Volkswagen will chinesischer werden

    7. Jänner 2019, 19:04
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    Konzernleiter Diess macht das China-Geschäft von 2019 an zur Chefsache. Er hat dabei die dortigen innovativen Technologien im Auge

    Marktführer VW drängt sich 2019 in China vor, während einheimische Autohersteller und ausländische Konzerne von den USA bis Japan ihre Verluste beklagen und ihre Pkw-Produktion sicherheitshalber einschränken lassen. VW-Konzernchef Herbert Diess ficht das nicht an. Er stellte am Montag in Peking seine neue China-Strategie für Volkswagen vor und die Änderungen, die sie für das China-Management der Gruppe bringt. Diess übernimmt selbst im Vorstand die Zuständigkeit für China von seinem Vorgänger Jochem Heizmann, der in den Ruhestand tritt. Als dessen Nachfolger lenkt Stephan Wöllenstein die VW-Geschäfte vor Ort, ohne Sitz im Vorstand. Diess will seine Präsenz auch zeigen: "2018 verbrachte ich 20 Tage in China. 2019 werden es wohl doppelt so viele werden."

    Mit der Rezentralisierung ihres China-Engagements, das zur Chefsache von Diess wird, reagieren die Wolfsburger auf die künftige Bedeutung des größten Automarkts der Welt. 2018 setzten sie dort mehr als vier Millionen Pkws ab, beschäftigten über 100.000 Mitarbeiter in 33 Werken. Jetzt wollen sie einen Schritt weiter gehen. "Bisher haben wir europäische Technologie nach China gebracht und sie dort lokalisiert und vermarktet", sagte Diess. Damit sei Volkswagen gut gefahren, konnte in China 23 Millionen Fahrzeuge verkaufen und liege heute bei einem Marktanteil von 20 Prozent. Künftig wolle es neue Wagen mit China gemeinsam entwickeln. "Die Zukunft von Volkswagen wird in China entschieden." Der Konzern "werde chinesischer werden".

    VW setzt auf E-Mobilität

    In einem VW-Vorabstatement hieß es: China setze künftig die globalen Standards in der E-Mobilität, bei der Konnektivität, beim autonomen Fahren und bei "shared mobility". Zur Entwicklung und Anwendung solcher intelligenten Technologien werden neue innovative Fähigkeiten benötigt, die sich in China finden lassen und für die der Staat eine "klare Autopolitik und Industrieplanung" vorgegeben hat.

    Mit den starken Technologiegesellschaften in China finde Volkswagen das "richtige Umfeld vor, um die nächste Generation von Autos herstellen zu können". China würde zum "Kraftzentrum für die Autoindustrie in den kommenden 20 Jahren". Volkswagen wolle mit von der Partei sein. Diess versprach, dass Investitionen in den Aufbau lokaler Infrastruktur und in neue Fähigkeiten der Digitalisierung nicht auf Kosten von Arbeitsplätzen in der Forschung und Entwicklung (R&D) in Deutschland gehen würden. Sie sollen zusätzlich geleistet werden. Er kündigte an, für die Reorganisation der neuen Strategie das "ganze Jahr 2019 zu verwenden".

    Seit 2015 ist China der weltgrößte Markt für neue Energiefahrzeuge (NEV) geworden. Ihr Umfang wächst dank hoher Subventionen auch rasant an. Wie "China Daily" am Montag meldete, rechne der chinesische Pkw-Verband mit rund 1,2 Millionen verkauften NEV-Fahrzeugen im Jahr 2018 (ein Zuwachs von mehr als 60 Prozent). Für 2019 erwartet er trotz geplanten Teilabbaus der Subventionen einen Anstieg auf 1,6 Millionen verkaufte NEV-Wagen.

    Warnung vor Verlusten

    Kritik bleibt selbst in China nicht aus. Autoexperten beschrieben im Wirtschaftsfachnetz "Zhongguo Jingjiwang" die Gefahren der staatlich gepuschten NEV-Entwicklung. Noch machten die NEVs erst vier Prozent der 2018 rund 28 Millionen verkauften Fahrzeuge aus. 2019 könnten sie im stagnierenden Markt auf fünf Prozent kommen. Doch die Subventionspolitik führe zu Verzerrungen am Markt vorbei und erzeuge Überkapazitäten. 2018 hätten bereits zwölf Millionen Fahrzeuge produziert werden können, doch 90 Prozent der Produktionskapazitäten lagen brach. Der Fachdienst "Automotive News China" warnte vor Verlusten bei den inzwischen mehr als 400 Start-ups für Elektroautos. Bis 2020 würden sie ungebremst 20 Millionen NEV-Autos produzieren könnten, das Zehnfache dessen, was Peking an Neuwagen plant.

    Die VW-Gruppe verzeichnete 2018 ihre Zuwächse im konventionellen Autogeschäft, während Chinas Gesamtmarkt zum ersten Mal seit 28 Jahren stark einbrach. Im vierten Quartal 2018 fiel er sogar doppelstellig und löste Alarmrufe aus. Die Gesamtzahlen für 2018 sind offiziell noch nicht veröffentlicht. 1,1 Millionen weniger Wagen sollen 2018 insgesamt weniger verkauft worden sein, hieß es seitens des VW-Konzerns. Volkswagen konnte knapp zulegen.

    Frühe Veröffentlichung

    Die Wolfsburger zeigten sich darüber so stolz, dass sie die Einzelzahlen zu 2018 in den ersten Jännertagen hinausposaunten, noch bevor andere Automobilkonzerne ihre Bilanzen veröffentlichten. Danach legte die Volkswagen-Gruppe in ihrem Jointventure mit Schanghai, SAIC, 2018 mit 2,06 Millionen verkauften Pkws (einschließlich der stark wachsenden Marke Škoda) um 0,1 Prozent zu. Im Vergleich fiel der Absatz des US-Autoriesen GM, der auch mit SAIC zwei Jointventures unterhält, um 1,5 und 3,65 Prozent.

    Das zweite Großjointventure der Wolfsburger mit FAW Changchun konnte mit mehr als 1,41 Millionen verkauften Pkws um 0,8 Prozent wachsen. "Die VW-Gruppe behauptete sich gegen den Trend dank ihres breit aufgestellten Händlernetzes und ihrer Modellpolitik mit mehr Angeboten von SUV-Fahrzeugen", sagte der Autoexperte Li San, Vizepräsident der Auto-Online-Agentur Internet Info Agency (IIA).

    Erfolgreich vermarktete sich der auch in Changchun hergestellte Audi. Im vierten Quartal 2018 konnte der Verkauf richtig aufdrehen. Audi setzte sich 2018 nach eigenen Angaben mit 660.888 verkauften Wagen wieder an die Spitze der in China boomenden Premiumklasse. Audi entthronte die bis November führende Marke Mercedes der Daimler-Gruppe. 600.700 verkaufte Audis kamen aus einheimischer Herstellung, ein Zuwachs von 10,2 Prozent. Dank der ab zweitem Halbjahr 2018 gesenkten Autoeinfuhrzölle von 25 auf 15 Prozent konnte Audi auch mehr als 60.000 Importwagen verkaufen, ein Zuwachs von sogar 20 Prozent.

    Dreifache Herausforderungen

    Doch Chinas Automarkt wurde 2018 gleich dreifach vom verlangsamten Wirtschaftswachstum, höherer Verschuldung der Konsumenten und dem drohenden Handelskrieg mit den USA abgebremst. Durch den Handelsstreit mit den USA erlitten US-Autokonzerne, deren Strafzölle von Peking auf 40 Prozent erhöht wurden, herbe Verluste. Seit Dezember hat China seine Zusatzabgaben auf US-Autoimporte im Zuge der seit Montag begonnenen neuen Verhandlungen mit den USA aufgehoben. Ihr Ausgang ist allerdings ungewiss.

    Noch weniger Vertrauen haben die japanischen Konkurrenten von VW in den derzeit instabilen Automarkt. Japans Firmen Nissan und Mazda kündigten an, bis Juni 2019 ihre Autoproduktion in China um bis zu 20 Prozent drosseln zu wollen, meldete Japans Nachrichtenagentur Nikkei. Auch andere ausländische Unternehmen von Ford bis Südkoreas Hyundai wollen ihre Pkw-Herstellung für 2019 vorsichtshalber verringern.

    Marktführer Volkswagen verbreitete am Montag auf seiner Pressekonferenz Zuversicht. Die Gruppe glaube, auch in einem "flachen" Markt 2019 besser als andere abschneiden zu können. Sie setze auf eine "doppelte Offensive" mit ihren ersten NEV-Wagen, die sie in Chinas Markt bringen will. Und als Sicherheit auf neue SUV-Modelle, die in China stark nachgefragt würden. (Johnny Erling aus Peking, 7.1.2019)

    • VW will das China-Geschäft in Zukunft stärker vorantreiben.
      foto: reuters

      VW will das China-Geschäft in Zukunft stärker vorantreiben.

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