Warum die Regierung das Image der Pflege polieren will – und so keine Probleme löst

Analyse13. Jänner 2019, 08:00
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Die Pflege von Angehörigen ist für die Beteiligten ein hartes, emotional aufreibendes und unbezahltes Stück Arbeit. Zumeist leisten Frauen diese Arbeit

Die Regierung hat die Pflege zu einem ihrer wichtigsten Themen auserkoren, ihr einen Masterplan gewidmet, letztlich aber nichts Konkretes dazu vorgelegt. Über Absichtserklärungen und vage Ansagen ist die Koalition auch bei ihrer Klausur nicht hinausgekommen. Es sollen Studien erstellt, Enqueten abgehalten, Imagekampagnen lanciert, Dialoge initiiert werden. Entscheidungen sind keine gefallen.

Die Erwartungen der Hilfsorganisationen, die im Pflegebereich engagiert sind, wurden am Freitag von der Regierung und der zuständigen Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ) jedenfalls nicht erfüllt. Ob man die Pflegekosten künftig über Steuermittel oder doch lieber eine Pflegeversicherung finanzieren will, wurde bei der Klausur in Mauerbach ebenso wenig erläutert wie die Zukunft der 24-Stunden-Betreuung.

grafik: der standard

Der überwiegende Teil der Pflege wird in Österreich im Rahmen der Familie ausgeübt. Das hat auch die Regierung erkannt – und will das offenbar nicht ändern. Im Gegenteil: Mit einer Imagekampagne sollen die Leistungen der pflegenden Angehörigen gewürdigt werden.

Pflege ist weiblich

Eine aktuelle Studie im Auftrag des Sozialministeriums beziffert die Zahl jener Menschen, die privat "in die Pflege und Betreuung eines anderen Menschen involviert sind", auf 950.000 Personen. Der Aufwand der informellen, also der unbezahlten, nicht professionellen Pflegearbeit ist sehr ungleich zulasten von Frauen verteilt. Drei Viertel der pflegenden Angehörigen sind weiblich. Insbesondere Töchter und Partnerinnen der Pflegebedürftigen schultern die familiäre Sorgearbeit.

Abgesehen von den genderpolitisch fragwürdigen Verteilungswirkungen dieses Modells wird auch durch die demografische Entwicklung das familiäre Pflegepotenzial in Zukunft geringer. Wegen der Alterung der Bevölkerung wird auf der einen Seite der Pflegebedarf steigen, auf der anderen Seite haben die Pflegebedürftigen weniger Kinder, die sich um sie kümmern können. Die steigende Frauenerwerbsquote dürfte ebenfalls zu einer Minderung der Verfügbarkeit pflegender Angehöriger beitragen.

foto: heribert corn

Monika Wild, Pflegeexpertin vom Roten Kreuz, macht auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: "Die räumliche Mobilität junger Menschen steigt, daher wird es in Zukunft nicht mehr so leicht möglich sein, pflegebedürftige Angehörige zu betreuen, wenn man seinen eigenen Lebensmittelpunkt ganz woanders hat."

Ausbau der mobilen Dienste

Die Pflege daheim entspricht den Wunschvorstellungen der meisten Menschen, die betreut werden müssen. Am Ende des Lebens die eigenen vier Wände verlassen zu müssen ist für viele ein Schreckensszenario. Dementsprechend findet sich sowohl im Plan der Regierung als auch in den Zielvorstellungen der Hilfsorganisationen eine Präferenz für die häusliche Pflege.

Hilfswerk und Rotes Kreuz plädieren für einen forcierten Ausbau der mobilen Dienste. Ungeklärt ist, wie man deren Finanzierung gestalten wird. Das Pflegegeld wurde seit Jahren nicht hinreichend an die Inflation angepasst und verliert real kontinuierlich an Wert. Das Programm der Regierung sieht zwar eine Anhebung des Pflegegelds in den höheren Stufen vor, erklärt aber nicht, was mit den unteren Stufen passieren soll. In den unteren Stufen finden sich allerdings die meisten Pflegebedürftigen, insbesondere jene, die gut zu Hause betreut werden können, wie beispielsweise an Demenz erkrankte Personen. Für Monika Wild vom Roten Kreuz stellt die Anhebung des Pflegegeldes auf den niedrigeren Stufen daher eine logische Maßnahme dar, wenn man den Ausbau der mobilen Betreuung leistbar gestalten will. (Theo Anders, 13.1.2019)

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