Denkmalschutz: Zahnlose Regelung, fehlende Anreize

    7. Jänner 2019, 20:19
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    Das Mozarteum in Salzburg soll baulich erweitert werden, das erregt Unmut. In der Praxis zeigt sich beim Denkmalschutz eine Zweiklassengesellschaft

    Einzigartige Lage, herrlicher Blick auf Salzburg. Das Gut Guggenthal ist ein Architekturjuwel oder war einmal eines. Bis vergangenen Juni thronte es am Fuße des Gaisbergs. Dann vernichtete ein Brand große Teile des denkmalgeschützten Gebäudes – aber nicht alle, konstatiert Denkmalschützer Martin F., der anonym bleiben möchte. "Die Gewölbe stehen noch und müssen erhalten werden", fordert er. Laut einem Gutachten sei deren Statik schlecht, doch das Gegenteil sei der Fall, versichert der Experte. Bald sollen aber auch diese Teile verschwinden und einem gesichtslosen Neubau Platz machen.

    Am Beispiel Guggenthal offenbart sich die Praxis des Denkmalschutzes heute in Österreich: Zu wenig Geld sei für den Schutz erhaltenswerter Objekte vorhanden, zu viel werde daher abgerissen. Auch werde bei Zubauten auf historische Gegebenheiten kaum Rücksicht genommen, beklagt Martin F. Und die Politik mische sich oft in Vorhaben ein.

    Streitfall Mozarteum

    Für Unmut sorgt derzeit bei einigen Denkmalschützern eine Erweiterung am Mozarteum in Salzburg, die die Stiftung Mozarteum als Eigentümerin anstrebt. Geht es nach den vorliegenden Entwürfen, soll 2021 ein Kubus aus Glas und Stahl das Pausenfoyer des Konzerthauses mit dem Studientrakt verbinden. "Das Siegerprojekt überzeugt mit einem Konzept, das den Raum zwischen den Bestandsgebäuden für Licht und Durchblicke öffnet und die historischen Fassaden atmosphärisch in das neue Ambiente einbezieht", freut sich Juryvorsitzende Marie Therese Harnoncourt-Fuchs. Ein Zwischentrakt aus der Entstehungszeit des Gebäudes, der auch unter Denkmalschutz steht, soll dafür weichen. Bis zu zehn Millionen Euro sollen die Erweiterungen laut Stiftung Mozarteum kosten.

    Hannes Schneilinger verfolgt seit Jahren die baulichen Aktivitäten und den Umgang mit denkmalgeschützten Bauten in der Mozartstadt. Er war es, der den Stein rund um die Erweiterung des Mozarteums ins Rollen gebracht hatte. Der 63-jährige Salzburger schrieb Mails an Stadtpolitiker und informierte die Medien und machte damit auf das Vorhaben aufmerksam. "Ich habe den Eindruck, dass viele Umbauten oder Erweiterungen nicht gerne in der Öffentlichkeit diskutiert werden", sagt er.

    Zweiklassengesellschaft

    Denkmalschützer Martin F. kritisiert zudem eine Zweiklassengesellschaft: Während sich kleinere Eigentümer mit dem Denkmalschutz herumschlagen müssten – etwa wenn sie ein Fenster originalgetreu nachbilden müssen -, könnten einflussreiche Eigentümer, die einen guten Draht zur Politik und zum Denkmalschutz haben, es sich "richten".

    Österreich ist eines von wenigen Ländern, die das Übereinkommen zum Schutz des architektonischen Erbes, die Konvention von Granada 1985, zwar unterzeichnet, aber bis heute nicht ratifiziert haben. Es enthält etwa eine "unbedingte Erhaltungspflicht" für Eigentümer. Damit könnten diese verpflichtet werden, das Gebäude zu schützen und nicht zu vernachlässigen.

    Doch das wolle die Politik hierzulande nicht, weil dabei ins Eigentum der Besitzer eingegriffen werde, auch Enteignungen wären möglich, erklärt Markus Landerer von der Initiative Denkmalschutz, die österreichweit schützenswerte und unter Denkmalschutz stehende Gebäude beobachtet. Seine Schlussfolgerung: "Der Denkmalschutz ist daher oft zahnlos." Viele Eigentümer könnten sich aufwendige Renovierungen auch nicht leisten. Sie sollten vom Bundesdenkmalamt unterstützt werden, fordert Landerer.

    Öffentliches Interesse

    Mit 17 Millionen Euro förderte der Bund 2017 rund 1.300 Vorhaben. Viel zu wenig, heißt es. Auch steuerliche Anreize gebe es nicht. "Kultur- und Denkmalschutzleistungen müssten auch steuer- und abgabenrechtlich anerkannt werden, da deren Erhaltung im öffentlichen Interesse ist", findet die Initiative Denkmal Kultur.

    Positiv sieht Friedrich Idam, Unesco-Beauftragter für das Weltkulturerbe Salzburger Altstadt, die laut Regierungsprogramm geplante Reform der Behörde, die eine Serviceeinrichtung werden soll, die Besitzer fachlich berät und für ihr Denkmal begeistert.

    Rund 38.100 unbewegliche Objekte stehen derzeit in Österreich unter Denkmalschutz. 132 wurden 2017 unter Schutz gestellt, 319 im Jahr davor. Für Landerer sollten über 40.000 dazukommen. Doch für deren Überprüfung würde das Bundesdenkmalamt beim aktuellen Personalstand 150 Jahre brauchen, rechnet er vor. Das Landeskonservatorium Salzburg sei mit fünf Mitarbeitern unterbesetzt, in den anderen Bundesländern sehe es nicht besser aus.

    Regelmäßig erstellt der Denkmalbeirat im Bundesdenkmalamt Wahrnehmungsberichte über den Stand des Denkmalschutzes in Österreich. Jene aus den letzten Jahren wurden nur dem Parlament vorgelegt, nicht veröffentlicht. "Weil diese Berichte mittlerweile zu viel Negatives enthalten", mutmaßt Markus Landerer. (Christopher Erben, 7.1.2019)

    • Der Siegerentwurf für das neue Pausenfoyer des Mozarteums, geplant von den Architekten Maria Flöckner und Hermann Schnöll.
      foto: floecknerschnoell

      Der Siegerentwurf für das neue Pausenfoyer des Mozarteums, geplant von den Architekten Maria Flöckner und Hermann Schnöll.

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