Pro & Kontra: Im Flugzeug mit dem Sitznachbarn reden

    Kolumne29. Jänner 2019, 15:05
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    Nettigkeiten austauschen oder in Ruhe lesen

    foto: istock/getty images/ oktay ortakcioglu

    Pro
    von Karin Bauer

    Wer neben mir sitzt, hat ein Ticket inklusive Reden gekauft. So ein kleiner Chitchat macht das Leben doch erst richtig schön! Gerade ein paar Kilometer über der Erde – wunderbar! Bringt Leichtigkeit, bereichert und vertreibt die Zeit. Wer Ruhe will oder recht schüchtern ist, hat's halt schlecht erwischt neben mir. (Vielleicht am Schalter sagen: Bitte nicht neben der Frau Bauer!)

    Wie heißt der Berg da unten? Sieht die Wolke nicht aus ... genau wie Heidi Klum? Sie sind mit dem Essen fertig – kann ich Ihre Butter haben? Es finden sich tausende Anknüpfungspunkte für den folgenden Austausch von Nettigkeit.

    Manche quetschen ihren Kopf zwischen Hörer oder stellen sich schlafend. Tja, Leute, das geht aber nicht ewig. Irgendwann ist's für alle so weit. Ich quatsche alle an. Und es lohnt sich immer. Was habe ich nicht schon an Liebestragödien und Lebenskomödien gehört. (Ja, manche schätzen das eben.) Die Welt wird so auch wieder deutlich übersichtlicher: Irgendjemanden kennt man, irgendwelche Interessen teilt man, irgendwo war man auch schon einmal.

    Kontra
    von Christoph Prantner

    Der Transkontinentalflug, ein Wellnessprogramm: Nickerchen während des Starts. Abstand halten von Bordentertainment und "Gourmet-Menü". Tomatensaft, stilles Wasser. Lesen, lesen, lesen – und lesen. Nickerchen während der Landung. Nichts brummt, bimmelt, tutet, fiept. Nichts bedarf unmittelbarer Aufmerksamkeit. Internet zu teuer. Milde Stewardessen blicken verständnisvoll. Himmlisch.

    Der Ruhesuchende hat sich drei Ausgaben des Handelsblattes in den Rucksack gestopft, eine jungfräuliche FAS von vorvergangenem Wochenende, mehrere nur durchgeblätterte New Yorker. Dazu zwei Sachbücher, einen von der Liebsten wärmstens empfohlenen Roman und einen Packen Unterlagen, die auch schon längst gelesen gehörten.

    Gehörten – das ist eine Möglichkeitsform. In Wirklichkeit sieht sich der Ärmste in der Troposphäre einem fidelen Plaudertäschchen ausgesetzt, vor dem es kein Entrinnen gibt. Die leidlich gute Kinderstube ist ein Hund: höflich bleiben, konversieren. "Und, geht's heute auch nach L.A.?" Lieber wäre mir jetzt Pjöngjang – darf er sich nur denken. (RONDO, 11.1.2019)

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