"Zeig mir deine Wunde" im Dommuseum: Kein Leben ohne Leiden

    10. Jänner 2019, 14:00
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    Die Konfrontation von Bildern der christlichen Passion mit jenen, die Verletzungen von Individuum und Gesellschaft darstellen ist gewagt und dennoch intensiv

    Ein tiefer, klaffender Schnitt. Die Wunde ist nicht dramatisch, und doch lässt sie einen innerlich ein wenig zusammenzucken. Der Körper reagiert sehr unmittelbar, wenn sein Abbild verletzt, die schützende Hülle der Haut versehrt wird.

    foto: galerie nathalie obadia, courtesy galerie yvon lambert, paris
    Eine Fotografie, bei der es schwerfällt, nicht an die christliche Ikonografie und den Leichnam Jesu zu denken. Künstler Anders Serrano hat aber das Opfer eines Selbstmords mit Rattengift inszeniert.

    Die fleischliche Wirkung des vom Skalpell verletzten Fußes, den Fotograf Andres Serrano so monumental ins Bild gesetzt hat, wird besonders dadurch gesteigert, dass jedes Detail der Haut – Venen, Haare, Muttermale, Fältchen – zu erkennen ist und so schier fühlbar wird. Still wird man angesichts des Leichnams, der vor einem liegt. Andächtig. Eine Wirkung, der sich die christliche Ikonografie sicher sein konnte, galt es doch, die Schwere der Passion, Pein und Folter in oft drastischen Bilder von Christus und anderen Märtyrern nachzuempfinden. Stichwort: "Imitatio Christi".

    Und so kann man fast gar nicht anders, als in dem Detail eines toten Menschen – ganz unabhängig vom Titel Rat Poison Suicide II (1992) – den Leichnam Jesu mit seinen Wundmalen zu erinnern. Geeicht von der christlich dominierten Kunstgeschichte erinnert man sich etwa an die Grablegung von Caravaggio (1603/04). Der italienische Maler verstand es meisterlich, den weißen, fast strahlenden Leib in extremer Lichtregie vor dunklem Hintergrund zu inszenieren.

    foto: ludwig hoffenreich
    Günter Brus, Selbstbemalung I, 1964 (Dom Museum Wien, Otto Mauer Contemporary)

    In der Ausstellung Zeig mir deine Wunde im Wiener Dommuseum trifft nun Gegenwartskunst auf die über Jahrhunderte hinweg dominante und dadurch auch prägende christliche Bildtradition. Die Wunde als weltliche Metapher für Schmerzen in und an der Gesellschaft trifft also auf die Passion Christi. Geht das? Für Museumsleiterin Johanna Schwanberg mache die Verletzlichkeit und Verwundbarkeit des Menschen ihn erst empfindsam für die Welt. Erfahrene psychische und physische Wunden wären also auch Auslöser für Veränderungen, für das Überwinden oder das Heilen. So stelle sich die Verbindung mit christlichen Ideen ein, wo Jesus für die Erlösung der Menschen gestorben ist.

    foto: sovrintendenza ai beni culturali, rom
    Guillaume Courtois, "Blut Christi" nach einem Bild von Gian Lorenzo Bernini, 17. Jh. (Museo di Roma)

    Ein bisschen Bauchweh verursacht diese Gegenüberstellung schon. Denn zum einen ist der körperliche Schmerz Jesu ein Hinweis auf sein Menschsein, zum anderen sind sein Blutvergießen und Sterben Symbol völliger Hingabe – beides essenzielle Glaubensinhalte. Unmissverständlich, wenn auch kurios ist in dieser Hinsicht ein barockes Bild nach Gian Lorenzo Bernini: Aus den Wundmalen des Gekreuzigten ergießt sich das Blut in Strömen, die nicht nur ein ganzes Meer speisen, sondern auch die Gottesmutter völlig unbefleckt lassen. Auf einer anonymen mittelalterlichen Holztafel (um 1480) hält ein Engel den sterbenden Schmerzensmann, während sich sein Blut akkurat in einem Kelch für die kommende Eucharistie sammelt. Aber es finden sich auch christliche Beispiele für die Darstellung seelischer Qualen als Wunde: Die Schmerzen Mariens etwa in Form von sie bedrohenden Schwertern.

    foto: courtesy keresztény múzeum, esztergom
    Schmerzensmann mit Engel, um 1480 (Keresztény Múzeum, Esztergom)

    Beinahe als Grabrede liest sich im dommusealen Kontext die Inschrift "Der Körper ist bloß Kostüm ..." auf Orlans Reliquienschrank von 1992: Er verwahrt zehn Gramm ihres Fleisches. Allerdings hatte die Künstlerin weniger die Unsterblichkeit der Seele im Sinn. Vielmehr waren die absurden Schönheitsoperationen, die sie an sich vollziehen ließ, ein Appell gegen herrschende Schönheitsideale. Ihre leiblichen Opfer sind somit feministische Geste.

    foto: lena deinhardstein, galerie steinek © bildrecht, wien, 2018
    Renate Bertlmann, Maladies des Mystiques, 1984 (Galerie Steinek)

    Angst essen Seele auf

    Körperpolitisch sind auch die Selbstverletzungen von Renate Bertlmann oder Valie Export zu verstehen. Fast unerträglich sind die Bilder der mit einem Teppichmesser in der Nagelhaut stochernden Künstlerin im Video ... Remote ... Remote ... (1973); mit den Zähnen reißt sie sich die Hautfetzen von den Nägeln.

    foto: lena deinhardstein
    Katrina Daschner, Angst essen Seele auf, 20016. (Dom Museum Wien, Sammlung Otto Mauer)

    Und weil dem Körper Macht und Gewalt eingeschrieben sind, hat sich Katrina Daschner "Angst essen Seele auf" auf den Unterarm tätowieren lassen. Unsichtbare Verletzungen, wie jene sexuellen Missbrauchs, sichtbar zu machen gelingt hingegen Anders Krisár: Die (Über-)Griffe erwachsener Hände zeichnen sich als Vertiefungen auf Torso und Gliedmaßen eines Kindes ab.

    foto: anders krisár
    Anders Krisár, Arm (right), 2006

    Der Schritt zwischen christlicher Passion und Gegenwartskunst bleibt weit, aber die Schau zeigt, dass auch der Dialog von so Unterschiedlichem spannend sein kann.

    Am intensivsten auf jüngere Geschichte und Gegenwart verweist jedoch das Gemälde eines Gekreuzigten. Die Idee des "einzigen wahren Führers" zog einst den Groll der Nazis auf sich, und so wurde das Bild 1938 beim Sturm auf das erzbischöfliche Palais aufgeschlitzt. Ein Zeugnis doppelter Wundmale. (Anne Katrin Feßler, 10.1.2019)

    Bis 25. August, Dommuseum Wien

    Veranstaltungstipp

    Klaus Speidel, Ko-Kurator der Ausstellung "Zeig mir deine Wunde" spricht am 17. Jänner (18.00) über "Wunden in der Kunst als Spur, Allegorie und Fest". (Anmeldung erforderlich. Gratis mit Eintritt, der ab 18 Uhr um 50% ermäßigt ist.

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