Kein Facebook ist auch keine Lösung

Kommentar8. Jänner 2019, 17:41
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Statt aus Social Media zu fliehen, sollten wir einen neuen Umgang mit ihnen finden

Der deutsche Grünen-Chef Robert Habeck, der in wenigen Jahren gute Chancen auf ein Regierungsamt haben könnte, verlässt also alle sozialen Medien. Aus mehreren Gründen: Einerseits hat er provokante Tweets abgesetzt, die auf viel Kritik gestoßen sind. Andererseits wurde er gemeinsam mit hunderten anderen Politikern Opfer eines Datendiebstahls, wobei bei ihm besonders sensible Informationen veröffentlicht wurden – etwa Chats mit Familienmitgliedern.

Habecks Reaktion auf diese Vorfälle ist menschlich nachvollziehbar. Und gleichzeitig ist sie ein besorgniserregendes Signal. Denn es ist nicht zu erwarten, dass andere Nutzer bald scharenweise Facebook, Twitter und andere soziale Medien verlassen. Der deutsche Grünen-Star vergibt so eine zentrale Kommunikationsmöglichkeit. Zu wichtig sind die Kanäle mittlerweile in so vielen Lebensbereichen geworden, sei es beruflich, privat oder zur Unterhaltung und Informationsbeschaffung. Fast jeder zweite Österreicher besitzt angeblich ein Facebook-Profil, während Twitter hierzulande vor allem die Plattform für Politiker, Aktivisten und Journalisten ist.

Daher sollten sich gerade engagierte Persönlichkeiten nicht der Chance berauben, mit Gleichgesinnten und Andersdenkenden zu diskutieren. Andernfalls bleiben in den sozialen Medien vor allem Hetzer, Propagandisten und Bots übrig.

Allerdings hat Habeck mit seiner Problemanalyse durchaus recht. Als Nutzer der Plattformen und diskursfähige, empathische Bürger müssen wir alle einen neuen Umgang mit sozialen Medien finden.

Eigenschutz

Dazu gehört zunächst einmal der Eigenschutz: Um Datendiebstahl zu vermeiden, sind starke Passwörter vonnöten. Nach wie vor setzen jedoch viel zu viele Nutzer auf simple Passphrasen wie "12345" oder "Passwort". Außerdem werden diese Codes auf zu vielen Plattformen benutzt.

Wird ein Anbieter gehackt, können alle Accounts infiltriert werden. Daher sollten Nutzer einen Passwortmanager benutzen, der viele starke Passwörter zusammenfasst. Nimmt man sich ein paar Minuten Zeit, kann man sich über deren Funktionsweise und über kostenfreie Angebote informieren.

Zweiter Schritt muss sein, sich vor seinen eigenen Wutausbrüchen und Blödheiten zu schützen. Vor dem Abschicken eines Tweets: lieber einmal durchatmen. Eine präventive Totallöschung ist eine Kapitulation vor den eigenen niederen Instinkten und eines aufgeklärten Bürgers nicht würdig. Baut man doch einmal einen Blödsinn und wird vom Shitstorm getroffen, sollte man die Chance auf Reflexion nutzen – und untergriffige Nutzer stummschalten oder melden.

Drittens kommt dann quasi der "Fremdschutz": Auch bei Tweets von anderen Nutzern sollte Gelassenheit geübt werden. Man muss nicht jede Aussage als Bösartigkeit interpretieren. Vergreift sich aber jemand wirklich im Ton, ist er rassistisch, schwulen- oder frauenfeindlich, heißt es Flagge zeigen.

Nur so lässt sich verhindern, dass wir die sozialen Medien denjenigen überlassen, die sie erst zu einem ungemütlichen Ort gemacht haben. Und diejenigen alleinlassen, die dort noch um Anstand, Fairness und Gleichheit kämpfen. Denn soziale Medien eröffnen nicht nur das Risiko, ins Fettnäpfchen zu greifen – sie geben uns auch die Chance, Gutes zu tun und andere zu unterstützen. Meldet man sich ab, verzichtet man auch darauf. (Fabian Schmid, 8.1.2019)

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