Rundschau: Die besten Science-Fiction-Romane des Jahres

    Ansichtssache26. Jänner 2019, 09:00
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    Von A wie Adrian Tchaikovsky bis Z wie "Zerrissene Erde": Bücher, die vom SF-Jahr 2018 in Erinnerung bleiben

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    foto: heyne

    Jasper Fforde: "Eiswelt"

    Klappenbroschur, 654 Seiten, € 15,50, Heyne 2018 (Original: "Early Riser", 2018)

    Jemand ist zu einem Zeitpunkt wach, an dem er eigentlich schlafen sollte, und muss plötzlich feststellen, dass in seiner Welt ungeahnte Dinge vor sich gehen ... Jeder kennt das Motiv, das vor allem in der Horror-Literatur verbreitet ist – aber nicht nur. Meine Lieblingsversion des Themas ist noch aus Kindheitszeiten die Weihnachtsgeschichte der Mumins: Versehentlich aus dem üblichen Winterschlaf gerissen, erleben die Mumins zum ersten Mal die Adventzeit und schließen aus dem ständig gehörten "Weihnachten kommt!" und der allgemeinen Hektik messerscharf, dass es sich bei Weihnachten wohl um eine Art gefährlichen Dämon handeln muss. ("Wofür ist der Schinken?" "Na, für Weihnachten." "Ach, es frisst auch?")

    Eine fast bekannte Welt

    Auch der britische Autor Jasper Fforde, bekannt geworden mit "Der Fall Jane Eyre" bzw. der Thursday-Next-Reihe, geht das Thema von der humorvollen Seite an. Und wie schon in den Romanen um die Agentin Thursday E. Next hat er dafür eine Alternativwelt konstruiert. In dieser hält nach wie vor die Eiszeit die Welt im Griff, im Winter fallen die Temperaturen in Europa auf antarktische Werte. Unter diesen Bedingungen hat die Menschheit die Fähigkeit zum Winterschlaf entwickelt – plus eine weitere Anpassung, die eigentlich naheliegt, von Fforde aber erst so spät im Roman erwähnt wird, dass man dann doch überrascht ist. Wie man bei der Lektüre feststellen wird, handelt es sich bei solchen hinausgezögerten Eröffnungen um eine gezielte Taktik des Autors.

    Ansonsten ähnelt die Romanwelt der unseren verblüffend – bis hin zu bekannten Bands und TV-Formaten. Da parallel dazu die eiszeitliche Megafauna weiterexistiert, dürfte "Eiswelt" der erste Roman der SF-Geschichte sein, in dem sowohl Showaddywaddy als auch Wollnashörner vorkommen. (Und man fragt sich, was davon die urzeitlicheren Ungetüme sind ...)

    Gesunder Schlaf garantiert

    16 Wochen lang dauert der Winterschlaf, für den sich die Menschen in sogenannte Dormitorien zurückziehen: riesige reaktorbetriebene Türme, die skurrilerweise übrigens dem Muminhaus gar nicht so unähnlich sehen, wie uns eine Illustration zu Romanbeginn zeigt. Solche Dormitorien sowie die Droge Morphenox haben dafür gesorgt, dass mittlerweile erfreulich viele Menschen die Auszehrung des Winterschlafs überleben. In früheren Jahrhunderten starben so katastrophal viele während des Winters, dass Vermehrung weiterhin ein politisches Leitziel ist – umgesetzt unter anderem vom Amt für Bevölkerungswachstum und rigorose Fruchtbarkeit (ABwurF) sowie Placentia und all den anderen Schwestern der Unaufhörlichen Austragung.

    Morphenox hat allerdings eine Nebenwirkung: Ein kleiner Prozentsatz derer, die es genommen haben, erwacht als hirntote Nachtwandler – de facto Zombies. Da man in dieser Welt aber einen ausgesprochen nonchalanten Umgang mit dem Tod pflegt (was immer wieder für Komik sorgt), ist das kein Problem: Nachtwandler, die noch minimale mechanische Abläufe abspulen können wie eine hängengebliebene Schallplatte, werden "umgewidmet" und beispielsweise als Straßenkehrer eingesetzt. Den Rest schlachtet man für Ersatzorgane aus, schließlich friert den Bewohnern der Eiswelt immer wieder mal was ab.

    Wächterrolle im Winterwahnsinn

    Während der Großteil der Bevölkerung im Schlaf liegt, halten sogenannte Winterkonsuln die Ordnung aufrecht. Wie der junge Charlie Worthing aus Wales, der sich spontan für das gefährliche Amt beworben hat und zu seiner eigenen Überraschung auch tatsächlich genommen worden ist. Der Roman schildert Charlies Debütwinter, in dem er es nicht nur mit Nachtwandlern, technischen Pannen und dem sagenumwobenen Wintervolk zu tun bekommt, sondern auch in ein wirtschaftliches und politisches Ränkespiel verstrickt wird, das sich als größere Bedrohung erweist als alle anderen Faktoren zusammen. Nicht zuletzt macht unter Schläfern ein seltsamer viraler Traum die Runde, der aus ebenso bunt zusammengewürfelten Elementen zu bestehen scheint wie der Roman selbst.

    Tatsächlich sind all diese Plot-Elemente aber kaum mehr als Vehikel, um Charlie von einer seltsamen Begegnung zur nächsten zu führen. Ob Kriminelle, berufsbedingt Wache oder aus gesundheitlichen Gründen schlaflos Gebliebene: Der Winter wird von einer Vielzahl schrulliger Typen bevölkert, die einem Film der Coen-Brüder alle Ehre machen würden. Jede Stunde erlebte ich etwas Neues, und jedes Mal hätte ich auf diese Erfahrung verzichten können, bilanziert Charlie. Dem kann man sich als Leser freilich nicht anschließen, denn all die absurden Situationen, durch die man sich eher nach Night Vale als nach Wales versetzt fühlt, machen die Würze des Romans aus. Hier ein für die Handlung irrelevantes, für "Eiswelt" insgesamt aber typisches Beispiel:

    "Ich habe sieben Zitronen und eine ganze Wassermelone entsaftet, mit einer neuen, effizienten und unglaublich riskanten Technik, die ich Hand-im-Mixer nenne. Wenn Sie etwas Hartes, Zähes in Ihrem Drink finden, ist das möglicherweise die Spitze meines kleinen Fingers." (...) Er streckte einen bandagierten Finger in die Höhe, als wollte er das Gesagte unterstreichen, und ich starrte das Getränk an. "Sie hätten den Finger doch heraussieben können", sagte ich. "Dann verliert man aber doch auch das ganze Fruchtfleisch."

    Empfehlung!

    "Eiswelt" wird in durchgehend munterem Ton erzählt, ist mit Wortneuschöpfungen und Pointen gespickt (sehr schön etwa der "Extremschlaf-Guru" Gaer Brills) und mit zahlreichen Fußnoten à la Terry Pratchett versehen. Nicht zu verachten auch die satirischen Elemente: Etwa wenn Dünnsein plötzlich als gesellschaftlich unerwünscht gilt (vor dem Winterschlaf muss man sich nämlich Fettreserven anfressen, um das Gesundheitssystem nicht zu belasten) oder wenn Politiker einmal mehr die Warnungen vor einem Klimawandel ignorieren. Was hier natürlich das weitere Vorrücken der Gletscher bedeutet.

    Die größte Stärke des Romans liegt aber vielleicht in Ffordes Informationspolitik. Hier wird einem nicht gleich zu Beginn die ganze Exposition hingeschmissen, stattdessen belässt es der Autor bei vagen Andeutungen, die dann viel später in Pointen münden werden – oder in tatsächlich vollkommen überraschende Twists. Bei einigen Eröffnungen zu Nebenfiguren, die man zu diesem Zeitpunkt längst zu kennen glaubte, hat's mir jedenfalls die Schuhe ausgezogen. Das ist wirklich gut gemacht und passt zudem zu einem Roman, der in keine Schublade passt und damit als Ganzes eine freudige Überraschung bildet.

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