Ribérys Goldsteak-Koch Gökçe: Wenn Geschmack nebensächlich wird

    13. Jänner 2019, 08:00
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    Blattgoldkoch "Salt Bae" Nusret Gökçe mutierte dank theatralischer Inszenierungen zum Instagram-Star

    Ein Steak zu braten zählt ja nun wirklich nicht zu den herausforderndsten Aufgaben, die sich einem in der eigenen Küche stellen können. Weswegen man in vielen Fällen auch besser beraten ist, selbst ein Stück Fleisch in die Pfanne zu werfen, anstatt es sich im Restaurant um teures Geld servieren zu lassen. Zumal es dort womöglich nicht einmal so genau auf den Punkt gegart daherkommt, wie man sich das gewünscht hätte. Speziell hierzulande, wo Rindfleisch immer schon lieber gesotten als kurz gebraten wurde.

    Vermutlich lautet deswegen ein in der amerikanischen Gastronomie weitverbreiteter Leitspruch: "Don't sell the steak, sell the sizzle" – also verkaufe nicht das Steak, sondern das Brutzeln. Was bedeuten soll, dass es für einen Gastronomen eher darum geht, das Drumherum anzupreisen als das Gericht selbst. In diesem Fall ganz besonders, wo es so gut wie jeder Hobbykoch selbst bewerkstelligen kann – einige wenige Grundkenntnisse und ein Minimum an Fleischqualität vorausgesetzt.

    foto: lukas friesenbichler
    Schmeckt nach nichts, macht aber viel her: Blattgold als Steak-Panier gilt als Inbegriff prolliger Küchendekadenz.

    #SaltBae: Theatralische Metzgerei

    Besagten Marketinggrundsatz hat sich offensichtlich der türkische Fleischermeister und Restaurantbesitzer Nusret Gökçe ganz besonders zu Herzen genommen. Der 35-Jährige ist längst nicht mehr nur Foodies und Fleischliebhabern ein Begriff, sondern stieg binnen weniger Monate zum international bekannten Instagram-Phänomen auf. Das jedoch weniger aufgrund der Qualität seiner Steaks oder gar seiner Kochkünste (die Bewertungen der Restaurantkritiker sind durchwachsen) als viel mehr wegen einer ziemlich grotesken Darbietung, mit der er sich beim Servieren seiner imposanten Fleischbrocken selbst inszeniert.

    Dabei stellt Gökçe sich (mit einem bemerkenswerten Mut zur Lächerlichkeit) mit Pferdeschwanz, Sonnenbrille, goldener Halskette, Luxusuhr und knallengem Muskelshirt vor den Gast und schneidet mit großem Messer und mit pathetischer Geste das gebratene Rindfleisch auf. Abschließend streut er mit theatralischer Gebärde Salz über das Steak, indem er die Kristalle über seinen muskulösen Oberarm rieseln lässt.

    Eine bizarre und bestenfalls amüsant wirkende Performance, die ihm jedoch dank eines mittlerweile millionenfach angeklickten Videos zum Internetphänomen machte und ihm den Beinamen "Salt Bae" (übersetzt in etwa "Salz-Baby"), den Instagram-Hashtag #SaltBae und sogar, quasi die Krönung des social Daseins, ein eigenes Emoji einbrachte.

    Das war im Jänner 2017. Seitdem pilgern Menschen aus aller Welt zu "Salt Bae", um sich mit dem Philipp Plein der Küche zu fotografieren oder zu filmen und das Resultat in den sozialen Medien zu teilen. Dabei ist es gar nicht so leicht, dem Star persönlich zu begegnen. Der Unternehmer betreibt mittlerweile eine erfolgreiche Steakhauskette namens Nusr-Et mit Ablegern in mehreren Städten, darunter neben Istanbul auch New York, Miami, London und Dubai.

    Geschmack ist im Hintergrund

    Und so bleiben die begehrten Selfies mit Gökçe jenen wenigen VIPs vorbehalten, die über den aktuellen Aufenthaltsort des marketingaffinen Metzgers informiert sind – dazu zählen Superreiche und Promis wie Fußballgott Lionel Messi, die Familie Beckham, Tennisstar Roger Federer oder eben auch der FC-Bayern-Spieler Franck Ribéry, der mit seiner Frau kürzlich die Nusr-Et-Filiale in Dubai aufsuchte, sich mit dem Wirten filmen ließ – und damit für einen Empörungssturm im Netz sorgte.

    Denn der Fußballer orderte bei Nusret Gökçe nicht einfach nur ein simples Medium Rare – sondern ließ sich das Steak mit einem 24-karätigen-Blattgoldmantel servieren. Kostenpunkt für das Goldripperl: 1200 Euro – für die Web-Empörten der Gipfel der Dekadenz.

    Gastronom Nusret Gökçe (r.) gilt als PR-Genie. Hier zerlegt er für Bayern-Kicker Franck Ribéry ein Goldsteak.

    Die Neigung einiger Fußballer zu Protz und Bling-Bling muss hier nicht weiter besprochen werden. Genauso wenig wie der Neid, der ihnen und anderen Menschen entgegenschlägt, die gerne Geld für Essen ausgeben. (So lässt etwa schon Georg Büchner seinen Danton feststellen, dass "das Volk die Genießenden hasst wie ein Eunuch die Männer".)

    Interessanter als die Frage nach der sowieso unbestreitbaren Dekadenz von zugleich essbarem wie teurem (wenn auch übrigens völlig geschmacksfreiem) Blattgold ist nämlich die Feststellung, dass der Erfolg eines Restaurants heutzutage in vielen Fällen weniger von der tatsächlichen Qualität seiner Küche abhängt als von der "Instagram-Tauglichkeit" seiner Gerichte oder vom Inszenierungsgeschick und damit Berühmtheitsgrad des Küchenchefs.

    So manifestiert sich langsam der Eindruck, als hätte der Schein nun endgültig die Oberhand über den Inhalt gewonnen – und dass für viele Gäste der Hauptzweck des Restaurantbesuchs darin liegt, ihn per Smartphone im Netz zu teilen. Kein Wunder also, dass zahlreiche Starköche inzwischen PR-Agenturen beauftragen, um auch auf sozialen Plattformen für mediale Präsenz zu sorgen.

    Was wiederum die gefeierten Küchenchefs dazu anhält, ununterbrochen neues Fotofutter für Instagram zu präsentieren, statt Kochtraditionen zu hinterfragen oder ungewohnte Aromen durch kreative Kombinationen zu erforschen. Weshalb sich Gourmetkritikern mittlerweile ernsthaft die Frage stellt, ob die Devise "Don't sell the steak, sell the sizzle" inzwischen nicht doch etwas zu wörtlich genommen wird. (Georges Desrues, 13.1.2019)

    Nachlese:
    Nach Schimpftirade: Bayern erteilt Ribéry "hohe Geldstrafe"

    Sarah Wiener: Goldsteak ist "dekadente Schwachsinnsküche"

    Wissen:

    Um Blattgold herzustellen, bedarf es vieler Schritte: Meist wird das Feingold mit einem Metall (z. B. Silber oder Kupfer) legiert, in Barren gegossen und zu Bändern gewalzt. Danach wird das Gold in mehreren Durchgängen zu hauchdünnen Blättern geschlagen. Vor allem die letzten Arbeitsschritte werden nach wie vor von Hand erledigt. Der größte Teil des Blattgoldes wird von Restauratoren zum Vergolden von Verzierungen in Kirchen, Schlössern, für Bilderrahmen oder Fassaden verarbeitet. Steinmetze verwenden das Blattgold für Inschriften auf Grabsteinen. Blattgold für den Verzehr, das im Übrigen geschmacklos ist, kommt unter dem Kürzel E 175 als Lebensmittelfarbstoff in den Handel. Die letzte Goldschlägerei Wiens, die Firma Wamprechtsamer im 14. Bezirk, bietet es unter dem Namen "Mozartgold" an.

    Eine Packung Goldflocken aus Blattgold mit 200 mg Füllmenge, gefertigt aus 23-karätigem Blattgold, kommt dort im Online-Shop auf 25,80 Euro. (ped)

    www.gastrogold.at

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