Kolonialismus und Provenienz: Ein Asiatika-Fall aus dem Mak

    14. Jänner 2019, 06:00
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    Das Erforschen der Herkunft von Kunstwerken wird Museen noch lange beschäftigen. Aktuell wird die Restitution eines chinesischen Objektes empfohlen

    An Arbeit wird es den Provenienzforscherinnen und -forschern angesichts der laufenden Kolonialismusdebatte künftig nicht mangeln. Die Rekonstruktion der Herkunft von Objekten ist von hoher Relevanz. Die bisherigen Erfahrungswerte werden einer fundierten Herangehensweise fernab politischer Phrasendreschereien jedenfalls dienlich sein. Schließlich soll es um eine professionelle Handhabung und nicht um Lippenbekenntnisse gehen.

    Die Auseinandersetzung mit dem Thema Kolonialismus begann im Museumsumfeld bereits Anfang der 1990er-Jahre. Allerdings geriet sie ins Hintertreffen, da die Beutezüge der Nationalsozialisten die öffentliche Diskussion beherrschten und deren Aufarbeitung Priorität hatte: Aus Respekt vor den Opfern des Holocausts und deren Nachfahren galt es sich dieser historischen Verantwortung zu stellen.

    Sammlungsform: Kunstkammer

    Nun steht das nächste Kapitel an, das übrigens nicht nur ehemalige Kolonialmächte betrifft, sondern auch Privatsammler, den Kunsthandel und Museumsbestände weltweit. Europa fällt hier eine besondere Rolle zu, konkret im Hinblick auf seine historische Sammlungsform der Kunstkammer. Diese bildet seit dem 16. Jahrhundert das ideelle Fundament nachfolgender musealer Sammlungen des 19. Jahrhunderts, insbesondere der Museen für angewandte Kunst, wie Kunsthistorikerin Silke Reuther betont.

    Die Leiterin der Abteilung Provenienzforschung des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe ist eine der Autorinnen des jüngst vom Deutschen Museumsbund publizierten Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten. Denn auf fachlicher Ebene sollen nicht allein formale Kolonialherrschaften die Grundlage für Restitution bilden. Der Kontext muss sowohl zeitlich als auch geografisch breiter betrachtet werden.

    Kolonialherrschaft in China

    Etwa im Falle des Sammelgebiets Asiatika, beispielsweise bei Objekten aus China. Denn dort waren im Laufe der Jahrhunderte gebietsweise ebenfalls Kolonialherren aktiv: darunter die Niederlande, Frankreich, Russland oder das Deutsche Reich. In diesen Phasen gelangten immer wieder Grabbeigaben, Antiken oder kaiserliche Porzellane nach Europa.

    Anfang des 20. Jahrhunderts stand China als Folge des Boxeraufstandes gegen die "Vereinigten acht Staaten" (Deutsches Reich, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan, Österreich-Ungarn, USA, Russland) vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Damals gelangten ungeahnte Mengen an Asiatika aus Privathäusern und Palästen auf den Markt, in Museen und Privatsammlungen. Bis nach Österreich, wo renommierte Sammlungen begründet wurden, wie jene des Asiatikahändlers Anton Exner, die er 1944 als Schenkung ("auf den Todesfall") dem Museum für angewandte Kunst (Mak) überließ.

    Rückgabe-Empfehlung

    Rund 3700 Objekte dieser Herkunft befinden sich noch heute im Mak, 177 weitere im Weltmuseum. Eines dieser Objekte, der gusseiserne Kopf eines Würdenträgers aus dem Mak-Bestand, war nun Gegenstand akribischer Provenienzforschung. Am Freitag empfahl der Beirat die Restitution an die Nachfahren eines gewissen "Dr. Ernst Bunzl".

    Dieser war einst als Rechtsanwalt in Wien tätig und mit Helene, Tochter des Industriellen Friedrich ("Fritz") Waerndorfer, verheiratet. Nach dem "Anschluss" drohte Ernst Bunzl aufgrund seiner jüdischen Herkunft ein Berufsverbot. Er flüchtete vor dem NS-Regime über Frankreich nach Brasilien.

    Entzogenes Eigentum

    Das bei der Spedition Hausner eingelagerte Umzugsgut blieb im Zolllager in Pantin nordöstlich von Paris hängen, wurde im Juni 1940 von der deutschen Besatzung beschlagnahmt und nach Deutschland transportiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Bunzl vergeblich um die Auffindung seines entzogenen Eigentums bemüht.

    Wann und unter welchen Umständen Anton Exner das Stück erwarb, ist unbekannt. Die Herkunft aus der Sammlung Ernst Bunzls ist über einen historischen Ausstellungskatalog dokumentiert: 1930 gastierte das gusseiserne Objekt unter namentlicher Nennung des Leihgebers bei einer Ausstellung im Österreichischen Museum für Kunst und Industrie (heute Mak). Allerdings: Wann und wie der Kopf eines Würdenträgers in den Besitz Bunzls gelangte, blieb im Dunkeln. Das Objekt datiert aus der Song-Dynastie (960–1279 n. Chr.), die vollständige Rekonstruktion seiner Herkunft wäre ein Mammutprojekt. (Olga Kronsteiner, 14.1.2019)

    • Der gusseiserne Kopf eines Würdenträgers (Song-Dynastie, 960–1279 n. Chr.) war seit den 1940er-Jahren im Mak und soll nun restituiert werden.
      foto: mak

      Der gusseiserne Kopf eines Würdenträgers (Song-Dynastie, 960–1279 n. Chr.) war seit den 1940er-Jahren im Mak und soll nun restituiert werden.

    • Er besaß die Skulptur aus China: der Wiener Rechtsanwalt und Sammler Ernst Bunzl.
      archiv erben

      Er besaß die Skulptur aus China: der Wiener Rechtsanwalt und Sammler Ernst Bunzl.

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