Martin Thür: "Auch politische Parteien dürfen mich kritisieren"

    Interview9. Jänner 2019, 07:00
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    Am Sonntag moderiert Thür erstmals die "ZiB 2". Er spricht über Kritik, Kostendruck und Twitter-Regeln

    Der Österreich-"Tatort" davor ist kein schlechter Motor, um gleich zum Start die Quote anzukurbeln: Am Sonntag, 13. Jänner, serviert ORF 2 um 21.50 Uhr die erste Sonntagsausgabe der "ZiB 2". Mit 20 Minuten zwar etwas kürzer, vielleicht eine Spur hintergründiger, aber immer noch dominiert vom tagesaktuellen Geschehen soll die neue Sendung sein. Herzstück bleibt das Interview.

    STANDARD: Erst vergangene Woche hat FPÖ-Chef Strache wieder einmal die "ZiB 2" kritisiert und von einer "Sauerei" gesprochen, weil er einen Beitrag über die FPÖ vor seinem Interview nicht zu Gesicht bekommen hat. Wie gehen Sie mit Kritik von politischen Parteien um?

    Thür: Ganz generell ist diese Entwicklung ja nicht neu. Mit Kritik war ich auch schon in meinem alten Job konfrontiert. Der beste Zugang für Journalisten, um mit politischer Kritik umzugehen, ist, ihren Job gut zu machen. Ich finde, die Lou Lorenz-Dittlbacher hat ein großartiges Interview mit dem Vizekanzler gemacht. Mein Job wird auch sein, ein gutes Interview mit dem FPÖ-Chef genauso wie mit anderen Politikern zu machen. Und zwar so, dass die Zuseherinnen und Zuseher möglichst gut informiert werden und einen Mehrwert haben.

    STANDARD: Aus Ihrer Sicht war also der konkrete Beitrag, der den FPÖ-Chef erzürnt hat, journalistisch sauber?

    Thür: Ich habe dem, was der ORF bereits dazu gesagt hat, nichts hinzuzufügen. Die Geschichte und das Interview waren völlig in Ordnung.

    STANDARD: Begeben Sie sich in ein politisches Minenfeld, weil die "ZiB 2" sehr oft zur Zielscheibe politischer Kritik wird – vor allem von einer Partei?

    Thür: Ich finde nicht, dass Angst eine gute journalistische Eigenschaft ist. Journalisten sollten generell nicht sehr ängstlich sein. Es ist völlig legitim, dass politische Parteien unzufrieden mit journalistischer Berichterstattung sind. Wenn wir uns alle auf die Fakten einigen können, ist das okay. Auch Journalisten können und sollen kritisiert werden. That's it. Ich mache meinen Job, und ja, auch politische Parteien dürfen mich kritisieren. Das ist ihr gutes Recht. Genauso wie jeder Zuseher mich kritisieren darf. Der Punkt ist, und da muss man die Kolleginnen und Kollegen in Schutz nehmen: Sehr oft ging es bei der Kritik nicht um konkrete Sachverhalte, sondern um Persönliches und Vorwürfe, die so nicht gestimmt haben. Da wird es dann problematisch.

    STANDARD: Mit konstruktiver Kritik können Sie gut leben?

    Thür: Selbstverständlich. Ich versuche auch genau dasselbe an der Politik zu üben. Wenn ein Politiker sagt "Ich verspreche jedem Österreicher 4.000 Euro monatlich", dann werde ich ihn fragen, wie sich der Staat das leisten kann und einwenden, dass sich das budgetär nicht ausgehen wird. Umgekehrt muss sich auch Journalismus einer Debatte stellen. Viele Journalisten machen das auch. Ich habe auch die Journalismustage in Wien mitorganisiert, um genau das zu diskutieren. Wir versuchen, Journalismus besser zu machen und uns selbst der Diskussion darüber zu öffnen. Eine gute Fehlerkultur beginnt damit, sich selbst zu hinterfragen, aber immer mit der Einschränkung: Die Fakten müssen stimmen.

    foto: standard/mark
    Martin Thür.

    STANDARD: Die Regierung arbeitet an einem neuen ORF-Gesetz, die FPÖ attackiert ORF-Journalisten unvermindert. Sie kommen gerade in einer heißen Phase zum ORF.

    Thür: Erstens habe nicht das Gefühl, dass es jemals ruhigere Zeiten gegeben hat. Im ORF ist immer eine heiße Phase. Und zweitens habe ich jetzt den direkten Vergleich. Ich weiß, wie Fernsehsender in Österreich arbeiten, und ich war tatsächlich überrascht, wie groß der Kostendruck im ORF bereits ist – etwa bei den Produktionsmitteln. Wir gehen mit Einmannteams raus und versuchen alles, um kostengünstig zu produzieren. Das ist im Privatfernsehen nicht immer so. Bei "Addendum" gab es zum Teil bessere Produktionsmittel, was zum Beispiel Kameras betrifft. Beim ORF ist der Kostendruck im täglichen Nachrichtengeschäft schon so wahnsinnig hoch.

    STANDARD: Weniger geht nicht?

    Thür: Ich wüsste nicht, wo man da noch groß einsparen kann. Man kann vielleicht ganze Sender oder Sendungen einstellen. Ob man das wirklich will? Ich nicht.

    STANDARD: Man könnte theoretisch die "ZiB 2" nicht mehr als eigenständige Redaktion führen, sondern sie personell mit anderen "ZiB"-Sendungen verschmelzen.

    Thür: Das Gegenteil passiert gerade. Man macht eine "ZiB 2" pro Woche mehr und versucht zu zeigen, dass der ORF wahnsinnig gute Journalistinnen und Journalisten hat, die jeden Tag gute Arbeit machen. Ich hielte es für einen sehr großen Fehler, beim Kern des öffentlich-rechtlichen Auftrages zu sparen.

    STANDARD: Manche bezeichnen Sie als den neuen oder jungen Armin Wolf. Können Sie damit etwas anfangen, oder nervt Sie der Vergleich?

    Thür: Es nervt nicht, aber ich bin der Martin Thür, und der Armin ist der Armin, und die Lou ist die Lou. Wir sind drei völlig unterschiedliche Typen mit völlig unterschiedlichen Geschichten, Herangehens- und Arbeitsweisen und Interviewstilen. Ich bin ein großer Armin-Wolf-Fan und ein großer Lou-Lorenz-Dittlbacher-Fan, und ich werde hart daran arbeiten, dass die beiden auch Fans von mir werden.

    STANDARD: Was kann man von Armin Wolf lernen, was von Lou Lorenz-Dittlbacher?

    Thür: Ich finde es großartig, wie wahnsinnig gut vorbereitet Armin Wolf auch nach so vielen Jahren noch in jedes Interview geht. Ich bekomme das jetzt live und hautnah mit. Und ich finde es großartig, welch feines Gespür Lou Lorenz-Dittlbacher für ihre Interviewgäste hat. Sie stellt sich sehr gut auf unterschiedliche Interviewpartner ein. Man kann von beiden sehr viel lernen.

    STANDARD: Ein Dauerthema, mit dem ORF-Redakteure konfrontiert sind, ist das Verhalten auf Twitter. Sie sind ja auch sehr aktiv. Werden Sie sich künftig zurückhalten?

    Thür: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich bis jetzt politisch auf Twitter sehr rausgelehnt habe. Bis jetzt habe ich, das war auch bei den Sendern zuvor der Fall, mich auf Twitter den Senderstatuten konform verhalten, und das betrifft auch die Statuten des ORF. Ich wüsste nicht, wo es da ein Problem gibt. Grundsätzlich kann sich jeder gerne bei mir melden und mir eine Mail schreiben, wenn er ein Problem sieht. Ich glaube nicht, dass man etwas findet.

    STANDARD: Neue, schärfere Social-Media-Richtlinien, wie sie manche ORF-Stiftungsräte fordern, braucht es aus Ihre Sicht nicht?

    Thür: Es gibt ja bereits Richtlinien. Ich wüsste nicht, was daran schärfer sein soll: dass Journalisten angehalten sind, im ORF genauso wie auch bei anderen Medienunternehmen de facto das auf Twitter zu machen, was sie auch in Sendungen machen oder auf einem großen Podium sagen würden. Das ist ja selbstverständlich, und die Diskussion gibt es ja nicht nur hier. Ich habe auch mit anderen Senderchefs Diskussionen über meinen Twitter-Account geführt. Es ist Teil der modernen Medienwelt, dass Journalisten hier einen gewissen Widerspruch haben. Viele sagen: Ihr Journalisten gebt euren Content auf diese Social-Media-Plattformen, womit sie nicht ganz unrecht haben, was man aber gerade bei Twitter vergisst: Man erhält wahnsinnig viele Informationen oder Hinweise auf Geschichten. Dort ist einfach sehr viel Know-how unterwegs, wenn man diese ewigen Diskussionen weglässt. Im Alltag versuche ich auch, so viele intelligente Menschen wie möglich zu treffen. Auch deswegen bin ich auf Twitter.

    STANDARD: Wie viele Stunden pro Tag?

    Thür: Ich stoppe nicht mit, es werden aber schon ein, zwei Stunden sein.

    STANDARD: Pro Tag oder pro Dienst?

    Thür: Ich bin immer im Dienst. Als innenpolitischer Journalist hat man keine Freizeit und keine Dienstzeit.

    STANDARD: Schon gar nicht, wenn man sonntags moderiert?

    Thür: Klar, wenn man moderiert, ist es aber eher die konkrete Vorbereitung auf die Sendung. Gleichzeitig muss man als Journalist ständig da sein und mitbekommen, wo sich die politische Debatte aktuell befindet.

    STANDARD: Bei ATV haben Sie mit der Interviewsendung "Klartext" ein journalistisch sehr erfolgreiches Format etabliert. Würde Sie so eine Sendung auch im ORF reizen?

    Thür: "Klartext" hat mir wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber "Klartext" war "Klartext". Das hat genau so und genau in diesem Umfeld funktioniert. Es hatte viele Schwächen von ATV verdeckt, etwa dass der Sender kein eigenes Studio hatte, wir hatten kein Geld. Es waren viele kleine Dinge, die ich genommen habe, um aus den Schwächen eine Stärke zu machen. Deswegen würde auch "Klartext" so beim ORF nicht funktionieren. Umgekehrt würde aber auch eine "ZiB 2" bei einem Privatsender nicht gehen. Ich freu mich erst einmal wahnsinnig, hier mitzuarbeiten.

    STANDARD: Gibt es eine Befürchtung, die Sie vor der ersten Sendung haben? Zum Beispiel, den Namen der neuen CDU-Vorsitzenden falsch auszusprechen?

    Thür: Annegret Kramp-Karrenbauer ist ein schwieriger Name, aber der geht. Sportler sind da schon schwieriger. Da haben wir aber zum Glück wenige in der "ZiB 2". Nein, das ist die Angst jedes Moderators, ein völliges Blackout zu haben, aber ich hoffe nicht und gehe nicht davon aus, dass mir das passieren wird. Auch hier hilft gute Vorbereitung. (Oliver Mark, 9.1.2019)

    Martin Thür (36) ist neuer Moderator der "ZiB 2" am Sonntag. Zuvor war er 15 Jahre bei ATV, seit 2017 bei der Rechercheplattform "Addendum", wo er Sendungen für die Reportagereihe "Im Kontext" auf Servus TV gestaltete.

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      foto: apa/orf/ramstorfer

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