Rosa Luxemburg: Begriffe schmieden statt Bomben werfen

    15. Jänner 2019, 09:00
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    Als "blutige Rosa" zeitlebens verunglimpft, erscheint die linke Politikerin Rosa Luxemburg uns Nachgeborenen wie eine Athletin der Willensstärke

    Die bestgehasste Person in Deutschland maß ehrfurchtgebietende 146 Zentimeter. Sie verstand es, ihr jeweiliges Gegenüber durchdringend anzublicken und ausdrucksstark die Notwendigkeit der Revolution herbeizureden. Rosa Luxemburg, die aus Polen stammte und in Zürich Ökonomie studiert hatte, wurde Anfang 1919 von den gemäßigten Sozialdemokraten beinahe ebenso heftig geschmäht wie von den Vertretern der Bourgeoisie.

    Ihr Handwerk als streitbare Publizistin hatte Luxemburg während langer Jahre im Untergrund gelernt. Was nur die halbe Wahrheit darstellt: Die wichtigsten Parteiblätter der SPD konnten – zumindest nach Aufhebung des diskriminierenden Anti-"Sozialistengesetzes" 1890 – ungehindert erscheinen. Gewöhnt war die begabteste Pamphletistin des Marxismus nichtsdestotrotz an Geheimhaltung, an die unumstößlichen Gebote der Konspiration.

    Radikalste Agitatorin

    Die neue, ultimative Rosa-Luxemburg-Biografie von Ernst Piper zeichnet das Bild einer tragischen Figur nach, der das Charisma nicht in den Schoß gefallen war. Die radikalste Frau ihrer Epoche schien den Industriekapitalismus mit schreiberischem Fleiß im Alleingang niederringen zu wollen.

    Die Jahrzehnte vor 1900 darf man sich, durch sozialistische Brillen betrachtet, als ermüdendes Katz-und-Maus-Spiel vorstellen. Berufsrevolutionäre aus allen Ecken Europas trafen sich in Hinterzimmern. An diesen nicht immer gut durchlüfteten Versammlungsorten bildeten sie unausgesetzt linke Parteien. Oder sie bestellten Grüße von den (oftmals inhaftierten ) Genossen daheim. Häufig verließen besonders radikale Subjekte den Schoß der eigenen Fraktion, um eine noch kleinere Splitterpartei zu gründen.

    Sie alle, vom staatsfrommen Sozi bis zum bombenwerfenden Anarchisten, begriffen sich als legitime Vertreter der werktätigen Massen. Luxemburg verstand es, den unerschütterlichen Glauben an die historische Sendung des Proletariats am geschliffensten zu vertreten. Und doch gerät man ins Stocken, wenn man den Kern ihrer kolossalen Wirkung herausschälen möchte.

    Unbeirrbares Wesen

    Als beredte Publizistin ließ sie die staunende Mitwelt eine Unbeirrbarkeit spüren, die sich nicht ohne weiteres nur aus Marx’ und Engels’ Quellen speiste. Für die Sozialdemokraten hielt sie nach ihrer Übersiedlung ins deutsche Kaiserreich flammende Wahlreden. Vor allem aber nach der (ersten) Russischen Revolution 1905 zieh sie die eigenen Genossen der Halbherzigkeit. Sie meinte, mit dem Kuschen vor den Gepflogenheiten einer – unter Kaiser Wilhelm II. ohnedies schwach ausgeprägten – Demokratie würden die Chancen auf den radikalen Umsturz der Verhältnisse vertan.

    In die Haare geraten

    Goutierbar wird der gelegentlich bis zum Überschnappen hoch gestimmte Ton von Luxemburgs Zeitungspolemiken durch die Umstände der Zeit. SPD-Theoretiker wie Karl Kautsky achteten darauf, dass die Flamme des Marxismus nicht vollends erlosch. Im Übrigen beschied er allen, die es wissen wollten, dass die deutsche Sozialdemokratie zwar revolutionär sei, aber keine Revolution vom Zaun brechen wolle.

    Über Verfahrensfragen wie diejenige, wann ein Generalstreik gerechtfertigt sei, konnten die (wenigen) Damen und (vielen) Herren Funktionäre einander in die damals sorgfältig gescheitelten Haare geraten. Nicht ihre ausnehmend scharfsinnigen Beiträge zur marxistischen Theorie haben geholfen, das Andenken Rosa Luxemburgs zu bewahren. Ihr Verdienst bestand genau genommen darin, dass sie mit der linken Mehrheit ohne zu zögern brach, wenn die ihrer Meinung nach gerechte Sache es erheischte.

    Auf Freiheit erpicht

    Luxemburg inständige Hoffnung bezog sich auf die "Spontanität" der Massen. Gemessen daran nimmt sich ein Widersacher wie Wladimir Iljitsch Lenin, der der Auffassung war, nur eine Kaderpartei von Berufsrevolutionären könne erfolgreich eine Revolution vom Zaun brechen, wie ein primitiver Gewaltmensch aus.

    Luxemburgs Äußerung, die Freiheit sei immer diejenige des Andersdenkenden, ist an dieser Zweiwertigkeit zu messen. Die Diktatur des Proletariats ist gemäß den historischen Entwicklungsgesetzen unumgänglich. Sie erscheint andererseits nur dann sinnvoll, wenn sie mit der Verwirklichung von Freiheitsrechten verbunden ist, selbst um den Preis, dass diese bürgerlich, also klassenfeindlich sind.

    Noch posthum geschmäht

    Im Chaos der Jännertage anno 1919 besaß Luxemburg nicht die geringste Chance auf die sittlichen Umgangsformen bürgerlichen Rechts. Vertreter der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordeten sie als Angehörige des Spartakus-Bundes am 15. Jänner und warfen ihren Leichnam in den Berliner Landwehrkanal. Die wichtigste Politikerin Deutschlands war 47 Jahre alt geworden. Es blieb "Genossinnen" wie Ruth Fischer vorbehalten, sie noch nachträglich als "Syphilisbazillus im Blut der deutschen Arbeiterschaft" zu schmähen. (Ronald Pohl, 15.1.2019)

    Ernst Piper, "Rosa Luxemburg. Ein Leben". € 32,90 / 832 Seiten. Blessing, München 2018

    • Wenn sie nicht gerade eine ihrer zahlreichen Haftstrafen absitzen musste, konnte Rosa Luxemburg geradezu bürgerlichen Neigungen frönen: darunter dem Flanieren (Bild von 1914) oder dem Botanisieren.
      foto: ullstein / getty

      Wenn sie nicht gerade eine ihrer zahlreichen Haftstrafen absitzen musste, konnte Rosa Luxemburg geradezu bürgerlichen Neigungen frönen: darunter dem Flanieren (Bild von 1914) oder dem Botanisieren.

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