Wieso ich mit um die Hüfte gewickelter Jacke laufe

Blog9. Jänner 2019, 10:00
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Im Winter lasse ich mich gerne als schlechter oder gar peinlicher Läufer etikettieren. Am Versuch, die Seestadt Aspern zu erreichen, bin ich gescheitert

foto: thomas rottenberg

Wenn Wilhelm Lilge recht hat, bin ich kein schlechter, sondern ein miserabler Läufer. Das hat nichts mit den Zeiten oder Platzierungen zu tun, die ich mir in meinem Leben erlaufen habe oder vielleicht noch erlaufen werde. Denn wenn ich mich nicht irre und das Zitat dem streitbaren Antidoping-Aktivisten und Coach etlicher heimischer Spitzenläufer (etwa Andreas Vojta) nicht fälschlich und also zu Unrecht zuschreibe, hat Lilge einmal postuliert, dass man schlechte Läufer (und Läuferinnen) auf den ersten Blick daran erkennen könne, dass sie mit um die Hüften gewickelten Jacken unterwegs sind.

Was das mit "schlechtem Laufen" zu tun haben soll? Ganz einfach: Ein guter oder halbwegs routinierter Läufer sollte von vornherein gut abschätzen können, welches Outfit wohl zu Tag und Trainingsplan passt.

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foto: thomas rottenberg

Dem will ich vom Prinzip her gar nicht widersprechen. Schließlich gilt beim Laufen das gleiche wie beim Skitourengehen: Wenn es sich zu Beginn frisch anfühlt, wird es nach 15 Minuten passen.

Unabhängig davon, wie die eigene Definition von "kalt" oder "warm" aussieht und welches das individuell perfekte Set-up für das jeweilige Wetter wäre: Da ist nämlich wirklich jeder und jede anders aufgestellt – und die einzig gültige Methode, das individuelle Idealsetting herauszufinden, ist jene, die eine gute Freundin ihren Pfadfinderkids einst unter dem Namen "Learning by Einfahring" näherbrachte. Womit wir wieder bei der Lilge-Doktrin wären.

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foto: thomas rottenberg

Ich bin nämlich lieber ein in den Augen anderer schlechter als noch öfter verkühlter Läufer. Und gerade im Winter bedeutet das für mich, dass ich ohne Wind- oder Wasserstopper als äußerster Schicht schlicht und einfach nicht auf jene Betriebstemperatur komme, die ich brauche.

Also wickle ich mir die Jacke dann eben um die Hüften – oder stopfe sie in den Rucksack. Was die Sache aber NICHT weniger angreifbar macht. Im Gegenteil: Das Thema Trailrucksack habe ich hier diesen Sommer einmal angeschnitten – und prompt folgte eine wilde und teils heftig untergriffige Debatte.

Ich versuche schon lange nicht mehr, derlei zu verstehen, sondern stelle einfach fest: Vergangenen Sonntag haben mich Jacke und Rucksack (und das darin in einem Plastiksackerl eingepackte Not-Shirt) gerettet. Und das, obwohl ich lediglich in der Stadt unterwegs war.

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foto: thomas rottenberg

Dabei hatte alles harmlos-sonnig angefangen. Vergangenen Sonntag, bei einem der gemütlichen Gruppen-Sonntags-Longruns, bei denen ich gerne und halbwegs regelmäßig mitlaufe. (Nebenbei: Sogar über das Gemeinsam-Laufen lässt sich in Onlineforen trefflich und beleidigend streiten. Weiß der Teufel wieso. Egal.)

Der Plan lautete: Von der City in die Seestadt und zurück. Rund 25 Kilometer in einer lockeren Pace. Perfekt. Auch am Wetter gab es nichts auszusetzen: Knapp über null Grad, halbwegs sonnig – aber ein bisserl windig.

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foto: thomas rottenberg

Der Anfang war, wie bereits gesagt, fein. Die Gruppe funktionierte auf Anhieb. Alte Freunde und neue Bekannte. Keine übertriebenen Ehrgeizler, aber auch keine "Bremser" oder Leute, bei denen der erste Augenschein (der natürlich komplett falsch sein kann) Anlass zur Frage gegeben hätte, ob sie wirklich schaffen, was Mischa sich als Route und Ziel gesetzt hat.

Sicherheitshalber habe ich deshalb im Rucksack immer Notfallmaterial mit: Neben (m)einem Ersatzshirt auch ein kleines Erste-Hilfe-Set, eine Thermoplane, Traubenzucker, ein paar Salztabletten, ein Buff, Schokolade. Das Zeug wiegt nichts – und das Risiko, ein halbes Kilo "Totlast" spazieren zu tragen, nehme ich gern auf mich.

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foto: thomas rottenberg

Ein Neuer in der Gruppe bedeutet jedes Mal diese eine Frage: "Wie machst du das mit den Bildern eigentlich? Verwendest du eine Kamera mit Selbstauslöser oder legst du das Handy in den Schnee?" Per Mail kommt mit schöner Regelmäßigkeit sogar die Frage, ob ich einen mitlaufenden Fotografen hätte, der nie mit ©-Verweis auftauchen darf.

Darum hier wieder einmal die Auflösung des Bilderrätsels: Die Fotos dieser Kolumne werden fast ausschließlich mit meiner Gopro gemacht. Die kleine Actioncam kann nämlich nicht nur Videos machen, sondern macht (aus Amateursicht) für solche Zwecke sehr passable Fotos. und zwar ohne mich abzulenken: Im "Dauerfeuermodus" schießt sie jede halbe Sekunde ein Bild. Vollautomatisch.

Martialisch ausgedrückt ist die Gopro (als Genre, es gibt ja auch andere Hersteller) die Schützenmine unter den Fotoapparaten, während der Profi mit der teuren Spiegelreflexkamera der "Sniper" ist: Er zielt und wartet auf den einen, perfekten Schuss. Bei Actioncam-Knipsern heißt es dagegen nur "this side towards enemy": Es ist keine Frage fotografischen Könnens, sondern der Statistik, dass unter 1.500 Bildern 20 brauchbare sind. Spätestens beim dritten oder vierten "Einsatz" hat man den Dreh raus.

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foto: thomas rottenberg

Falls Sie es genau wissen wollen: Ich verwende seit knapp vor Weihnachten, die Gopro7. Davor war es rund zwei Jahre die Session 5: Der kleine Würfel mit 3,5 Zentimetern Kantenlänge lag perfekt in der Hand, konnte genau, was ich brauche, hatte aber einen Nachteil: Actioncam-Akkus sind meist schwachbrüstig – und bei der Session kann man sie nicht austauschen. Nach zwei Jahren Dauerbetrieb kann man ihnen beim Abkacken quasi in Echtzeit zusehen.

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der standard/thomas rottenberg

Die 7er kann weit mehr, als ich brauche. Sie ist schneller als die Fünfer und hat einen Bildstabilisator, mit dem sich sogar beim Laufen Videos machen lassen, bei deren Anblick man nicht seekrank wird und die, auch wenn dieses hier brutal runtergerechnet ist, 4K-Qualität haben. Außerdem kann sie ein paar nette Kleinigkeiten, etwa Sprachkommandos befolgen. Mitunter reagiert sie auch, wenn im Nebenzimmer jemand "Kobold" oder "Proporz" sagt.

Fakt ist aber, dass sie einen besseren (ich bin kein Auskenner, sehe aber den Unterschied) Bildsensor hat.

Deshalb fragte ich, ob ich das bereits gebrauchte Testgerät aus dem Agenturpool kaufen dürfe. "Behalte sie" kam als Antwort. Weil das so natürlich nicht geht, ging ich im Caritas-Shop dreistellig-adäquat Ziegen kaufen.

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foto: thomas rottenberg

Zurück zum Sonntagslauf zur Seestadt. Dorthin wollten wir, weil eine Läuferin Mischa den Floh ins Ohr gesetzt hatte, im See ihrer Siedlung lebe eine aufgrund schlechter Manieren oder Dudelsackallergie in die Satellitenstadt fernab der Highlands verbannte Verwandte des Ungeheuers von Loch Ness.

Dass Wiens Nessie noch nie gesehen, geschweige denn fotografiert worden ist, sei irrelevant. Mehr noch: Wie bei jeder anständigen Verschwörungstheorie beweise genau das Fehlen von Bildern, wie akribisch, penibel und verzweifelt die Systemmedien die Wahrheit zu verschleiern … und so weiter.

Kurz: Wir hatten schon unterwegs ziemlich viel Spaß.

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foto: thomas rottenberg

Von der Route hatten wir wenig Tau. Ich wäre einfach der U2-Trasse über die Donau gefolgt und nach dem Knoten Kaisermühlen via Mühlwasser und SMZ-Ost in die Trabantenstadt getrabt. Mischa aber lief mit uns bis zur S-Bahn-Station Lobau donauabwärts und schwenkte dann via Schillerwasser nach Norden: Auch eine schöne Option, und den Haxen verknackst hatte ich mir ja ohnehin schon vorher.

Und zwar als ich nach der Geländerkletterei für das Von-oben-Foto am Radweg unter der Tangente (Bild 6) 30 vielleicht 50 Zentimeter runtergehopst war: Bei so einem Nichtsprung gebe ich nicht wirklich acht. Ein Klassiker. Den kleinen Stich im Knie nahm ich weder wirklich wahr noch ernst. Erst als ich auf dem Weg donauabwärts zu lahmen begann, fiel mir das kleine "Zingg!" wieder ein.

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foto: thomas rottenberg

Manchmal hilft es, über einen Bagatellschmerz einfach drüberzulaufen. Aber eben nicht immer. Diesmal zum Beispiel. Und jeder Schritt machte es schlimmer. Ich wurde langsamer. Der Schmerz verschwand. Ich trabte wieder an. Er kam zurück. Es tat weh. Richtig weh. "Mischa, ich bin raus. Rennt weiter." – "Sicher?" – "Ja, das war es heute für mich. Shit happens. Viel Spaß noch." – So leicht wird man Freunde aber nicht los: "Wie kommst du zurück? Brauchst du Hilfe? Sollen wir ein Taxi rufen? Soll einer von uns da bleiben? Weißt du, wie du zur U-Bahn kommst? Hast du ein Handy dabei? Bist du dir sicher?" Und so weiter. Gut so.

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foto: mihajlo grbavac-palmisano

"Ich hab alles. Lauft weiter. Grüßt das Seeungeheuer."

Und weg waren sie.

Ich wusste zwar nicht wirklich genau, wo wir gerade waren, aber auch in Transdanubien ist Wien nicht so unerschlossen, dass man wirklich verlorengehen könnte: Irgendwo fährt immer ein Bus – und der bringt einen zur U-Bahn. Der Bus wäre in 12 oder 15 Minuten gekommen. Taxi, Uber oder irgendein Abholer hätten mindestens genauso lange gebraucht. Also ging ich. Laufen? Keine gute Idee. Und natürlich wurde es jetzt, wo ich auskühlte und von innen nicht mehr nachheizte, rasch kalt: Hatten vorhin Skiunterleiberl, Laufshirt und Mütze mehr als gereicht, war ich jetzt froh über Notshirt, Windjacke, Handschuhe und Buff im Rucksack.

Es waren nicht mehr als 15, vielleicht 20 Minuten bis zur U-Bahn. Aber nassgeschwitzt im kalten Wind reichen im Winter auch fünf Minuten, um sich eine richtig böse Erkältung einzufangen.

Ja, auch mitten in Wien: Deshalb ist es mir herzlich egal, ob es irgendwer lächerlich findet, wenn ich in der Stadt im Winter mit Trailrucksack laufe. Oder mir eine Jacke umwickle: Lieber ein schlechter als ein kranker Läufer.

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foto: mihajlo grbavac-palmisano

Was mich aber schon ein bisserl wurmt: Der Rest der Gruppe erreichte die Seestadt und den See keine halbe Stunde später. Eineinhalb Stunden später waren sie wohlbehalten und fröhlich zurück. Mit strahlenden Mienen. Es sei, sagten sie, windig, frisch und super gewesen. Eine doch irgendwie andere Welt – weil Reißbrettstadt und nicht organisch gewachsen.

So wirklich lebendig und rosig wie in den PR-Broschüren der Stadtplaner, erzählte danach beim gemeinsamen Abhängen mit den Läuferinnen und Läufern der anderen Gruppen die mitlaufende Seestadt-Anrainerin, sei es hier noch lange nicht. "Sonst würde die Seestadt ja auch nicht so massiv beworben werden. Ich wohne hier vor allem, weil es leistbar ist." Und wegen des Seeungeheuers. "Das ist da. Wirklich."

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foto: mihajlo grbavac-palmisano

Die, die bis zur Seestadt gekommen waren, zwinkerten einander an diesem Punkt der Erzählung der Trabantenstadtbewohnerin verschwörerisch zu – und schüttelten einhellig die Köpfe: Seeungeheuer, sagten sie dann mit dem Brustton der Überzeugung, hätten sie keines gesehen. Sie hätten aber ganz genau geschaut. Und hätten den See auch umrundet. Doch dabei lächelten sie eine Spur zu gönnerhaft. Das Wording war einen Tick zu gleich.

So etwas ist mehr als verdächtig. Tatsächlich ja schon beinahe ein Beweis. Auch dass mir Mischa partout nicht all seine Fotos (er rennt ebenso wie ich mit einer Gopro durch die Welt), sondern nur eine Auswahl geben wollte … Sobald mir das verstauchte Knie nicht mehr wehtut, werde ich also selbst Nachschau halten.

Und auch wenn ich dann beteuern und schwören würde, dass da nichts ist: Glauben Sie es nicht. Die (wer immer "die" sein mögen) wissen, wie sie einen dazu bringen.

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foto: thomas rottenberg

Epilog. Mein Ausfall beim "Seeungeheuerlauf" hatte aber auch etwas Gutes: Ich hatte genug Zeit, um dann, dick eingemummelt, noch auf der Prater Hauptallee vorbeizuschauen. Dorthin hatte Natascha Marakovits geladen: Marakovits war früher beim "Kurier" Chronikredakteurin und Laufbloggerin, lief mehrere Jahre im Team der Asics-Frontrunner und schreibt nun unter dem Pseudonym RunNa einen Laufblog.

Seit Jahresbeginn ist sie aber auf Laufbloggerwolke sieben daheim – als Fulltime-Redakteurin der deutschen Laufzeitschrift "Läuft". Ihre erste große Reportage brachte sie gleich zurück nach Wien: Das Magazin featurt regelmäßig die Laufszene großer Städte – und lädt dann dort zum Lauf-Foto-Shooting.

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foto: thomas rottenberg

Dass da Elite- und Profiathleten (etwa Stefan Listabarth, Luca Sinn und Christian Steinhammer) antreten, überrascht nicht. Doch Wien ist anders als deutsche Städte. Das gab auch Marakovits Fotograf Norbert Wilhelmi freudestrahlend zu – obwohl ihm nach drei Stunden Fotografieren in Eiseskälte fast die Finger abfielen: "Ganz abgesehen davon, dass diese Location (die Hauptallee, Anm.) großartig ist: So viele Leute hatten wir bei so einem Shooting noch nie. Normalerweise kommen 15, vielleicht 20. Hier sind wir jetzt fast bei 60. Es ist zwar saukalt – aber mit euch macht das hier so richtig Spaß."

(Einige Fotos vom Läuft-Shooting gibt es auf den Facebook-Seiten von Tom Rottenberg und laufen.de. (Thomas Rottenberg, 9.1.2019)

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Gopro 7 wurde vom Hersteller als Testgerät zur Verfügung gestellt. Sie wurde danach durch eine aliquote Spende an die Caritas abgelöst.


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