2016 zu Fall bringen. Damals hatten 52 Prozent für den Brexit gestimmt. Zunehmend drängend fordert die Basis nun eine Kursänderung der Führung.

    Auf dem Parteitag in Liverpool im September gelang noch ein Kompromiss: Wenn der "Tory-Brexit" (Labour-Jargon) misslungen sei, müsse es zu Neuwahlen kommen – Labour werde eine bessere Lösung finden. Nur falls das Unterhaus sich der Selbstauflösung verweigere, werde man sich dem zweiten Referendum annähern.

    Eingefrorenes Weltbild

    Neuverhandlungen mit Brüssel gelten als extrem unwahrscheinlich. In Wahrheit haben die merkwürdig gespreizten Formulierungen nur eine Ursache: Jeremy Corbyn. Eine tatsächlich ehrliche Rede des Oppositionsführers müsste nämlich mit dem Satz beginnen: "Ich bin einer von euch." Corbyn (69) hat sich sein Weltbild aber in den 1960er- und 1970er-Jahren zurechtgelegt. Damals wie heute gilt Brüssel bei der harten Linken als "Europa der Bosse".

    Der lebenslange Aktivist ohne Uni-Abschluss und Berufsausbildung nennt sich stolz einen Internationalisten. Sein politisches Interesse speist sich aus der Empörung über wichtige Konstanten der US-Außenpolitik: das Bündnis mit Israel, die Feindseligkeit gegenüber Kuba oder die Unterstützung für die Diktatoren Lateinamerikas während des Kalten Krieges. Corbyn spricht hervorragend Spanisch, seine zweite Frau kommt aus Chile, seine dritte ist Mexikanerin. Die gemeinsame Katze hört auf den Namen El Gato.

    Europa spielte für Corbyn nie eine Rolle, jedenfalls nicht seit mehreren Motorradtrips in jungen Jahren. Der Skepsis, ja Feindseligkeit gegenüber dem politischen Projekt blieb der Parteilinken treu. Als der damalige Labour-Chef und Premierminister Harold Wilson 1975 eine Volksabstimmung über die erst zwei Jahre zuvor begonnene Mitgliedschaft in der damaligen EWG ausrief, gehörte Corbyn zur Minderheit von 33 Prozent, die mit Nein stimmten.

    Und so blieb es auch nach seinem Einzug ins Unterhaus. Jeden Integrationsschritt – die Verträge von Maastricht, Amsterdam, Nizza, Lissabon – hat der asketische Vegetarier abgelehnt. Gedrängt von der EU-freundlichen Parteibasis und Unterhausfraktion sprach er sich 2016 für den Verbleib aus, engagierte sich im Referendumskampf aber selten und lustlos. Seine Meinungsäußerungen seither klingen stets uninspiriert.

    "Nächste Wahl gewinnen"

    Genauso wie die Rede in Wakefield: 15 Minuten lang wiederholte Corbyn die bekannten Formeln und wich bohrenden Journalistenfragen aus. Die Strategie ist klar: Die Wählerschaft soll das Brexit-Schlamassel ausschließlich mit den regierenden Tories assoziieren. "Wir müssen die nächste Wahl gewinnen, und dafür müssen wir uns so lange wie möglich heraushalten", lautet einem Insider zufolge die Strategie.

    Corbyn und sein engster Kreis fahren damit einen gefährlichen Kurs. Denn die Umfragen sind nicht ermutigend. Sie zeigen zwar immer wieder eine Führung seiner Partei, eine eindeutige Tendenz ist aber nicht erkennbar. Gut möglich, dass Corbyn mit seinen Neuwahlplänen Schiffbruch erleiden würde. (Sebastian Borger aus London, 16.1.2019)

    • Für Corbyn ist die EU ein "Europa der Bosse" – seine Partei möchte trotzdem dabeibleiben.
      foto: reuters

      Für Corbyn ist die EU ein "Europa der Bosse" – seine Partei möchte trotzdem dabeibleiben.

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