Warum die OMV trotz US-Drohungen auf Russland-Pipeline setzt

Interview15. Jänner 2019, 07:00
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Die Pipeline Nord Stream 2 ist zum Politikum geworden. OMV-Vorstand Manfred Leitner glaubt dennoch an einen guten Ausgang

Das letzte Rohr der Gaspipeline Nord Stream 1 wurde 2011 im Baltischen Meer versenkt. Das ging noch relativ problemlos. Die Realisierung der Parallelpipeline gestaltet sich ungleich schwieriger. Die USA setzen alle Hebel in Bewegung, um das Projekt zu verhindern, mit dem die russischen Gasexporte nach Europa auf dieser Route auf bis zu 110 Milliarden Kubikmeter ansteigen könnten. Die OMV hat sich zusammen mit dem französischen Gasunternehmen Engie, Shell und den deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall verpflichtet, bis zu 50 Prozent der Finanzierungskosten zu tragen.

STANDARD: Wie hoch schätzen Sie die Wahrscheinlichkeit ein, dass Nord Stream 2 wie vorgesehen Ende 2019 betriebsbereit sein wird, wenn die Skala von null bis zehn geht?

Leitner: Dann sage ich neun.

STANDARD: So hoch trotz der Drohung der USA mit Sanktionen wie zuletzt vorige Woche gegen Unternehmen, die mit der Verlegung der Pipeline betraut sind?

Leitner: Zwei Dinge. Das eine ist die wirtschaftliche und versorgungstechnische Dimension. Die Gasproduktion in Europa geht zurück, gleichzeitig sagen Experten, dass die Gasnachfrage steigen wird, nicht zuletzt weil die Produktion von Strom aus Kohle wegen hoher CO2-Belastung zurückgefahren und wohl durch Gas ersetzt werden muss. Doch selbst bei gleichbleibender Nachfrage ergibt sich für Europa bis 2022/23 ein Zusatzimportbedarf von 35 bis 40 Milliarden Kubikmeter (m3). Und der wird weiter zunehmen – bis 2030 wahrscheinlich auf mehr als 50 Milliarden m3.

STANDARD: Vor der Finanzkrise war man auch bullish hinsichtlich der Gasnachfrage. Das hat sich jedoch als ziemliche Fehleinschätzung herausgestellt.

Leitner: Korrekt. Nur hat es damals die CO2-Diskussion noch nicht in der Form gegeben, die Optionen sind weniger geworden. Jetzt ist es undenkbar zu sagen, bauen wir ein Kraftwerk und befeuern das mit Öl. Ein Konsens besteht aber darin, dass die Kohle zurückgedrängt werden muss. Das heißt andererseits, dass man um Gas nicht mehr herumkommt. Dazu eine Zahl: Wenn man von heute auf morgen die Stromproduktion von Kohle auf Gas umstellen würde, ersparte man sich mit einem Schlag 50 Prozent CO2-Ausstoß und würde so das für Europa für 2030 vorgesehene Ziel für die CO2-Reduktion sofort erreichen.

grafik: der standard
Während Nord Stream 1 gut geklappt hat, gestaltet sich die Realisierung der Pipeline Nord Stream 2 schwieriger.

STANDARD: Bringt Nord Stream 2 zusätzliches Gas oder wird nicht primär die Ukraine als unliebsames Transitland umgangen?

Leitner: Nord Stream 2 ist für die Versorgungssicherheit Europas extrem wichtig, da sie zusätzliches Gas bringt. Das steht in Konkurrenz zu anderen Importströmen, die im Wesentlichen Flüssiggasströme sind, also LNG. Da kommen jetzt die Amerikaner ins Spiel.

STANDARD: Inwiefern?

Leitner: Die USA produzieren mittels Fracking günstig und ohne Umweltauflagen inzwischen mehr Gas, als sie selbst verbrauchen können. Als Erstes wurde dort die Stromproduktion von Kohle auf Gas umgestellt, die Kohle blieb übrig. Das hat einen Preisverfall ausgelöst. Die Kohle hat Europa gekauft und produziert damit Strom. Jetzt suchen die Amerikaner Märkte, um das überschüssige Gas in Form von LNG vermarkten zu können.

STANDARD: Und deshalb wollen die USA Nord Stream 2 abschießen?

Leitner: Das wirtschaftliche Interesse steht wahrscheinlich im Vordergrund. Daneben gibt es Machtinteressen, aber das ist nicht mein Gebiet. Eines jedoch würde ich gerne wissen: Was würde wohl die US-Regierung sagen, wenn die EU erklärte, sie sollte die XL-Pipeline von Kanada in die USA nicht bauen, weil diese Leitung allen Vorstellungen der EU widerspricht?

STANDARD: Knapp ein Drittel der Leitung ist verlegt, auf den restlichen gut 800 Kilometern könnte noch einiges passieren. Was macht Sie so sicher, dass nichts passiert?

Leitner: Was soll passieren? Ich kann nicht diskutieren, wie wahrscheinlich Sanktionen gegen wen auch immer sind. Ich setze darauf, dass Europa stark genug ist, um zu kapieren, was da stattfindet. Ich bin dankbar dafür, dass die österreichische Bundesregierung in dieser Frage eine klare Position eingenommen hat und dass auch die deutsche Bundesregierung noch immer eine klare Position hat. Letztlich werden die Kunden entscheiden, ob das Projekt erfolgreich wird. Die Ukraine hat lange nicht in ihr Pipelinenetz investiert. Eine zusätzliche Leitung beruhigt.

STANDARD: Warum hat gerade dieses Projekt für die OMV einen so hohen Stellenwert, dass Sie zur Finanzierung der Pipeline deutlich über 500 Millionen Euro lockergemacht haben?

Leitner: Weil das Projekt in unsere Strategie passt, führender integrierter Anbieter im Gashandel von Nordwest- bis Südosteuropa zu werden. Der erste Schritt war, uns in russische Gasfelder einzukaufen. Derzeit wird das dort geförderte Gas von einer Gesellschaft in Russland vermarktet. Aber wer weiß, wie es in 20 Jahren aussieht, vielleicht können wir das Gas irgendwann ja selbst vermarkten. Außerdem sind wir interessiert, dass möglichst viel vom Nord-Stream-2-Volumen bei unserem Gashub in Baumgarten landet. (INTERVIEW: Günther Strobl, 15.1.2019)

ZUR PERSON

Manfred Leitner (58) hat Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien studiert und ist seit 1985 bei der OMV. Der gebürtige Floridsdorfer ist seit 2011 im OMV-Vorstand, seit 2016 ist er für den Bereich Downstream (Gasgeschäft, Raffinerien, Tankstellen) verantwortlich. Leitner ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.

  • Um 50 Prozent könnte der CO2-Ausstoß sinken, wenn bei der Stromproduktion in Europa von Kohle auf Gas geswitcht würde, sagt OMV-Vorstand Manfred Leitner.
    foto: reuters/bader

    Um 50 Prozent könnte der CO2-Ausstoß sinken, wenn bei der Stromproduktion in Europa von Kohle auf Gas geswitcht würde, sagt OMV-Vorstand Manfred Leitner.

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