Alexander Kukelkas "Die Überflüssigen": Biblische Wucht im Selfie-Zeitalter

    10. Jänner 2019, 14:24
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    Die Operngroteske trägt im Wiener Nestroyhof/Hamakom inhaltlich dick auf, ist musikalisch aber ein Genuss

    Eine Müllhalde. Der Zivilisationsstrom hat den Dreck hinten ins Eck gespült. Dort türmt er sich auf. Ein in Lumpen gehüllter Hüne (Rupert Bergmann) streift herum und stellt uns seine Schätze Polyethylen und Styropor vor. Doch schon kommt durch ein Kanalrohr in der Wand (Bühne von Maria Theresia Bartl) weiterer Unrat: Menschen.

    Einen Anzugträger (Dieter Kschwendt-Michel) hat die Finanzkrise ausgesiebt. Trotzdem betet er mit dem Knopf im Ohr umso verbissener noch seine Sätze zur Selbstmotivation. Der Kreditrahmen einer schöne Dame der Society im Gucci-Kostüm (Eva Maria Neubauer) ist erschöpft. Die Plastikkarten nützen ihr nichts mehr.

    Die Quote stimmt nicht

    Dritte im Bunde ist eine Essenszustellerin (Ewelina Jurga). Sie soll ihre wohlschmeckende Fracht an den Kunden bringen. Die Mühen sind jedoch vergebens. Ihre Quote stimmt nicht, und die Firma verzichtet fortan lieber auf ihre Dienste.

    Die Überflüssigen heißt Alexander Kukelkas Operngroteske auf Konsum, Kapitalismus und soziale Medien. Die Uraufführung im Theater Nestroyhof Hamakom ist ein Auftragswerk für das Neue Wiener Musiktheater. Der Komponist führt außerdem Regie und spielt das Klavier im kleinen Kammerensemble am Bühnenrand.

    Das leistet ebenso wie die Sänger hervorragende Arbeit. Die Musik sprudelt frisch und ist wandlungsfreudig. Manchmal klingt sie schief wie aus einer alten Columbo-Folge. Lebhaft instrumentiert, spannen sich anderswo verführerisch lyrische Bögen. Dann wieder blitzt Humor durch oder wird es in fast klassischer Manier dramatisch.

    Leben und Tod

    Die Texte werden klar und kräftig vorgetragen, sind tadellos singbar und auch solide gedichtet. Was aber nicht verhindert, dass die Geschichte im Verlauf der zwei Stunden immer dicker aufträgt. Der Manager tötet unwissentlich seinen Vater, die Essenszustellerin ist schwanger ...

    Dabei hatte die Handlung schon zuvor biblische Wucht erreicht, als der Hüter des Mülls ein Floß enthüllte. Im wallenden Gewand erinnert er an Noah und die Sintflut. Ein Ökohippie (Emil Kohlmayr) wird zur böse endenden Probe für das Grüppchen, denn das Floß der Verdammten ist voll.

    Den Sager vom "Raumschiff Erde" hätte es nicht mehr gebraucht. Doch die Musik – davon unbehelligt – lohnt den Besuch. (Michael Wurmitzer, 10.1.2019)

    • Ein Floß soll die auf der Müllkippe Gestrandeten wieder zurück in die zivilisierte Welt bringen.
      foto: barbara palffy

      Ein Floß soll die auf der Müllkippe Gestrandeten wieder zurück in die zivilisierte Welt bringen.

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