Mitarbeiter, sei präsentativ, sei performativ

    Gastkommentar16. Jänner 2019, 08:00
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    Future Skills? Jedenfalls ist nur der sichtbar topmotivierte Mitarbeiter auch ein anständiger Mitarbeiter

    Neujahrsvorsätze waren einmal. Vielleicht kommen sie einmal wieder als Retrogespenst, als kommerzielle Wiedergänger der Waren- und Dienstleistungswelt. Aber solange man an Vorsätzen nichts findet, das sich gewinnbringend vermarkten lässt, werden sie das bleiben, was sie heute sind: unwichtig.

    Kaum jemand nimmt sich mehr etwas vor für das neue Jahr, weil kaum jemand mehr daran glaubt, dass er sein Leben selbst kontrolliert. Der postmoderne Mensch ist fremdbestimmt, durch Konventionen, Normen, moralische Pflichten, religiöse Gesetze, Gesetze des Marktes, staatliche Ordnungsmaßnahmen, Überwachung und Kontrolle und zuletzt durch Selbstkontrolle, die aber am Ende nicht mehr als internalisierter Fremdzwang ist.

    Sich etwas vorzunehmen wäre angesichts des sich überschlagenden Normen- und Kontrolldrucks lächerlich. Wir werden geführt, ob direkt oder indirekt, vor allem aber durch systemische Notwendigkeiten, denen keiner entgehen kann.

    In eine Richtung gelenkt

    Mit einem anderen Wort: Unsere Wege sind uns vorgezeichnet. Wenn nicht durch unsere soziokulturelle Herkunft, dann durch staatlich-ökonomische Pläne und Lenkungs- und Kontrollmaßnahmen. Der neueste Wahnsinn heißt Nudging. Durch auf das Verhalten der Menschen ausgerichtete Impulse und Anreize werden diese in die gewünschte Richtung gelenkt. Man muss sich also nur zurücklehnen und sich leiten lassen, und schon funktioniert man wie geschmiert und wie gewünscht.

    Selbst wenn man uns mehr Freiheit zumutet, hat dies am Ende den Zweck, uns das im Glauben an unsere Autonomie tun zu lassen, was Staat und Wirtschaft wollen, dass wir tun. Um auf die Arbeitswelt zu kommen, Selbstbestimmung am Arbeitsplatz, Teamarbeit, Crowdworking, Home-Office, Management by Objectives, flache Hierarchien, alle diese Maßnahmen und Strukturen bringen das Unternehmerische Selbst hervor. Es handelt sich dabei um ein unternehmerisch handelndes Subjekt in abhängiger Beschäftigung. Der weisungsgebundene Mitarbeiter denkt und handelt so, als würde ihm das Unternehmen gehören. Er fühlt sich als sein eigener Herr, handelt aber, ohne dass ihm das, während er handelt, präsent ist, im Interesse anderer. Das Unternehmerische Selbst ist pflegeleicht, weil es ich selbst zu dem zwingt, was die Vorgesetzten von ihm wollen. Man braucht also nicht einmal mehr Vorarbeiter oder Abteilungsleiter. Das innengeleitete Individuum führt sich mit allen gebotenen Zwängen selbst.

    Motiviert, ostentativ fröhlich

    Wir denken und fühlen uns frei, sind aber mehr denn je gesteuerte Marionetten, Puppen, die nach dem Takt der Produktivkräfte tanzen.

    Aber es ist nicht mehr ausreichend, dass wir die Dinge, die man uns aufträgt, verlässlich erledigen. Was man heute von uns zudem verlangt, ist, dass wir die Arbeit sichtbar motiviert und gerne tun. Der Lehrling hat also die Kunden-E-Mails mit sichtbarer Freude zu beantworten, die Supermarktkassiererin die Waren motiviert und fröhlich über das Feld ihres Scanners zu ziehen und der Journalist mit sichtbarer freudiger Erregung in die Redaktionskonferenz zu marschieren. Nur der sichtbar motivierte Mitarbeiter ist ein anständiger Mitarbeiter. Kurz und gut, die Performance ist wichtig. Mindestens genauso wichtig wie das, was wir machen, ist, wie wir es machen.

    Und hier kommen wir nun zu einem Kipp-Punkt, zum Punkt, an dem die produktive, etwas hervorbringende Arbeit sich mehr und mehr in reines Schauspiel, in Selbstdarstellung ohne objektiv-materielle Folgen verwandelt. Wir alle kennen den Marketingmitarbeiter, der alle zwei Jahre das Unternehmen wechselt, um sich neuen Herausforderungen zu stellen. Er flüchtet immer, bevor herauskommt, dass er nichts gemacht hat, außer sich selbst gut zu präsentieren.

    Der performative Charakter ist der, der sich und seine Pläne super inszeniert, danach aber nichts von alldem in die Praxis umsetzt, sondern sogleich die nächste tolle Idee in eine eindrucksvolle Präsentation gießt. Und er beherrscht die Motivationsrhetorik perfekt, diese immer zuversichtlichen Sprachkaskaden, die, von affizierenden und emotionalisierenden Bilder- und Tonkulissen begleitet in die Konferenz- und Besprechungsräume eingespielt, von den Gefühlen der Anwesenden Besitz ergreifen. "Tschakka" hörte man früher die Managementgurus rufen, heute sind es nicht die Worte, die die Gefühle mobilisieren, sondern Bilder und Töne.

    Denn präsentativ ist auch die Arbeitswelt der Zukunft. Es geht nicht um logisch strukturierte, um im Medium der Sprache vorgetragene Argumente, sondern um ergreifende Bilder und Formeln, um "immersive" Techniken, die den Menschen bei seinen Affekten packen und in Interaktionsgefüge und kollektive Konstellationen einbinden. Weniger zählt also das Überzeugen, mehr das Initiieren von Ergriffenheit und Betroffenheit. Die Menschen werden bewegt mittels der Adressierung ihrer Gefühle, nicht ihrer Vernunft.

    Die Firma der Zukunft

    Das Unternehmen der Zukunft wird daher weniger eine rationale Produktionsgemeinschaft als eine emotional aufgeladene Identität sein. "Tschakka", wir sind eine Gemeinschaft, und wir kämpfen kollektiv gegen Außenfeinde, die in unseren Kundenmarkt einzudringen versuchen. Und immer wieder ziehen wir in die Schlacht, um in die Kundenmärkte der Konkurrenz einzufallen. Wir sind aufgehoben in unserer identitären Gruppe, deren Angehörige wir vorbehaltlos lieben, so wie wir die Angehörigen der Gegnergruppe hassen und verachten.

    Was brauchen wir also für Fähigkeiten, um im Jahr 2019 und in den folgende am Arbeitsmarkt zu bestehen? Vor allem Mut zur Hingabe, die bewusste Aufgabe der kritischen Distanz zu dem, was wir tun, große Lust auf das Leben in emotional hochaufgeladenen Gemeinschaften, die Liebe zur identitären Gruppe als moralisch einzigartige, über anderen Identitäten stehende Formation und die Bereitschaft, im Glauben an unsere suprematistische Identität in den Kampf um Marktanteile zu ziehen.

    Denn der Mensch der Postmoderne will wieder an etwas glauben. Und weil Gott und seine Heerscharen nicht mehr zur Verfügung stehen, ist es die Macht einer großen immanenten Idee, für die eine zusammengeschweißte Gruppe steht. Und die großen Ideen werden in der Marktgesellschaft wohl Killer-Apps, neue Formen künstlicher Intelligenz, raffiniertes Gen-Tuning, innovative Entwürfe zur transhumanistischen Mensch-Maschine-Synergie oder Ähnliches sein. Tschakka. (Bernhard Heinzlmaier, 16.1.2019)

    Bernhard Heinzlmaier ist Sozialwissenschafter und Unternehmensberater und ist in der Jugendforschung tätig. Er ist Mitbegründer des Instituts für Jugendkulturforschung und dessen ehrenamtlicher Vorsitzender. Er leitet die Marktforschung T-Factory in Hamburg.

    • Was brauchen wir für Fähigkeiten, um im Jahr 2019 und in den folgende am Arbeitsmarkt zu bestehen?
      foto: getty images

      Was brauchen wir für Fähigkeiten, um im Jahr 2019 und in den folgende am Arbeitsmarkt zu bestehen?

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