Wenn die Bilder gegangen sind: Ausstellung von Perrine Lacroix

    8. Jänner 2019, 13:35
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    Von den Kontexten der Bilder, deren Flüchtigkeit und dem, was sie zu erzählen wissen, berichtet die Ausstellung der französischen Künstlerin in der Kunsthalle Krems

    Bunte, von Google komponierte Farbfelder kennt jeder, der schon einmal mit einer lähmend langsamen Internetverbindung eine Fotosuche angestoßen hat: Dann erscheinen die begehrten Bilder für ein paar Augenblicke als monochrome Flächen. Hübsche Zufallsabstraktionen.

    "Hübsch" wäre definitiv die falsche Zuschreibung für die lichtblauen, zitronengelben, pfirsichfarbenen, schwarzen und mausgrauen Rechtecke, die Künstlerin Perrine Lacroix auf diese Weise gefunden hat: Das Muster steht für die Suche "6. April 1945 Krems" – die sogenannte Kremser Hasenjagd. Bei dem Massaker im Zuchthaus Stein, wo viele politische Gefangene des NS-Regimes inhaftiert waren, kamen an jenem Tag 386 Menschen ums Leben.

    foto: perrine lacroix
    Perrine Lacroix: "Google Search: Avril 45 Krems", 2017

    Die Französin Lacroix, die 2017 als Artist in Residence in Krems zu Gast war, hat von den Ereignissen erst am Ende ihres Aufenthalts erfahren. Für sie war klar, dass sie bei ihrer Präsentation in der Kunsthalle Krems, also in direkter Nachbarschaft zur heutigen Haftanstalt Krems-Stein, auf die tragischen Ereignisse und die lange fehlende Erinnerung an die im Widerstand Gestorbenen Bezug nehmen will. Das Gefängnis nahm sie als "stummen Tresor, als massives und verbotenes Objekt" mitten im Zentrum der Stadt wahr.

    Was Bilder fassen können

    Claude Lanzmann hatte 1985 in Shoah das Archivmaterial verdammt – Bilder könnten das Grauen nicht fassen. In diesem Sinn könnte man Lacroix' Installation aus farbigen, auf eine Mauer im Kremser Stadtpark übertragenen Flächen verstehen. Ihr Memorial stellt aber auch ganz allgemein die Frage nach dem, was Bilder vermitteln können. Denn die Werkzeuge, mit denen wir ursprünglich die Welt zu fassen suchen, ersetzen heute oft die unmittelbare Wirklichkeitserfahrung.

    foto: perrine lacroix
    Das Massaker der "Kremser Hasenjagd" erinnern? Perrine Lacroix hat die Schwierigkeit in Leerstellen übersetzt, die bei einer Google-Bildersuche zum 6. April 1945 auftauchten.

    Lacroix belässt es nicht bei dieser stillen Intervention. Im Rahmen eines Workshops zu aktuellen Konzepten des Widerstands wurden die Farbflächen zu Schildern, zu Utensilien einer performativen Demonstration zwischen Kunsthalle und Stadtpark.

    "Einen vergänglichen Moment festhalten und ihn endgültig werden lassen, diesen Moment versteinern wie die Mumien in Pompeji." – Dieses Zitat Lacroix' passt aber auch zu ihren anderen konzeptuellen Arbeiten: überlegte Werke, die mit Zartheit und Zurückhaltung überzeugen.

    foto: perrine lacroix
    Perrine Lacroix: aus der Serie "In Progress", Kunsthalle Krems 2017

    Sie thematisieren den Raum als Grundbedingung des Ausstellens und fokussieren dabei auf die Zeit zwischen zwei Präsentationen, wenn Räume adaptiert und renoviert werden. In Fotografien erscheinen frisch verspachtelte Wände wie monochrome Gemälde, Leitern wie Skulpturen im Raum. Manchmal zeigen Lampen noch das Geviert an, wo einst ein Bild hing: Geister vergangener Ausstellungen. (Anne Katrin Feßler, 8.1.2019)

    Bis 10. Februar, Kunsthalle Krems

    Am 9. 1. (17 Uhr) diskutiert Lacroix mit Historiker Robert Streibel über die Schwierigkeit, mit historischen Ereignissen zu arbeiten, und die Relevanz von Denkmälern.

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