Die Flucht der Arbeitskräfte aus Kirgisistan

Reportage14. Jänner 2019, 15:00
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Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung Kirgisistans arbeitet im Ausland. Die Ex-Sowjetrepublik in Zentralasien steht vor großen Herausforderungen

In den drei niedrigen Zimmern befinden sich an Mobiliar genau drei Betten, zwei behelfsmäßig zusammengezimmerte Tische und ein Schrank, auf dem ein alter Röhrenfernseher thront. Zählt man die Bewohner dieses Familienhaushalts zusammen, wird klar, weshalb sich in der Ecke eines Raumes Matratzen und dicke, bunte Decken stapeln.

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Das karge Mobiliar des Hauses.

Fünf Erwachsene, allesamt Frauen, und sieben Kinder leben in diesem kleinen Häuschen am Rande der kirgisischen Hauptstadt Bischkek mit Blick auf das mächtige Tian-Shan-Gebirge im Hintergrund. Jede Nacht werden die Räume des Hauses zu Matratzenlagern umfunktioniert. Wer aufs Klo muss, hat auch an verschneiten, kalten Wintertagen den Gang zur Latrine anzutreten, die Hütte aus Wellblech steht einige Meter vom Haus entfernt.

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Die Toilette befindet sich neben dem kleinen Gewächshäuschen der Familie.

Trister Alltag, ernüchternde Perspektiven

Von der kargen staatlichen Rente der 67-jährigen Urgroßmutter Anipa allein kann die Großfamilie nicht leben. Ihre Tochter Vinera (48) hat keinen Fixjob, Enkeltochter Meerim (28) ist arbeitslos. Ihre Männer sind entweder bereits verstorben oder abgehauen. Den Großteil des Geldes müssen drei Söhne beisteuern, die hunderte Kilometer von Bischkek entfernt arbeiten und Geld überweisen. Der Alltag ist trist, die Perspektiven sind ernüchternd.

foto: david krutzler
Urgroßmutter Anipa, ihre Tochter Vinera sowie Enkelkind Meerim (von links, alle im Vordergrund). Eine Mitarbeiterin des Roten Halbmondes (re.) unterstützt die Familie.

Arme Ex-Sowjetrepublik

Auch Meerim war die Rolle zugedacht, Geld zu verdienen, das Auslangen der Großfamilie zu sichern und sich eine Existenz aufzubauen. Jobs in Kirgisistan, der armen ehemaligen Sowjetrepublik in Zentralasien, sind rar gesät. Also ging sie mit ihrem späteren Mann nach Russland – wie hunderttausende ihrer Landsleute auch. Zwei Jahre arbeitete sie in der mehr als 2300 Kilometer von Bischkek entfernten Stadt Jekaterinburg in einem Restaurant und schickte Geld nach Hause.

Das Drama begann, als ihr Mann Meerim für eine andere Frau verließ – und Meerim mit ihrem Kleinkind aufgrund fehlender Dokumente nicht mehr aus Russland ausreisen durfte. Der Vermittlung und Hilfe des Roten Halbmondes (des Pendants zum Roten Kreuz in islamisch geprägten Ländern) ist es zu verdanken, dass es Meerim zurück nach Bischkek geschafft hat. Die Ereignisse haben sie traumatisiert. Eine Arbeit zu suchen ist für Meerim vorerst unmöglich geworden. "Ich empfehle jüngeren Frauen nicht, ins Ausland zu gehen", sagt sie.

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Das kleine Haus der Großfamilie, in dem zwölf Personen leben.

Hohe Rücküberweisungen

Das ist für Kirgisen aber oft der einzige Ausweg, um die Lebensumstände der Familie zu verbessern – und auch um das Land vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren. Mehr als eine Million Kirgisen arbeiten im Ausland, der überwiegende Großteil davon in Russland. Das ist bei einer Gesamtbevölkerung von rund 6,26 Millionen Menschen bemerkenswert.

Im Jahr 2017 betrugen die Rücküberweisungen von kirgisischen Migranten in die Heimat rund 2,5 Milliarden US-Dollar. Das sind mehr als die gesamten Haushaltsausgaben des Landes. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) machte 2017 7,6 Milliarden US-Dollar aus. Der Anteil der Rücküberweisungen am BIP ist mit rund einem Drittel weltweit in keinem Land höher gewesen.

Kirgisistan befindet sich damit aber auch in einem Dilemma: Während das bergige Land – mehr als die Hälfte der Fläche liegt über 3000 Meter Seehöhe – die Gelder der Diaspora bitter nötig hat, hemmen die massiven Migrationsbewegungen auch die Entwicklung des seit 1991 unabhängigen jungen Staates mit seiner fragilen Demokratie.

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Eine Luftaufnahme während des Inlandsfluges zwischen Bischkek und Osch. Mehr als die Hälfte der Fläche Kirgisistans liegt über 3000 Meter Seehöhe.

Der österreichische Entwicklungsberater Johannes Chudoba, der seit Jahren in Kirgisistan lebt und unter anderem an der American University of Central Asia in Bischkek lehrt, hat einen Einblick gewonnen. "Tatsächlich ist es nicht vorstellbar, dass es sich ein Land leisten kann, ein Drittel seiner Arbeitskraft ins Ausland zu verlieren", sagt er dem STANDARD. Problematisch sei das etwa im Bereich der Gesundheitsversorgung: Hier würde ein Großteil der Absolventen ins Ausland gehen. Allein beim äußeren Anblick des National Hospitals mitten in Bischkek, einem sanierungsbedürftigen Sowjetbau, verwundern die starken Migrationsbewegungen nicht.

Mehr als 800.000 Kirgisen in Russland registriert

Nach offiziellen Angaben des Informations- und Beratungscenters des staatlichen Migrationsservices "arbeiten mehr als 800.000 unserer Landsleute in Russland", sagt Direktor Baktyiar Tolonov. Rund 150.000 Kirgisen sind im Nachbarland Kasachstan tätig, rund 17.000 in der Türkei, 2000 Migranten sind in arabischen Ländern wie dem Oman, Katar oder Bahrain registriert.

Dunkelziffer um einiges höher

Die staatliche Agentur stelle sicher, dass auch offizielle Verträge mit ausländischen Arbeitgebern abgeschlossen werden und Arbeitnehmer Sicherheiten haben, sagt Tolonov. Die Dunkelziffer an arbeitenden Kirgisen im Ausland ist freilich um einiges größer, da gibt sich Tolonov keinen Illusionen hin. "Viele kommen auch auf Einladung von Verwandten und Freunden, die bereits im Ausland tätig sind. Die sind nicht in der Statistik erfasst. Wir erfahren erst dann von ihnen, wenn sie Probleme haben."

grafik: der standard

Schwarze Liste der Russen

Alleine in Russland landeten 132.000 Kirgisen auf einer sogenannten "schwarzen Liste", weil sie gegen dortige Bestimmungen verstoßen haben. Viele haben sich bei den Behörden etwa nicht rechtzeitig angemeldet, Wohnungswechsel innerhalb Russlands nicht bekannt gegeben oder Strafzettel nicht bezahlt, erzählt Tolonov. Die Folgen sind dramatisch: Personen auf dieser inoffiziellen russischen Liste wird die Wiedereinreise verwehrt. Kirgisen riskieren ihre russischen Jobs, ihre Bezahlung und gefährden ihre Familien in Russland wie in Kirgistan, die auf das Geld angewiesen sind.

Das staatliche Migrations-Service kann nur über die Risiken informieren, dass Behördenwege in Russland schnellstmöglich durchzuführen sind – und bei Verstößen vermitteln: Zuletzt sei es laut Tolonov gelungen, dass Russland 34.000 Personen wieder von der Liste strich.

Soziale Herausforderungen

Wie wichtig die Gelder aus Russland für Familien in Kirgisistan sind, wurde zum Zeitpunkt der Fußball-WM 2018 deutlich: Allein im Juli des Vorjahres wurden von Kirgisen 250 Millionen US-Dollar aus Russland zurück ins Heimatland geschickt. Das war ein neuer Rekordwert. Nach der Rubel-Krise in Russland würden laut Tolonov aber auch immer mehr Kirgisen auf Jobs in Europa und nicht nur im postsowjetischen Raum schielen. Er nannte im Gespräch mit dem STANDARD Tschechien als Beispiel.

Aufgrund der massiven Migrationsströme ergeben sich für Kirgisistan auch große gesellschaftliche und soziale Herausforderungen. Während mangels Perspektiven und Jobs schon Jugendliche ab 15, 16 Jahren ins Ausland gehen, bleiben vor allem in den Dörfern Alte und Kinder zurück. Letztere werden großteils von den Großeltern aufgezogen: Viele Eltern, die großteils in Russland arbeiten, kommen nur ein-, zweimal im Jahr nach Hause. Diese Geschichte kann auch Ermamat Abytov (61) aus Chaichi nahe der kirgisischen Stadt Osh erzählen: Auch er sorgt mit seiner Ehefrau für seine beiden Enkelkinder, die Eltern der Kleinen schicken regelmäßig Geld.

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Ermamat Abytov mit einem seiner beiden Enkelkinder, die er gemeinsam mit seiner Ehefrau aufzieht.

Verheerendes Erdbeben

Das abgelegene, zersiedelte Bergdorf ist nur über eine unbefestigte, staubige Straße entlang eines Flusses zu erreichen. Niederschläge haben den Zufahrtsweg arg in Mitleidenschaft gezogen.

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Chaichi Village befindet sich im Hintergrund.

Am Ortseingang steht ein Panzer und erinnert an den Zweiten Weltkrieg. Ermamat Abytov erzählt aber vor allem vom verheerenden Erdbeben, das Chaichi im November 2015 getroffen hat. 15 Häuser wurden zerstört, darunter auch jenes von Abytov, 197 wurden beschädigt.

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Im Dorf Chaichi steht ein alter Panzer, der an den Zweiten Weltkrieg erinnert.

Beim Wiederaufbau halfen nicht nur die Kinder, die großteils aus Russland heimkamen, sondern auch das Österreichische Rote Kreuz (ÖRK) mit Bargeldzuschüssen unter anderem für Bau- und Heizmaterial, wie Walter Hajek, Leiter der internationalen Zusammenarbeit des ÖRK, ausführt. Die neuen Häuser mit Stahlverstrebungen und besseren Ziegeln sind erdbebensicherer. "Die Kinder haben aber immer noch Angst vor neuen Erdbeben", sagt Abytov.

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Eines der Nachbargebäude, die durch das Erdbeben zwar beschädigt, aber nicht neu gebaut wurden.

Der Wiederaufbau ist gelungen, wie sich bei einem Besuch drei Jahre nach der Katastrophe zeigt. Weil es hier im Dorf aber weiter fast keine Jobs gibt, mussten die arbeitsfähigen Jungen wieder aus Chaichi Village weggehen. Auch Abytovs Kinder gingen wieder nach Russland. Ändert sich nichts an der Situation, werden die Enkelkinder bald folgen. Dann bleiben nur noch die Alten im Dorf zurück. (Reportage: David Krutzler aus Bischkek, 14.1.2019)

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