Zwischen Dankbarkeit, Ärger und Bürokratie: Unsere Herausforderungen bei der Pflege

13. Jänner 2019, 08:00
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In vielen Familien kommt der Punkt, an dem Pflege nicht mehr nur ein Nachrichtenthema ist. STANDARD-Redakteurinnen und -Redakteure erzählen

foto: apa/helmut fohringer

Bettina Pfluger über Dankbarkeit, Ärger und schlechtes Gewissen

Ich habe die Pflege meiner Oma übernommen, als meine Mama selbst schwer krank wurde. Sie hatte sich bis dahin um die Zusammenarbeit mit den Heimhelferinnen gekümmert. Als ich die Verantwortung übernommen habe, habe ich als Erstes das Engagement der Heimhelferinnen ausgeweitet, die dafür nötige Pflegestufe hatte meine Oma glücklicherweise. Ich war froh, dass diese Menschen den Haushalt meiner Oma so weit in Schuss gehalten haben, dass ich davon entlastet war.

Doch es gab auch Momente ganz anderer Art. Wenn um acht Uhr früh etwa das Telefon läutete und mir die Heimhilfe erklärte, dass der Strom bei der Oma weg ist, und ich solle doch jetzt herkommen, die Sicherung wieder reingeben. Damals dachte ich mir, das kann doch nicht wahr sein. Ich selbst stehe hier, fertig angezogen, muss ins Büro und auf dem Weg meine Tochter in den Kindergarten bringen. Zu meiner Oma brauche ich öffentlich eine Stunde – wie soll das jetzt alles gehen? Durchatmen. Ich bat die Heimhelferin, die Sicherung doch bitte selber wieder zu aktivieren, was sie dann auch getan hat. Aber die Erwartung, dass ich bei solch alltäglichen Dingen anrücken soll, hat mich überfordert. Letztlich lies mich das aber auch mit einem schlechten Gewissen zurück.

Enormer Kostenaufwand

Oft habe ich mich in dieser Zeit auch geärgert. Denn die Beantwortung von Fragen dauert. Beim Fonds Soziales Wien etwa kann man nicht einfach anrufen und sich erkundigen, sondern immer nur sein Anliegen deponieren und auf einen Rückruf warten. Das dauert oft Tage und nervt. Aber der Rückruf kommt – darauf kann man sich wiederum verlassen. Für mich hieß das aber, immer einen Teil der Unterlagen bei mir zu haben, um dann alle Daten für die Frage parat zu haben.

Man kann nicht abschalten, wenn man pflegt. Es gibt immer etwas, um das man sich kümmern muss. Sei es unmittelbar für die Oma oder damit ihre Versorgungsstruktur läuft. Der Kostenaufwand dabei ist enorm. Oft habe ich mich gefragt, warum die Oma laut Rechnung Monat für Monat einen "Besuchsdienst" bezahlt. Denn dass jemand "nur" für Besuche und zum Plaudern zu ihr gekommen ist, war nicht der Fall. Und die Heimhilfen waren auch innerhalb von ein paar Minuten wieder weg. Sie schaffen auch nur das Nötigste.

Dennoch bin ich sehr dankbar für ihren Einsatz. Ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, den Wunsch meiner Oma zu erfüllen. Sie wollte in ihrer Wohnung bleiben, solange es nur irgendwie ging. Gemeinsam ist das gelungen.

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Jutta Berger über den mühsamen Weg durch die Pflegebürokratie

Ich solle meine Mutter nicht ständig ins Krankenhaus schicken, man sei ja kein Pflegeheim, sagte der Herr Primar. Das saß. Erstens hatte sich die Mutter selbst geschickt, ohne bei mir rückzufragen, ich wurde demnach völlig zu Unrecht beschuldigt. Zweitens traf die Botschaft des Arztes direkt auf mein Appellohr: Die Mutter braucht Pflege, ich muss das organisieren.

Theoretisch war alles klar: Es gibt Pflegegeld, Essen auf Rädern, mobile Krankenpflege, Personenbetreuerinnen, Altenheime. Ein Plan war schnell erstellt.

Schritt eins: Pflegegeld beantragen. Schritt zwei: Hilfsdienste engagieren. Schritt drei: Betreuerinnen suchen. Schritt vier: Gemeinsam Altenheime anschauen.

Das war vor sieben Jahren. Seither zeigt mir der Alltag, wie weit Theorie und Praxis auseinanderliegen. Schritt vier beispielsweise kam für meine Mutter nicht infrage.

Viele Stationen

Die erste Überraschung auf meinem Weg durch die Pflegebürokratie: Es gibt keine Stelle, bei der man alle Informationen und Hilfestellungen geballt bekommt. Der eine oder andere Folder mag ja hilfreich sein, Wege spart er nicht. Die Stationen: PVA wegen des Pflegegeldes, GKK für Sauerstoff, Rollstuhl und Co. Krankenpflegeverein für Betreuung und Bettmiete. Pflegeagenturen zur Vermittlung der Betreuerinnen. SVA, Wirtschaftskammer, BH zur Einstellung der Betreuerinnen. Sozialministeriumservice für die Pflegeunterstützung. Notar für die Vollmacht. Casemanagement, so vorhanden, für mobile Hilfsdienste.

Zwei Tipps für Einsteiger: Die besten Ratschläge bekommt man von der Peergroup. Im Freundeskreis nach den Erfahrungen zu fragen spart Zeit und Geld. Hat man Zweifel an der Pflegegeldeinstufung, durch die Arbeiterkammer klagen lassen. In unserem Fall ging das sehr rasch und unbürokratisch.

Was multimorbiden alten Menschen und ihren Angehörigen auch bei guter Pflege daheim nicht erspart bleibt, sind Ambulanzbesuche und Krankenhausaufenthalte. Meine bittere Erfahrung: Geriatrie ist zwar ein zukunftsträchtiges Fach, aber in der Krankenhauswirklichkeit außerhalb urbaner Zentren noch nicht angekommen.

So wird der kranke alte Mensch im Pingpong von Abteilung zu Abteilung, von Krankenhaus zu Krankenhaus geschickt. Was sehr belastend für die Patientinnen und Patienten und nerven- und zeitraubend für die Angehörigen ist. Mich macht das, mit Verlaub, schlicht zornig.

foto: apa/georg hochmuth

Hans Rauscher über die 24 Stunden mit Ileana, Viorica und den anderen

Dies ist der möglichst unsentimentale, praxisorientierte Versuch, jene fünf Jahre zu beschreiben, die meine Mutter bis zu ihrem Ableben mit 94 Jahren mit rumänischen 24-Stunden-Betreuerinnen verbracht hat. Die Notwendigkeit ergab sich, als es allein in der Wohnung nicht mehr ging. Ein Heim wurde erwogen und verworfen: Die Betreuungsdichte wäre für die geforderten Kosten viel geringer gewesen. Und die Pflege zu Hause ist fast immer besser. Also wurde eine empfohlene kleine Agentur kontaktiert. Es kamen jeweils zwei Rumäninnen um die 50, die sich jeden Monat ablösten. Keine ausgebildeten Krankenschwestern, sondern gestandene Frauen aus dem ländlichen Raum, die einen Kurs gemacht hatten. Nur einmal mit völlig ungenügenden Deutschkenntnissen. Absolute Voraussetzung: ein eigenes kleines Zimmer.

Die Kosten laut Werkvertrag (im Internet gibt's Beispielsrechner): rund 1600 Euro pro Monat inklusive 150 Euro pro Monat für die Agentur plus Transportkosten. Und plus Sozialversicherung bei der "Gewerblichen", da die Frauen ja Selbstständige sind. Und da gab es eigentlich den meisten Ärger bzw. Klarstellungsaufwand, da zum Teil völlig überzogene Sozialversicherungsbeiträge vorgeschrieben wurden. Auch sonst erfordert die Betreuung der Betreuerinnen einigen Aufwand. Die Agenturen nehmen einem den Papierkram nicht ab. Und den Aufwand für medizinischen Zusatznotwendigkeiten (Spezialbett, mobile Krankenschwester bei Bedarf) sollte man nicht unterschätzen.

Spannungen und Einsicht

Wurde meine Mutter gut betreut? Letztlich ja, was Ordnung, Sauberkeit, Gewissenhaftigkeit (Medikamente!) betrifft. Mit manchen transsylvanischen Eigenheiten muss man lernen umzugehen. Bei fast jedem zu Pflegenden gibt es anfangs Widerstand, dass da jemand Fremder die ganze Zeit da ist. Das führt manchmal zu Spannungen, aber die Einsicht, dass es anders nicht geht, obsiegte zumindest in unserem Fall.

Der Job ist hart, die Bezahlung für rumänische Verhältnisse gut. Heimische angestellte Kräfte wären schlicht unleistbar. Der österreichische Sozialstaat funktionierte unbürokratisch. Das Pflegegeld Stufe 4 betrug 660 Euro, der 24-Stunden-Zuschuss 550 Euro. Damit das klar gesagt ist: Ohne Ileana, Viorica und die anderen wären die stark eingeschränkten letzten Lebensjahre einer Hochbetagten sehr viel unangenehmer (und kostenaufwendiger) abgelaufen.

foto: apa/helmut fohringer

Claudia Ruff über das "Wir schaffen das trotzdem"

Meine Mutter, Jahrgang 1939, lebt allein in ihrer Wohnung in Wien. Sie ist über das Weltgeschehen und die heimische Politik bestens informiert und geistig top in Form. Sie hört TV, weil sie infolge von beidseitiger Makuladegeneration im Endstadium fast nichts mehr sieht. Zudem hat sie die Lungenkrankheit COPD und braucht 24 Stunden Sauerstoff. In Vorjahr dann der Super-GAU: Sie bekam extreme Rückenschmerzen. Bei einem in Summe mehr als siebenwöchigen Spitalsaufenthalt wurden unter anderem multiple Deckenplatteneinbrüche der Wirbelsäule, Keilwirbelbildung und Osteoporose festgestellt.

Als sie aus dem Spital in die häusliche Pflege entlassen wurde, riet mir das Entlassungsmanagement, einen Heimplatz zu beantragen bzw. Pflege- und Heimhilfe für zu Hause. Und: Ich solle bei der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) eine Erhöhung des Pflegegeldes beantragen. Den Antrag auf Pflegegelderhöhung schickte ich im August 2018 ab. Im Juli schrieb das Sozialministerium, "dass laut medizinischen Ermittlungsverfahren ein Grad der Behinderung von 100 Prozent festgestellt wurde". Die Antwort der PVA im Dezember (!): Das Ansuchen auf Pflegegelderhöhung wurde abgelehnt.

Pflegebedarf und Förderzusage

Bei Telefonaten mit Heimbetreibern wird als Erstes eine Förderzusicherung des Fonds Soziales Wien (FSW) verlangt. Ich hatte Glück: Eine FSW-Mitarbeiterin kam kurzfristig vorbei, sah die mittlerweile offene Wunde am Bein meiner Mutter und stellte Pflegebedarf fest. Sie organisierte unbürokratisch und ad hoc einen Pfleger für sie. Schließlich bekamen wir die Förderzusage für einen Heimplatz, doch meine Mutter weigert sich, in ein Heim zu ziehen – auch deshalb, weil Einzelzimmer rar sind. Ein anderer FSW-Mitarbeiter gab die Förderzusage für Heim- und Pflegehilfe. Dennoch betreue ich meine Mutter selbst weiter, mehr als je zuvor, rund um die Uhr, immer erreichbar. Wir schaffen das, mit sehr hohem persönlichen Einsatz.

Und die PVA? Ein Sozialdienstmitarbeiter gab mir den Rat: Wenn jemand von der PVA zu Besuch komme, müsse die Frage nach Inkontinenz mit Ja beantwortet und eine Windel angelegt werden. Den Rollator solle ich verstauen und statt dessen einen Rollstuhl organisieren. All das habe ich nicht gemacht. Und die PVA hat das Pflegegeld nach vier Monaten Prüfung nicht erhöht.

PS: Die Erfahrungen mit Heimhilfen für meine Schwiegermutter füllen eine eigene Geschichte ... (13.1.2019)

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