Das absurde Sterben der Kleinwagen

    10. Jänner 2019, 09:00
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    Kleinwagen müssen billig sein. Das können sie mit ambitionierten Verbrauchs- und Abgasvorschriften nicht. Darum nehmen sie viele Hersteller komplett aus dem Programm

    Ein geringerer Verbrauch und damit weniger Kohlendioxidausstoß bei praktisch allen Fahrzeugen schaukelt sich gemeinsam mit einer realitätsfremden Gesetzeslage zu einem offenbar fatalen Effekt auf: Es rentiert sich für Autohersteller immer weniger, Kleinwagen anzubieten, obwohl diese aller Vernunft nach als umweltfreundlicher und sparsamer gelten. Einer der wichtigsten Gründe dafür: Der Stromverbrauch von Elektroautos und Plug-in-Hybriden wird mit null Gramm CO2 gerechnet. Folglich sehen viele Autohersteller in einer massiven Elektrifizierungsstrategie den einzigen Ausweg aus ihrer CO2-Misere.

    Geringe Strafen mit großen Autos

    Betrachtet man ihre Modellpalette und nimmt man ihre Ankündigungen ernst, so haben einige Hersteller mit ausschließlich großen und teils extrem leistungsstarken Autos die besten Chancen, ohne oder mit nur sehr geringen Strafzahlungen wegen Überziehung künftiger CO2-Grenzwerte davonzukommen, etwa Volvo, Jaguar Land Rover, Daimler, BMW.

    Die Folge: Löbliche Initiativen der vergangenen Jahre in Richtung Kleinwagen sind so gut wie Geschichte. Opel lässt die Modelle Karl und Adam 2019 ersatzlos auslaufen. Auch der VW-Konzern lässt keine Nachfolger für seine Kleinwagen Up, Skoda Citigo und Seat Mii erkennen. Selbst die mit großem Aufwand zelebrierte E-Auto-Offensive des Konzerns enthält keinen Kleinwagen unter dem Golf-Format. Auch ein Kleinwagenspezialist wie Suzuki kommt ordentlich ins Schwitzen, Smart stellt komplett auf Elektro um.

    Generelles Dilemma

    Das generelle Dilemma: Der Besitz eines Autos wird durch die CO2-Daumenschraube schon sehr bald empfindlich teurer werden. So werden Einstiegsmodelle um die 10.000 Euro wohl komplett verschwinden. Eine Elektrifizierung des Antriebes ist um diesen Preis nicht darstellbar, ein vollelektrisches Auto schon gar nicht – und sei es noch so mickrig. Und nicht zu vergessen: Neben den Maßnahmen zur CO2-Senkung verschlingen auch Einrichtungen zur Abgasreinigung der Verbrennungsmotoren immer mehr Geld, eben auch schon bei Kleinwagen.

    Dass dieser Effekt die Bezieher geringer Einkommen als Ausgleich nun massiv in Richtung Gebrauchtwagen drängen würde, ist aber auch nicht zwangsweise zu erwarten. Die zunehmend aufwendige Technik lässt das Risiko für hohe Reparaturkosten bei älteren Autos steigen – auch nicht sehr verlockend für Menschen, die jeden Euro umdrehen müssen. Dazu kommt noch, dass man früher vieles selbst reparieren konnte, wenn man zwar weniger Geld, aber Geduld, Zeit und etwas Talent dafür hatte. Heute geht ohne Spezialwerkzeug und Spezialausbildung nichts mehr.

    Physikalische Prinzipien und die Umweltgesetze

    Das Fragwürdige an dieser Entwicklung: Selbst scheinbar ambitionierte Umweltgesetze können keine physikalischen Prinzipien aushebeln. Wer mehr Masse bewegt, benötigt dafür mehr Energie und beansprucht mehr Ressourcen. Dass elektrischer Strom zum Fahren mit null Kohlendioxidausstoß gleichgesetzt wird und damit seltsame, gar nicht wirklich umweltfreundliche Fahrzeugkonzepte bevorzugt werden, fußt auf einer theoretischen Möglichkeit im Falle tatsächlicher Herstellung des elektrischen Stroms aus ausschließlich regenerativen Quellen.

    Das ist aber in der Praxis bei weitem nicht der Fall. Hier läuft die Autoindustrie in die nächste Falle nach dem Dieselskandal, nämlich in einen gesetzlich abgesegneten Rechenfehler. Dieser führt dazu, dass nicht nur Klimamodelle eine falsche Berechnungsgrundlage erhalten, sondern auch die tatsächlich umweltfreundlicheren Kleinwagen durch dicke Schlitten ersetzt werden.

    Es besteht auch die Möglichkeit, dass in dieses Kleinwagenvakuum chinesische Hersteller stoßen, die dann Europas Märkte mit Billigautos erobern, selbst wenn sie vielleicht nur drei Sterne beim Crashtest erreichten. Überhaupt könnte der Themenkreis Kleinwagen und Crashtest angesichts einer neuen Kategorie von Elektrokleinwagen neu definiert werden. (Rudolf Skarics, 10.1.2019)

    • Löbliche Initiativen der vergangenen Jahre in Richtung Kleinwagen sind so gut wie Geschichte. Opel lässt die Modelle Karl und Adam 2019 ersatzlos auslaufen. Auch der VW-Konzern lässt keine Nachfolger für seine Kleinwagen Up, Skoda Citigo und Seat Mii erkennen.
      foto: illustration: aydogdu, fotos: stockinger, gluschitsch

      Löbliche Initiativen der vergangenen Jahre in Richtung Kleinwagen sind so gut wie Geschichte. Opel lässt die Modelle Karl und Adam 2019 ersatzlos auslaufen. Auch der VW-Konzern lässt keine Nachfolger für seine Kleinwagen Up, Skoda Citigo und Seat Mii erkennen.

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