Spektakel pur: Was man zu den Conference Finals der NFL wissen muss

    19. Jänner 2019, 22:43
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    Von Hexenmeister Kermit bis zu vielen Legenden – wer die Halbfinali entscheiden wird

    Noch drei Spiele sind es, bis die NFL ihren neuen Champion hat. Tausende Würfe und Tackles der Regular Season sind schon in den Äther der Irrelevanz verpufft, einige mehr werden es in der Nacht auf Montag tun – in der Arena des US-Sports zählt nur der Titel.

    Nach den relativ eindeutig-langweiligen Divisional Playoffs dürften die Conference Championships ungleich spektakulärer werden. Viel fokussiert sich auf die Duelle zweier junger, aufstrebender Quarterbacks mit zwei Allzeitgrößen, die Halbfinali sollten aber nicht nur wegen der Spielmacher Offensivspektakel werden.

    NFC: New Orleans Saints vs. Los Angeles Rams, So., 21.05 Uhr (live Puls4, DAZN)

    So oft es im Football um die Quarterbacks geht: Den Unterschied machen bei den Los Angeles Rams andere. Defensive Tackle Aaron Donald wird mittlerweile routinemäßig von zwei Gegenspielern verteidigt, hat aber trotzdem einen gewaltigen Einfluss auf das Spiel. Die Stärke der Rams liegt aber im Ballbesitz: Die von dem erst 32-jährigen Head Coach Sean McVay installierte Offense ist beängstigend nahe an der Grenze zur Unaufhaltsamkeit. Der Vergleich zur legendären "Greatest Show on Turf", die den damals noch in St. Louis beheimateten Rams 2000 ihren ersten Super Bowl brachte, drängt sich auf.

    Aaron Donald in Action.

    Die Stärke der Offense liegt in ihrer Vielseitigkeit. Der große, böse Wolf ist Running Back Todd Gurley, mittlerweile glänzend ergänzt von der menschlichen Kanonenkugel C.J. Anderson. Fokussiert sich der Gegner aber auf das Laufspiel, filetiert ihn Quarterback Jared Goff durch die Luft.

    Gurley kann auch was. Man beachte aber das Scheunentor, das die Offensive Line aufblockt.

    Ohne sich in einen ausschweifenden Exkurs zu den Schemata von Football-Offenses zu verlieren, sei vereinfacht gesagt: Für die Herren auf der anderen Seite sieht alles, was die Rams tun, gleich aus. "Wenn du es am wenigsten erwartest, erwischen sie dich mit einem tiefen Pass. Und wenn du mit dem tiefen Pass rechnest, erledigen sie dich mit kurzen Pässen", sagt Kurt Warner, selbst immerhin Dirigent der originalen Greatest Show on Turf.

    Und noch einmal Donald.

    Es scheint, als hätte McVay von überall das Beste genommen und daraus einen verdammt flüssig funktionierenden Footballmutanten gebaut – ein Schelm, wer sich an Defense-Maschine Donald erinnert fühlt. Andere Teams blicken längst neidisch nach Los Angeles, quasi jeder Coach mit einem Hauch von McVay – sei es durch Zusammenarbeit, Alter oder ideologische Ähnlichkeit – ist hoch im Kurs. Oder wie es David Carr kürzlich sagte: "Wenn du mit McVay in den letzten Jahren Kaffee trinken warst, kriegst du ein Bewerbungsgespräch für einen Head-Coach-Posten."

    Die Saints

    Nach dem ersten Saisonspiel schien es, als wären die New Orleans Saints wieder die guten alten Saints: Eine starke Offense, ein altersimmuner Drew Brees – und eine Defense, die keine High-School-Auswahl stoppen könnte. Nun ja: Die Defense fing sich bald, die Saints gewannen 13 der nächsten 14 Spiele, verloren erst wieder die bedeutungslose letzte Partie gegen Carolina. Vor allem die Laufdefense war herausragend, in der Regular Season war sie die zweitbeste der Liga. Mit Defensive Tackle Sheldon Rankins wird eine Stütze gegen die Rams fehlen – der 24-Jährige erlitt vergangene Woche gegen Philadelphia einen Achillessehnenriss.

    Das Saints-Werkl halten aber ohnehin die alten Traditionen am Laufen. Head Coach Sean Payton ist der Typ Trainer, der zur Motivation die Lombardi Trophy und 200.000 Dollar Bargeld vorbeibringt – selbstredend mit bewaffneten Wachen. "Wir verdienen hier gutes Geld. Aber das war verlockend", sagt Running Back Mark Ingram über die im Titelfall fälligen Bonuszahlungen. Payton ist auch der Typ Trainer, der sich bei seinem einzigen Super-Bowl-Triumph mit einem überraschenden Onside Kick zum Start der zweiten Halbzeit verewigte, es war einer der mutigsten Kniffe der Endspielgeschichte. Die Brillanz des 55-jährigen Kaugummivernichters ist schon ein wenig zur Selbstverständlichkeit geworden.

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    Wie Payton zur Legende wurde.

    Selbstverständliche Brillanz könnte man genauso Quarterback Brees unterstellen. "Ich habe schon lang aufgehört, Geburtstage zu zählen", sagt der einstige Super-Bowl-MVP. Am 15. Jänner war es Nummer vierzig. In einem gewissen Alter haben Sportler eigentlich abzubauen, in den USA lautet ein beliebtes Sprichwort "Nobody can outrun father time" – niemand kann Vater Zeit davonlaufen. Für Brees bräuchte Väterchen offensichtlich neue Laufschuhe, der Senior spielte 2018 nach Quarterback Rating die beste Saison seiner Karriere. Dabei kam ihm das starke Laufspiel um Alvin Kamara und Ingram zugute, Brees musste deutlich seltener werfen als in den vergangenen Jahren.

    Alle Brees-Playofftouchdowns.

    AFC: New England Patriots gegen Kansas City Chiefs, Mo., 00.20 Uhr (live Puls4, DAZN)

    Chiefs gegen Patriots, das gab es in dieser Saison schonmal. Das Prädikat Spektakel geht für das 43:40 als Untertreibung durch. Und wenig spricht dagegen, dass der Conference Championship der AFC wieder eine punktereiche Angelegenheit wird: Kansas City schenkten den Indianapolis Colts im Divisional Playoff 31 Punkte ein, die Patriots hatten diese Marke gegen völlig hilflose L.A. Chargers schon nach einer Halbzeit übertroffen.

    Wie es der Zufall will, sind die Stärken der jeweiligen Defensivabteilungen aber genau das Gegengift zur Offense des Gegners. Die Patriots haben für die Experten von Pro Football Focus zwei der besten sechs Cornerbacks der Liga. Dass die Defense gegen Kansas City eine derartig dominante Performance abliefert wie in Halbzeit eins gegen die Chargers, ist praktisch auszuschließen. Die muss es aber nicht brauchen – wenn Stephon Gilmore und Jason McCourty das Feuerwerk von Kansas City einigermaßen unter Kontrolle halten, wäre das schon viel wert.

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    Wer nicht lacht, werfe den ersten Stein.

    Das wird keine leichte Aufgabe. Chiefs-Quarterback Pat Mahomes klingt zwar wie Kermit der Frosch, ist aber höchstwahrscheinlich ein Zauberer, Hexenmeister oder andernarts mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. Der 23-Jährige agiert zwar oft leichtsinnig, hält sich in guten Momenten aber schlicht nicht an physikalische Gesetze, denen sich andere Star-Quarterbacks unterwerfen.

    Mahomes, unglaublich.

    Ein Traumwurf gegen die Laufrichtung? Warum nicht.

    Mahomes, sensationell.

    Ein No-Look-Pass? Warum nicht.

    Mahomes, unpackbar.

    Ein Wurf mit der linken Hand? Warum nicht.

    Mahomes, gewaltig.

    Den Ball beim Aufwärmen in die Stratosphäre werfen? Warum nicht.

    Mahomes, eh schon wissen.

    Auch dank Quarterbackflüsterer Andy Reid an der Seitenlinie und hochkarätigen Anspielpartnern wie Wide Receiver Tyreek Hill und Tight End Travis Kelce führt Mahomes eine mit 33,4 erzielten Punkten pro Spiel historisch mächtige Offense an. Nur schade für die Chiefs-Fans, dass diese die Umkleidekabine mit einer unterdurchschnittlichen Defense teilt. Grund zum Optimismus gibt nur, dass die Stärke der Verteidigung der Pass Rush ist – erfahrungsgemäß genau der Faktor, mit dem man den Patriots und Tom Brady noch am ehesten beikommen kann.

    Über den wohl größten (für Joe-Montana-Fans zweitgrößten) Quarterback aller Zeiten wurde schon genug geschrieben. Die Langlebigkeit der Patriots unter Head Coach Bill Belichick und Brady ist einmalig, egal wie die laufende Saison endet. Zum achten Mal in Folge steht das Duo nun in den Conference Finals – kein anderes Team schaffte es in diesem Zeitraum mehr als drei Mal ins Halbfinale.

    Für die, die ganz viel Zeit haben: Alle Brady-Playofftouchdowns.

    Würde man eine Playoff-Schwäche der Patriots suchen, wäre es wohl ihre Auswärtsbilanz. Das ist aber in Wahrheit das Greifen nach Strohhalmen, denn dass die Franchise aus dem kalten Nordosten zum letzten Mal 2007 ein Postseason-Auswärtsspiel gewann, liegt in erster Linie an dem Modus der Playoffs. Ab der zweiten Runde hat stets das Team Heimrecht, das in der Regular Season die bessere Bilanz hatte – also meistens die Patriots. So wird aus "Kein Auswärtssieg seit 2007" schnell "Die letzten drei Auswärtsspiele in den Playoffs gingen verloren". Was für ein Team mit den Ansprüchen des fünffachen Super-Bowl-Siegers freilich trotzdem ein Schwachpunkt ist.

    Wer am Montag so zur Arbeit kommt, hat schon gewonnen.

    Und ja, Tom Brady hat nicht seine allerbeste Saison hinter sich. Der gelernte Football-Fan weiß aber, dass die Patriots und vor allem ihr Spielmacher in wichtigen Partien immer einen drauflegen können. Man frage nach in Los Angeles. Tight End Rob Gronkowski dürfte seine letzten Spiele absolvieren, ist aber immer für ein Big Play gut, mit Sony Michel haben die Patriots erstmal seit langem einen klassischen Running Back, Mini-Titan Julian Edelman ist nach wie vor schwierig zu decken – auch die Chiefs-Defense muss liefern, um am 3. Februar in Atlanta antreten zu dürfen. (Martin Schauhuber, 19.1.2019)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      Julian Edelman fängt im ersten Saisonduell mit Kansas City einen Touchdown.

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