"Landwirtschafts-Simulator": Warum so viele Menschen gerne Traktor fahren

    19. Jänner 2019, 10:00
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    Millionen Menschen geben sich in ihrer Freizeit virtuell dem Leben eines Landwirts hin. Wieso eigentlich?

    Der Landwirtschafts-Simulator ist ein Phänomen. Jahr für Jahr findet sich das Game der Schweizer Spieleschmiede Giants Software zwischen millionenschweren Blockbustern ganz oben beim Ranking der meistverkauften Videospiele. Für Außenstehende ein Mysterium – wird bei dem Spiel doch das Leben eines Farmers simuliert, der sich um seine Felder und Tiere kümmern muss. Stundenlang kann man sich bei dem Game mit einer Vielzahl von Maschinen auf dem Hof austoben und Gemüse und Obst beim Wachsen beobachten.

    Erstmals erschienen ist der Landwirtschafts-Simulator im Jahr 2008. Angesichts der Tatsache, dass das Game mit Weizen damals nur eine einzige Anbaupflanze aufwies, ist es durchaus möglich, dass die Entwickler selbst nicht an den großen Erfolg dachten. Doch das Konzept ging auf. Seither gibt es wie bei anderen Erfolgstiteln wie Fifa jährlich eine Neuauflage des Landwirtschafts-Simulators, die eine Verbesserung beim Realismus und neue Inhalte mit sich bringt. Beim diesjährigen Ableger finden sich mittlerweile 13 Fruchtarten, fünf Tierarten und originalgetreue Maschinen von mehr als 100 Herstellern.

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    Eine Million Mal in zehn Tagen verkauft

    Am Gameplay hat sich seit dem Start der Serie nur wenig getan. Einerseits können eine Karriere als Landwirt ins Auge gefasst oder Missionen erfüllt werden – etwa eine bestimmte Menge an Gras in einem vorgesehenen Zeitfenster zu mähen. Auch einen Multiplayer-Modus gibt es seit vier Jahren. Das Konzept funktioniert trotz des altbekannten Gameplays heute noch. Der Landwirtschafts-Simulator 2018 verkaufte sich in den ersten zehn Tagen nach Release mehr als eine Million Mal. Dies wirft die Frage auf, wieso so viele Menschen ihre spärliche Freizeit damit verbringen, sich dem Leben eines Landwirts zu widmen.

    Eine mögliche Erklärung liefert der deutsche Psychologe Benjamin Strobel, der sich beim Grimme-Institut mit digitalen Spielen und ihrer kulturellen und medienpädagogischen Bedeutung auseinandersetzt. "In digitalen Spielen können wir uns gefahrlos ausprobieren und neue Rollen einnehmen. Die Komplexität und die Risiken des echten Lebens gelten dabei nicht. Wir können unsere Neugier, Träume und Wünsche im Spiel ausleben. Wenn uns das nicht gefällt oder etwas schiefgeht, müssen wir keine Konsequenzen fürchten. Das wiederum reduziert Spannung und Stress, denen wir im realen Arbeitsleben oft ausgesetzt sind", sagt Strobel gegenüber dem STANDARD.

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    "Computerspiele befriedigender als Arbeitsalltag"

    Dass sich Menschen stundenlang ihren virtuellen Farmen widmen, liegt laut dem Psychologen größtenteils an der intrinsischen Motivation. Dabei handelt es sich laut Strobel um einen Teil der Motivation, der aus uns selbst kommt und von drei Faktoren abhängt: dem Erleben eigener Kompetenz, Autonomie und sozialer Eingebundenheit. "Gut designte Computerspiele können diese Bedürfnisse oftmals besser befriedigen als der reale Arbeitsalltag. Sie sind besonders gut darin, uns Handlungsfreiräume und Rückmeldung über unsere Erfolge zu geben. So erleben wir uns selbst als kompetent und können das Resultat auf unser eigenes Handeln zurückführen. Das ist sehr befriedigend und führt dazu, dass wir am Ball bleiben", fügt er hinzu.

    Da dem Spieler selbst bei "realistischen" Games wie dem Landwirtschafts-Simulator nur ein sehr eingeschränkter und beschönigter Teil eines harten Jobs serviert wird, sagt Strobel, dass man bei dem Spiel nur einen "groben Eindruck von der Arbeit gewinnen kann". "Hinter den putzigen Simulatoren stehen komplexe Tätigkeiten und Ausbildungsberufe, die in den Spielen stark vereinfacht werden. Das darf man auch bei hohen Detailgraden nicht vergessen", so der Psychologe. (Daniel Koller, 19.1.2019)

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