Wie ein Skibauer Brettln nach Maß leistbar machen will

    13. Jänner 2019, 16:00
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    Profis brauchen neben Können individuelles Material. Marcel Hirscher hat es vorgemacht. In der Nische versuchen sich auch Kleine

    Ski fahren wie Marcel Hirscher, das hat viel mit Können zu tun. Aber nicht nur. Der Überflieger ist dafür bekannt, dem Material einen besonders hohen Stellenwert einzuräumen. "Die zwei Zehntel, die ich beim Material raushole, muss ich nicht selbst rausfahren", begründet der Salzburger die extreme Tüftelei.

    Die Skier, die im Profisport zum Einsatz kommen, passen perfekt zu den Läufern. Es geht vor allem um Bewegungseffizienz. Alles in allem kann so ein Paar, das nur für die Topathleten maßgeschneidert wird, auf 8000 bis 10.000 Euro kommen. Siegfried Rumpfhuber will das ändern. Der 41-Jährige ist Gründer des jüngsten Skiherstellers in Österreich. Mit seiner Firma Typs (Take Your Pleasure Seriously) produziert er in Salzburg maßgeschneiderte Brettel unter der Marke Original +, zum Einstiegspreis von 750 Euro.

    foto: typs gmbh
    Hier wird in der Werkstatt Hand angelegt. 32 Teile, aus denen jeder Ski gebaut ist, werden auf den jeweiligen Fahrer abgestimmt. 600 Bauweisen sind durch die Konfigurationen möglich.

    Rumpfhuber ist ein alter Hase in der Branche. Als Student ist er selbst Rennen gefahren. Nach dem Studium heuerte der Betriebswirt bei Fischer an. Für den Skiproduzenten im Innviertel schrieb er auch seine Diplomarbeit. Thema: Wie könnte ein Direktverkauf in Russland funktionieren. Umgesetzt wurde das Franchise-System nie. Später wechselte er zu Kästle und war mit an Bord, als die Marke 2007 mit einer Gruppe um den Dornbirner Investor Rudolf Knünz ihr Comeback feierte – als Nischenanbieter für hochwertige Skier. Mittlerweile wurde Kästle mehrheitlich an die tschechische Consil Sport verkauft.

    foto: typs
    Zu haben sind die Brettel auch in Salzburg – aber auch dort wird online ein Fragenkatalog ausgefüllt.

    Eine Nische will auch Rumpfhuber bedienen, was das Potenzial betrifft, ist er realistisch: "Wir haben drei Promille vom Weltmarkt, vielleicht schaffen wir einmal zwei Prozent." Ein kleiner Anteil an der heimischen Skiindustrie, die sich vor Jahren darauf einstellen musste, dass sich das Freizeitverhalten der Menschen geändert hat. Anfang der 1990er-Jahre wurden weltweit neun Millionen Paar Skier verkauft. Heute sind es an die drei Millionen. Rund jedes zweite Paar stammt von österreichischen Unternehmen, rein rot-weiß-rot hinsichtlich der Eigentümer ist nur mehr Fischer. Der Markt ist mittlerweile relativ stabil, rund 350.000 Paar wurden im Vorjahr im Inland verkauft, heuer dürfte der üppige Schnee der Kauflust zumindest nicht abträglich sein.

    Günstigere Produkte aus dem Osten

    Alle fahren ein ähnliches Konzept mit einem Produktionsstandort im Inland, die günstigeren Produkte werden im Osten hergestellt. Fischer etwa produziert in der Ukraine, Atomic in Bulgarien. Durchaus denkbar, dass der bulgarische Standort nach China wandert, wenn die finnische Atomic-Mutter Amer mit dem chinesischen Interessenten Anta handelseins wird. Der weltweit größte Standort, an dem Skier hergestellt werden, ist der von Atomic in Altenmarkt, Blizzard produziert in Mittersill, Head in Kennelbach in Vorarlberg. Rund 2200 Leute beschäftigt die Branche. Dazu kommen Zulieferer, zum Beispiel von Skibelägen, die es weltweit überhaupt nur noch in Österreich gibt.

    foto: typs gmbh
    Die Wartezeit auf ein Paar liegt derzeit bei rund drei Wochen, da wollen die Salzburger noch schneller werden.

    Bei Rumpfhuber ist alles klein und fein. In der Werkstatt in Salzburg arbeiten sechs Leute. Keine Skibautechniker, ein Lehrberuf in Österreich, sondern Tischler, KFZ-Mechaniker, Sportwissenschafter mit technischem Hintergrund. Was ihn geritten hat, Skiproduzent zu werden, ist das Thema Produktindividualisierung. Alle in der Branche hätten dies als Thema der Zukunft erkannt. Tatsächlich bieten auch die Großen wie Atomic oder Kleine wie Kästle (mit dem Hohenemser Ski-Hersteller Differences echte Maßski) Konfigurationsmöglichkeiten an, neben den weit über 1000 verfügbaren Skimodellen, die es am Markt gibt.

    Vielfach geht es um Designfragen, die ausgefeilteren Möglichkeiten fragen nach Geschlecht, Gewicht und Fahrstil. Einige kleinere Manufakturen bieten echte Maßski oder Selbstbauworkshops an, wie etwa die Skimanufaktur in Vorarlberg, Hiliski in Bad Mitterndorf im steirischen im Salzkammergut, Ünique Skis in Wien und andere (siehe dazu auch: Ski nach Maß, gefertigt in Wien). Die Preise bewegen sich zwischen rund 800 Euro für selbst gebaute Modelle und knapp 2000 Euro und mehr für Maßskier aus der Manufaktur, mit kleinen Serien kommt man auf unter 1000 Euro.

    Sigfried Rumpfhuber baut Maßski und setzt bei der Beratung auf digitale Unterstützung.

    Rumpfhuber geht seinen eigenen Weg. Ihn interessierte, wie ein persönliches Modell, quasi ein Maßski mit der Passgenauigkeit eines Maßschuhs – "Profisportler sind damit schneller, Otto Normalverbraucher fühlt sich damit wohler" – leistbar bleibt. Fündig wurde er beim Start-up Fact.AI, Spezialisten in Sachen künstliche Intelligenz (KI). Welche Komponenten wie abzustimmen sind, damit sie zu Können, körperlicher Verfassung und Fahrgewohnheiten passen, etwa Fahrgeschwindigkeit, bevorzugte Radien und die Region, in der man Ski fährt, findet ein digitaler Verkaufsberater heraus, der den Ski auch konfiguriert. Ein menschlicher Entwickler hätte die Kosten für ein Paar auf 2000 bis 3000 Euro getrieben – was quasi unverkäuflich wäre, so Rumpfhuber, abgesehen von einigen Nerds. Durch die Automatisierung dieses Prozesses und den Umstand, dass die Modelle nicht über den Fachhandel, sondern entweder im Online-Shop oder im Salzburger Shop zu kaufen sind, könne er günstigere Maßski produzieren. Das Einstiegsmodell ist ab 750 Euro zu haben.

    Mit einer Investition von 100.000 Euro war das selbstlernende Programm der größte Brocken. Die Anschubfinanzierung kam neben Eigenkapital (beteiligt ist noch Rumpfhubers Frau) aus einem Zuschuss der Förderbank. Seit Oktober ist Rumpfhuber am Start. 600 Paar hat er bisher verkauft, für heuer sind 800 geplant. Den Break-Even will er mit 1500 Paar im nächsten Jahr erreichen. Ambitioniert? Nein, sagt Rumpfhuber mit einem kleine Seitenhieb auf die Start-up-Szene. "Wir fahren halt nicht mit Teslas herum." (Regina Bruckner, 13.1.2019)

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