Menasses Literatur – wortlich und sportlich

    Kommentar der anderen7. Jänner 2019, 15:41
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    "Die Welt" entfachte eine Debatte über den Umgang des Schriftstellers mit Zitaten. Nun gestand er aus wissenschaftlichem Standpunkt Fehler ein. Aber muss Literatur wissenschaftlich zitieren?

    Ansgar Graw figurierte in der Welt einen Skandal mit dem Titel "Was kümmert mich das Wörtliche". Philologisch gesehen geht es bei der Dichtkunst auch nicht ums Wörtliche, sondern um das Wort, die Exaktheit des Sinns. In Luthers Ein feste Burg ist unser Gott heißt es, "ein Wörtlein kann ihn fällen", bezogen auf den "Fürst dieser Welt", ein Wörtl quasi: Wahrscheinlich lautet es "pfui", welches den nicht angerufenen Teufel grammatikalisch als Interjektion fällt.

    Der Umstand, dass sich Robert Menasse jetzt entschuldigt hat, ist sein Problem, vielleicht auch Ziel, Teil seiner Performance. Wendelin Schmidt-Dengler hat einmal von der "ihm eigenen Bescheidenheit" Menasses gesprochen, aber der Professor war ja auch Rapidler, als solchem schmeckt ihm das Dribbling des Austrianers Menasse nicht. Die Frage, wer sich da noch auskennt, hat zum Glück eine klare Antwort: Es geht um den Text! Und der ist wunderbar nachvollziehbar, nämlich lesbar.

    Poetisches Spiel

    Die Analyse wird dabei sogar zum Reim verführt. Die Figur des Alois Erhart, eines musilianischen Experimentialbiografen im beanstandeten Roman Die Hauptstadt, ist nämlich der Sohn eines Fußballers und Jahn-Turners und agiert nicht wörtlich, sondern wortlich, auch wenn die Duden-Redaktion dieses Wort als vielleicht noch nicht existent erkennt. Erhart zitiert die Texte des Wissenschafters Armand Moens wortlich und nicht wörtlich, quasi sportlich, was ihm offenbar wörtlich gesehen im Blut liegt. Er denkt angesichts einer Rede an die Idee letzter Worte, den sportlichen Akt, etwas auf den Punkt zu bringen, Sinn muskulös zusammenfügen.

    Menasse dichtet dem deutschen Politiker Walter Hallstein eine Rede in Auschwitz an, wobei sich in Die Hauptstadt die sogenannten Söldner Christi, die Römischen Verträge und Auschwitz zur Metapher verbinden. Diese Technik der Figuration, das poetische Spiel mit der Originalität, durchzieht Menasses Werk. Er interagiert so mit dem von ihm erkannten Dilemma der Postmoderne, der vorhegelschen Stufe, auf welche die Menschheit zurückgefallen ist. Die Romanhandlungen sind dabei so brisant, dass sich der Autor durch Fiktion schützen muss. Journalisten schreiben eher nicht über solche Hintergründe, das hat sicher Gründe.

    Schon im Debüt, der Trilogie der Entgeisterung, ist der erste Roman Sinnliche Gewissheit performiertes Faktum für die Leserschaft, der zweite Roman Selige Zeiten, brüchige Welt bedeutet aber fiktive Aufhebung des zuvor Erzählten. Die Komplexität dieser literarischen Komposition ist in der hegelschen Phänomenologie der Entgeisterung zu erlesen, deren Entstehen in den Romanen beschrieben wird. Die Vertreibung aus der Hölle verdeutlicht, wie Menasse Fiktives und Faktisches spielerisch und satirisch an seiner Person festmacht, der des Autors, den es laut Postmodernismus angeblich gar nicht gibt. Nicht wortwörtliche Namensgleichheit und (Seelen-)Verwandtschaft mit dem Rabbiner Mannaseh ben Israel, dem Lehrer Spinozas, ist mit einem separaten Erzählstrang von Viktor Abravanel verbunden. Dieser könnte ein biografischer Menasse sein, im als sektiererisch beschriebenen Milieu des Linksfanatismus der 70er-Jahre.

    Technik der Empathie

    Menasses Technik ist die Empathie durch Aneignung von Dichtern, Denkern und eben Politikern, die im Drama Das Paradies der Ungeliebten Namen von Fußballern tragen. Denkfigur ist Schaufigur, Erläuterung und Laut, welche den Sinn des Gedankens, seine Wahrheit offenbart. Das führt bei Menasse zu Sätzen wie: "Ich bin Robert Musil." Hoffentlich muss er jetzt nicht dementieren, Musil zu sein. Bei der Kunstaktion zur Europäischen Republik wurde ihm ja vorgeworfen, den Akt eines Staatverweigerers zu setzen. Vielleicht werden am Burgtheater bald Shakespeare-Könige verhaftet, weil sie einen monarchistischen Umsturz planen könnten. Menasse jedenfalls hat in den unpolitischen Nullerjahren mit seinen Frankfurter Poetikvorlesungen äußerst einsam das Politische in der Literatur gefordert.

    Interessant bleibt, dass sich Graw um Österreich sorgt: "Ein FPÖ-Abgeordneter führte im Mai 2013 im Wiener Nationalrat den fiktiven Hallstein gegen die ÖVP ins Feld." Das suggeriert nahezu schon preußisch-mütterliche Liebe zum kornblumenblauen Vizekanzler Heinz-Christian Strache, der Menasse auf Facebook wortwörtlich als "Geschichtenerfinder" bezeichnet. Ist es auch eine Beleidigung, Strache als Politiker zu bezeichnen? Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Anstoß bekam Straches Logik womöglich von ORF-Anchorman und Twitterstar Armin Wolf, der den Welt-Text kryptisch mit "Das ist nicht gut." teilte. Während Strache an der Banalität scheitert, Wolf aufdeckerisch raunt, versteckt Graw offenbar seine Textkenntnis wie auch Patrick Bahners in der FAZ. Graw hat vom Jahr 2013 her konstruiert, aber Menasses Werk startet 1988. Das ist Graws Recherchemangel, ein Beweis für die Notwendigkeit der Geisteswissenschaften. Von der in Deutschland großkoalitionär unterstützten AfD-Posse um die geplante Verleihung der Carl-Zuckmayer-Medaille ganz zu schweigen. (Uwe Matuschka, 7.1.2019)

    Uwe Matuschka ist freier Autor und lebt in Wien. Er hat Deutsche Philologie studiert mit Fokus auf die Interdisziplinarität von Literatur und Politik.

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    • Er selbst habe bei Lesungen und Buchpräsentationen darauf hingewiesen, "Hallstein nicht wörtlich, sondern sinngemäß wiedergegeben" zu haben, erklärte Menasse in Kommentaren in "Welt" und "Presse".
      foto: standard/corn

      Er selbst habe bei Lesungen und Buchpräsentationen darauf hingewiesen, "Hallstein nicht wörtlich, sondern sinngemäß wiedergegeben" zu haben, erklärte Menasse in Kommentaren in "Welt" und "Presse".

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