Typisch Bub, typisch Mädchen: Klischees nehmen wieder zu

    12. Jänner 2019, 13:00
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    Trotz Genderdebatten in den vergangenen Jahrzehnten nehmen Experten wieder mehr Geschlechterklischees wahr, wie eine Studie zeigt

    Die Lieblingsfarben der meisten Mädchen sind immer noch Lila und Pink, jene der Buben Blau und Grün. Eltern wünschen sich für ihre Töchter Berufe im Gesundheits- und Bildungswesen, für die Söhne favorisieren sie Positionen in der IT- und Techbranche sowie im Ingenieurwesen. Das sind die Ergebnisse einer aktuellen deutsch-amerikanischen Studie, die Geschlechterrollen untersucht hat. Geschlechterklischees halten sich demnach noch immer hartnäckig, obwohl das Bewusstsein seit den 1970er-Jahren zugenommen hat. In den letzten Jahren beobachten Experten jedoch einen gegenteiligen Trend.

    Wahrnehmung und Wirklichkeit

    "Seit gut zehn Jahren nimmt die geschlechtliche Zuordnung von Spielzeug, von Interessen und Verhaltensweisen wieder zu", so Almut Schnerring, Autorin des Buchs "Die Rosa-Hellblau-Falle. Für eine Kindheit ohne Rollenklischees" in einem Statement zur Studie. Es gebe einige Hersteller, die in der Nische ihren Platz gefunden haben und Produkte "für Kinder" anbieten, aber der Mainstream sitze tief in der Rosa-Hellblau-Falle. Im Unterschied dazu glauben aber viele Eltern, dass die Gesellschaft heute längst schon weiter ist. Die Autorin erklärt dieses Phänomen damit, dass Kinder heute unter einem von Medien und Werbung unterstützten Normierungsdruck aufwachsen, den heutige Erwachsene so nie kennengelernt haben und deshalb auch ihren eigenen Einfluss unterschätzen und überzeugt sind, den Kindern die Wahl zu lassen.

    Auf Geschlechterunterschiede gepolt

    Die Ergebnisse der vom Start-up Wonder Workshop, das Bildungstechnologien anbietet, durchgeführten Studie zeigen, dass Kinder durch verschiedene Einflüsse – seien es Eltern, Gruppenverhalten, Fernsehformate, Spieleindustrie oder Werbung – auch heute noch im jungen Alter schon auf die Unterschiede zwischen den Geschlechtern gepolt werden. Befragt wurden dazu 882 Eltern mit Kindern im Alter bis 13 Jahre. Zwei Beispiele: Zu Weihnachten wurden zehn Prozent der Mädchen mit Puppen überrascht, aber nur 0,5 Prozent der Buben. Rund sieben Prozent der Buben packten Autos aus, aber nur rund zwei Prozent der Mädchen.

    Die Konsequenzen: Kinder schätzen somit auch unterbewusst ein, was sie in Abhängigkeit von ihrem Geschlecht können oder nicht können und dürfen oder nicht dürfen. Das schränke Kinder ein und verwehre ihnen die Möglichkeit, ihre Potenziale voll auszuschöpfen, so die Autoren der Studie. Eine veränderte Selbstwahrnehmung bis hin zu Frauenmangel in technischen Berufen sei die Folge. In qualitativen Interviews befragte Experten aus Bildung, Wissenschaft und Wirtschaft beobachten diesen Trend und bestätigen die Zunahme der Geschlechterklischees.

    Lösungsansätze

    Die Studie beleuchtet, wie die klassische Geschlechtertrennung zukünftig durch verschiedene Maßnahmen wie genderneutrales Spielzeug, Bücher, Workshops, Initiativen oder auch durch eine genderneutrale Erziehung aufgelockert werden kann. Dazu könne etwa elektronisches Spielzeug dienen, das neutral gehalten ist und Buben sowie Mädchen gleichermaßen für Technik begeistern und spielerisch an Mint-Themen heranführe, so die Autoren der Studie.

    Interessant ist auch der Ansatz zweier Italienerinnen: Elena Favilli und Francesca Cavallo ist aufgefallen, dass die meisten Kinderbuchhelden dem männlichen Geschlecht angehören. Weibliche Figuren fungieren hingegen meist nur als Mütter, Schwestern, Schulter zum Anlehnen, als Ratgeber oder Haushälterin. Um Mädchen Vorbildrollen anzubieten, haben sie 2017 mit Unterstützung von Crowdfunding das feministische Gute-Nacht-Buch "Good Night Stories for Rebel Girls" geschrieben. Darin werden hundert mutige Frauen wie Malerin Frida Kahlo, Kinderrechteaktivistin Malala Yousafzai oder Sportlerin Serena Williams porträtiert. Die Geschichten sollen Mädchen Mut machen, an ihren Träumen festzuhalten und sich nicht einschüchtern zu lassen.

    Laut der Erziehungswissenschafterin Maureen Maisha Auma, Professorin für Kindheit und Differenz an der Hochschule Magdeburg-Stendal, wäre es auch ein erster Ansatzpunkt, geschlechtlich kodierte Farben zu verändern. Die Farben Blau und Rot seien historisch eigentlich umgekehrt geschlechtlich kodiert gewesen: Blau als die kühle, weibliche Farbe und Rot als die intensive mit Aktion, Durchsetzung und Männlichkeit assoziierte Farbe. "Das zeigt, dass die Farbeigenschaften nicht nur willkürlich sind, sondern auch flexibel. Es wäre also spannend, Farben zu finden und einzusetzen, die Gemeinsamkeiten betonen und für neue Bedeutungen und Kombinationen offen sind", so die Wissenschafterin. (adem, 12.1.2019)

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